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Begrüßung der Studienanfänger / Wintersemester 2012/13#

Auszug#


Von

Dekan Prof. Dr. Dr. Klaus Müller, Münster

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 58/2012


Liebe Studierende im ersten Semester,

heute nehmen Sie Ihr Studium der Katholischen Theologie auf ... Mein Fach – vermutlich das schönste in der ganzen Theologie – sind die Philosophischen Grundfragen der Theologie … verbindet ein gemeinsames Ziel: die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Religion und Glaube – zuvörderst natürlich mit der katholischen Tradition des Christseins, der die meisten von uns angehören, aber selbstverständlich wenigstens im Umriss auch die Beschäftigung mit den anderen christlichen Konfessionen sowie den nicht-christlichen Religionen.

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Dann die Kirche: denn der Glaube ist einer, den die Kirche – in unserem Fall: die katholische Kirche – verkündet und zu dem sie einlädt. Und schließlich Wissenschaft: also kritisches Nachdenken über das, was die Kirche und ihre Überliefungen sagen, und über das, was dadurch in und an Menschen geschieht. … Dass ein solches Ineinander von Glaube, Kirche und erstpersönlichem, autonomen Nachdenken nicht harmlos und konfliktfrei abgeht, versteht sich von selbst. Da kann nicht nur bislang Ungehörtes und Unerhörtes auf Sie zukommen, sondern genauso kann bislang für klar und selbstverständlich Gehaltenes zerbrechen. Machen Sie sich darum auf Spannungen und Konflikte gefasst, die Sie aushalten müssen – mehr als in jedem anderen Studienfach, und zwar von Anfang an.

Das gilt umso mehr, als Sie Ihr Studium in höchst aufregenden Zeiten aufnehmen, aufregend in mehrfacher Hinsicht: Da ist die Finanzkrise der europäischen Staaten, die einfach nicht aufhören will. Und längst ist klar, dass sie nicht aufhören wird, sondern das erste dramatische Warnzeichen ist, dass die ökonomisch-kapitalistische Wachstumsideologie an ihren Grenzen gekommen ist und das Wagnis ganz neuer Formen gerechten Zusammenlebens gefunden werden müssen – nicht nur in Europa zwischen den Starken und den Schwachen, sondern genauso global und mit Blick darauf, dass nun andere Weltregionen als der Westen weltweite Führungsansprüche anmelden. Soziale Gerechtigkeit freilich ist immer ein Kernthema der Kirchen und ihrer Theologien gewesen – und deswegen müssen sie ganz neue Antworten finden auf das, was da jetzt auf der Tagesordnung steht.

Nicht weniger aufregend nimmt sich aus, dass so gut wie alle Weltregionen, zumal diejenigen der südlichen Hemisphäre, buchstäblich brodeln von religiösen und kirchlichen Aufbrüchen. In Afrika und Fernost wachsen gerade die christlichen Glaubensgemeinschaften noch schneller als der Islam. Nur im alten Europa befindet sich – nicht Religion, sondern – das kirchlich verfasste Christentum im freien Fall. Und es gibt erste Anzeichen, dass das auch auf Nordamerika mit seiner gänzlich anderen kirchlichen und konfessionellen Szene übergreift. Irgendwie schaffen es die Kirchen da nicht mehr, die Botschaft des Evangeliums so weiter zu sagen, dass sie in die Seelen der Menschen spricht. Eklatantestes Indiz dafür sind zum einen der für die katholische Kirche mittlerweile lebensbedrohliche Priestermangel und dass Menschen aus der Mitte der Gemeinden in Scharen die Kirche verlassen – nicht wegen irgendwelcher Priester und Bischöfe, die sich unmöglich benehmen, und nicht einmal wegen solcher Schrecknisse wie der Missbrauchsskandal, der die letzten Jahre auch die deutsche Kirche beschäftigt hat, sondern weil sie den Verantwortlichen in der Kirche einfach nicht mehr zutrauen, angemessene Antworten auf die Zeichen der Zeit zu finden.

Es ist ja kein Zufall, dass z. B. vor wenigen Wochen – am 05. September - eine Gruppe namhafter Persönlichkeiten der deutschen Öffentlichkeit – Politiker und Medienschaffende – ohne Einbezug von Kirchenleuten gefordert haben: „Ökumene jetzt“. Weil das Reformationsjubiläum 2017 beste Gelegenheit böte, die Gräben zuzuschütten und über die Konfessionsgrenzen hinweg vor einer zunehmend agnostischen und antichristlichen Welt an einem Strang zu ziehen. Das wird natürlich nicht passieren. Und zwar einfach deshalb, weil es an der Machtfrage scheitert. Der Vatikan wird nie akzeptieren, dass der Bischof von Rom zwar einen Ehrenprimat und eine herausragende Stellung in der Behandlung von Glaubensfragen besitzt, aber deswegen nicht unbedingt weltweit über die Ein- und Absetzung von Bischöfen befinden muss und bis aufs Detail in Fragen der Ortskirchen hineinregiert.

Und so wird es beim Alten bleiben und verheerende Konsequenzen haben. Der jetzige Papst Benedikt hat als junger, frecher Theologe, der einmal als Münsteraner Professor war, genau in diese Richtung Vorschläge gemacht. Jetzt als Petrusnachfolger hat er sie offenkundig vergessen. Neulich schrieb einer in der Wochenzeitung „Die Zeit“: Ratzinger hätte die römische Kurie reformieren können. Hätte er es getan, wäre der Vatikan implodiert. Er hat es nicht getan. Aber eben darum implodiert der Vatikan jetzt auch. Wegen Untätigkeit. Deshalb der Rat des Autors: Schafft den Vatikan ab – und behaltet den Papst. Dieser Rat könnte durchaus zielführend sein. Passieren wird trotzdem nichts, denn:

Der Grund des Elends liegt viel tiefer. Das ist vor wenigen Wochen auf dramatische Weise offenkundig geworden. Am 31. 08. 2012 ist einer der weltweit anerkanntesten Kardinäle gestorben: Carlo Maria Martini, der ehemalige Erzbischof von Mailand, der größten Diözese der Welt. Ich kannte ihn persönlich, weil er Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana war in der Zeit, da ich damals dort mein philosophisches Doktorat machte. Martini, von Beruf ein staubtrockener Textkritiker, also jemand, der sich damit befasste, wie und ob uralte Handschriftenfunde Aufschluss über die frühesten Christengemeinden geben könnten, war ein weltweit bewunderter Autor geistlicher Bücher und jemand, der den rechten Ton fand, um auch Menschen anzusprechen, die sich der Kirche entfremdet haben. Wenige Wochen vor seinem Tod hat er - schwerstkrank als Parkinson-Patient, aber in geistig in völliger Klarheit – noch ein Interview gegeben. Das war so sensationell, dass bestimmte kirchliche Kreise momentan versuchen, das Ganze wieder einzufangen und zu entschärfen. Martini sagte in diesem Interview unter anderem:

Die Kirche im wohlhabenden Europa und Amerika ist müde. Unsere Kultur ist alt geworden, die Kirchengebäude sind groß, aber leer und der bürokratische Apparat der Kirche bläht sich auf. Unsere Rituale und die Gewänder sind pompös. Sagt das aus, was wir heute sind?

Ich rate dem Papst und den Bischöfen, zwölf außergewöhnliche Menschen zu suchen, die über die Richtung entscheiden. Menschen, die nah bei den Armen und von jungen Leuten umgeben sind und die Dinge in neuer Weise angehen. Wir brauchen die Herausforderung von außergewöhnlichen Menschen, damit der Geist überall wirken kann.

Frage an Martini: Was treibt Sie persönlich an?

Die Kirche ist 200 Jahre zurückgeblieben. Warum rüttelt das nicht auf? Haben wir Angst. Angst statt Mut? Glaube ist das Fundament und der Ursprung der Kirche – Glaube, Vertrauen, Mut. Ich bin alt und krank und abhängig von der Hilfe anderer. Die guten Menschen um mich herum ermöglichen mir die Erfahrung von Liebe. Diese Liebe ist stärker als das Gefühl der Entmutigung, das mich manchmal bei Blick auf die Kirche in Europa befällt. Nur die Liebe besiegt die Müdigkeit. Gott ist Liebe. Ich habe eine Frage an dich den Interviewer: “Was kannst du für die Kirche tun?”

Genau das ist es: Die Kirche ist 200 Jahre zurückgeblieben. Wenn Sie das nachrechnen, kommen Sie mit diesen 200 Jahren von heute aus auf das Jahr 1812: Da ist der Philosoph Immanuel Kant grade sechs Jahre tot, und ein Fichte, Schelling, Hegel und Hölderlin schreiben soeben ihre bahnbrechendsten Werke. Es ist die Epoche der philosophischen Moderne. Deren leitendes Anliegen war – nein, nicht eine abgehobene Elitenphilosophie, sondern: eine Erneuerung der Religion für das Volk, wie damals sagte, also für alle: ein Denken und Reden von Gott, in dem sich Vernunft und Glaube, Individuum und Gesellschaft, Kunst und Technik, Wissenschaft und Ethik zu einem stimmigen Ganzen verbinden.

Natürlich hat ein solches Unterfangen zur Folge, dass sich alt Hergebrachtes verändert und verwandelt, dass z. B. Offenbarung nicht mehr als ein von außen und oben ergehendes Diktat gedacht wird, sondern als Selbstmitteilung Gottes, die darin besteht, dass sich Gott selbst sozusagen ins Herz des Menschen spricht und zum innersten Wesenskern des Menschen macht, weshalb der Mensch diesen Gott eben dadurch entdecken und erkennen kann, dass er in sein Innerstes blickt. Aber genau dem hat sich gerade die katholische Kirche weitgehend verweigert. Das war ihr alles zu subjektiv, zu wenig kontrollierbar.

150 Jahr später hat sie versucht, Einiges davon nachzuholen – im II. Vatianischen Konzil. Das ist partiell gelungen. Aber gerade darum ist dieses Konzil heute, genau 50 Jahre nach seiner Einberufung in manchen Kreisen zuhöchst umstritten. Darum hatte Kardinal Martini Recht: Wir sind noch immer 200 Jahr hinten dran. Denn wenn sie diese Verspätung nachholen würde, müsste unsere Kirche ein paar Themen anpacken, die ihr buchstäblich den Schweiß auf die Stirn treiben: Nämlich zuvörderst – ich beziehe mich nochmals auf Martini – alle Themen, die den Leib betreffen: also Sexualität vor der Ehe, Familienplanung, Homosexualität, Wiederverheiratung nach Scheidung, Pflichtzölibat. Nur wenn sich da etwas tut, wird die kirchliche Botschaft zu diesen Sachen überhaupt wieder gehört werden und nicht mehr nur belächelten Belästigungscharakter haben.

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Wissenschaft treiben heißt: nach dem Warum und Wieso, den Ursachen und größeren Zusammenhängen, schließlich auch nach dem Ganzen fragen. Christinnen und Christen sagen sich: Wenn wahr ist, was wir von Gott glauben – dass er der alles bestimmende Urgrund der Welten ist, dass er sich in Jesus von Nazaret auf einzigartige Weise zu erkennen gegeben hat und all das andere –, wenn das wahr ist, dann muss es ja mit allem, was es sonst von der Welt und vom Leben zu wissen gibt, etwas zu tun haben. Wahrheit kann es ja nur eine geben. Zwei Wahrheiten sind gar keine Wahrheit. Darum interessieren sie sich für das, was die anderen Wissenschaften tun und denken nach, wie alles, was man so wissen kann, mit dem Glauben zusammenhängt – so entsteht die Theologie.

Und klar auch: Je mehr solche Zusammenhänge aufgedeckt werden, desto überzeugender wird das Geglaubte. Wem an seinem Glauben gelegen ist, der oder die werden darum nicht der Theologie aus dem Weg gehen, obwohl die manchmal auch liebgewordene Vorstellung zerbricht, sondern sie werden sich lebhaft für die Theologie interessieren. Je mehr ich die besten Kräfte meines Verstandes auch für meinen Glauben in Anspruch nehme, desto überzeugter werde ich glauben und desto überzeugender für andere sein.

Und noch einen Grund gibt es, der längst Erwartungen an die Theologie erzeugt, obwohl sie selbst es noch nicht so recht gemerkt hat: Wer heute Theologie studiert, tut das in der Situation eines tief reichenden kulturellen Umbruchs, der keinen menschlichen Lebensbereich unberührt lässt: Die treibende Kraft dieses Umbruchs sind die Neuen Medien, die durch ihre Erzeugung neuer Wirklichkeiten und deren Rückkopplung mit ökonomischen Prozessen soeben im Begriff sind, die Weisen, wie Menschen sich selbst und ihre Welt sehen und beschreiben, grundlegend zu verändern. Und die heimliche Leitnorm dabei: Alles muss jung, fit und hip sein – der schöne Schein also. Alles, was diesem Schein und Glimmer widerspricht, wird verkleistert, verdrängt, verleugnet. Angefangen von der blutigen Geburt und den vollen Windeln eines Babys über die Schrammen und Wunden des gelebten Lebens mit seinen Unfällen und Tragödien bis zu den wund gelegenen Stellen und den vollen Windeln derer, die auf den Pflegestationen auf das Sterben warten. Und wer hätte zu all dem mehr zu sagen als die Theologie, die sich von dem her versteht, der in einem Stall inmitten von Tierkot geboren ist und an einem Galgen verblutet, aber zugleich – oder gar: deswegen – als Gottes Sohn bekannt wird? …

Prof. Dr. Klaus Müller, Jg. 1955, ist römisch-katholischer Priester und Professor für Fundamentaltheologie und Religionsphilosophie sowie Direktor des Seminars für Philosophische Grundfragen der Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.