unbekannter Gast

Herrn Kardinal Erzbischof Dr. Christoph Schönborn#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 55/2012


Sehr geehrter Herr Erzbischof,#

vor einem Vierteljahr habe ich Selbstanzeige erstattet und mit Berufung auf den Codex Iuris Canonici ausdrücklich ersucht, mich mit „Exkommunikation“ zu bestrafen. Ich führte als Begründung an, dass ich die Tatbestände der „Häresie“ und des „Schismas“ erfülle, da ich Zweifel an der Lehre der Kirche bekunde und mich dem Papstregime unterzuordnen weigere. Darauf erfolgte keinerlei Reaktion.

Ich ordne dies nicht der bei Deinen Kollegen gängigen Unhöflichkeit zu, Schreiben von Kirchenmitgliedern nicht zu beantworten. Es ist vielmehr das eingetreten, was ich erwartete. Ein kirchliches „Strafverfahren“ wäre mir sehr willkommen gewesen. Ich hätte es als Betroffener mit dem Ziel durchexerzieren können, der katholischen Öffentlichkeit dessen Absurdität sowie seine Sinn- und Wirkungslosigkeit zu demonstrieren. Daher verstehe ich, dass man dem ausweicht. Auch wenn eine unterbliebene Antwort an sich immer eine Missachtung darstellt.

Man kann oder will also das Kirchengesetz bei sich auflehnenden Laien nicht exekutieren. Das führt zu Schlussfolgerungen, die zu ziehen ich jedem Mitglied unserer Kirche sehr nahelege: Die einstige klerikale Obrigkeit über das Kirchenvolk, an die Manche noch glauben, existiert nicht mehr und steht nur auf dem Papier. Zu absurd ist sie ja! Verlangt doch das kirchliche Gesetzbuch (Can. 212) von den Gläubigen, sie hätten „in christlichem Gehorsam zu befolgen“, was die Geistlichkeit „in Stellvertretung Christi“ erklärt oder bestimmt!

Diese unerträgliche Anmaßung widerspricht so gut wie allem, was wir aus dem Evangelium erschließen können. Ebenso dem, was heute unsere Überzeugung als von Gott mit Würde und Verantwortung ausgestattete freie Menschen ist. Ich brauche das nicht näher auszuführen. Das ganze Kirchengesetzbuch lässt bei kritischer Betrachtung ungehemmten Despotismus erkennen, wie ihn nur eine Art von Größen- und Machtwahn hervorbringen kann. Kein sonstiges Gemeinwesen der zivilisierten Welt würde es heute noch wagen, sich solche absurde Regeln zu geben! Wie eben auch die, welche ich ins Treffen führte, nämlich dass man automatisch aus der Gemeinschaft fällt, weil man sich eine eigene Meinung erlaubt.

Blanke Willkür tritt uns da entgegen, etwa bei der Ernennung von Bischöfen. Es wirkt die unbegrenzte und unkontrollierte Entscheidungsgewalt eines einzigen fehlbaren Menschen, der sich in Missachtung der Weisung Jesu „heiliger Vater“ nennt. Wie die wissenschaftliche Enquete der kirchlichen Reformbewegungen vom November 2010 sichtbar gemacht hat, widerspricht die Verfassung der Institution Kirche eklatant den heute allgemein anerkannten Standards der Grund- und Menschenrechte. Und da wird dreist behauptet, Jesus habe diese Kirche „eingerichtet“, wie es erst neulich der Vertreter des Vatikans in Deutschland wieder getan hat!

Den Angehörigen eines Glaubens bedingungslosen Gehorsam auferlegen zu wollen, sogar einen des Verstandes, verkennt und missachtet die Natur des Menschen. Man bildet sich ein, befehlen zu können, statt durch Wort und Beispiel dem Geist Gottes Raum zu geben. Man meint auch, Unliebsame einfach ohne Verfahren und Begründung absetzen zu können, wie erst jüngst wieder geschehen. Kein vernünftiger Mensch, der auch nur einen Funken Selbstachtung hat, kann gewillt sein, sich Solchem zu unterwerfen.

So gehen sehr viele weg und eine weitaus überwiegende Mehrheit derer, die bleiben, ignoriert Vorschriften, deren Sinnhaftigkeit sie nicht erkennen können. Eine tiefe Spaltung ist dadurch entstanden, die heute die Kirche belastet und lähmt. Das, was sich „kanonisches Recht“ nennt, ist längst Unrecht geworden. Seltsamer Weise wird es als solches an den staatlichen Universitäten gelehrt. Eigentlich sollten es hinkünftig nur mehr die Historiker als Dokument eines längst überwundenen Absolutismus in ihr wissenschaftliches Repertoire aufnehmen.

Das Unrechts- und Scheingebilde hat aber noch immer verhängnisvolle Auswirkungen. Es unterstellt alle im Dienst der Kirche Stehenden einer Ordnung, die der Verkündigung und Pflege des Glaubens schweren Schaden zufügt. Sie sind heute die Hauptleidtragenden einer Papstdiktatur, welche die Stirn hat, seine angebliche Einsetzung durch einen Rabbi des Judentums in Anspruch zu nehmen, der als Gottes Sohn erkannt wurde.

Unzählige Berufungen von Menschen beiderlei Geschlechts zur Seelsorge werden „rechtlich“ verhindert und beliebte Priester werden verjagt, weil man stur auf Zulassungsbedingungen beharrt, die längst überholt und theologisch nicht begründbar sind. Sakramente werden „rechtlich“ verweigert, weil man meint, über das Schicksal von Menschen richten zu können. Was würde Jesus dazu sagen, der uns davor warnte, zu richten? Die Seelsorge verdorrt, die Glaubenslandschaft verödet, weil es kaum Nachwuchs gibt. Denn welcher junge Mensch mit Verstand ist bereit, sich so einem Gewaltregime auszuliefern?

Sein Niedergang erscheint unaufhaltsam, kein vernünftiger Mensch kann das übersehen. Unzählige dazu Legitimierte und hoch Qualifizierte, denen Glaube und Kirche am Herz liegen, warnen, mahnen und flehen. Wie sehr würden sie sich und wir alle uns wünschen, in einer Kirche zu leben, die zeitgemäß gestaltet und tatsächlich dem verpflichtet wäre, was Jesus, das fleischgewordene Wort Gottes, verkündete! Doch die Kirchenleitung verschließt ihre Augen und Ohren. Sie hört lieber auf Denunzianten als auf Mahnende.

Wäre diese untragbare Situation eigentlich nicht ganz einfach zu bewältigen? Wenn man merkt, dass Regeln von der überwiegenden Mehrheit nicht mehr akzeptiert werden, muss man sie überprüfen und bessere machen. Zu glauben, man könne das nicht mehr Taugliche durch das Einmahnen von „Gehorsam“ weiterhin durchsetzen, lässt jede Einsicht vermissen, aber auch allen Mut und notwendige Intelligenz.

Wir, die an die Zukunft des Christentums und einer erneuerten Kirche glauben, sehen daher nur mehr den Ausweg des „Ungehorsams“, um uns von der Last eines unfruchtbaren Klerikalismus zu befreien. Es bleibt uns keine andere Möglichkeit, als die Gestaltung des Glaubenslebens endlich denen zu entwinden, deren Tun und Unterlassen so schlechte Früchte hervorbringt.

So erkläre ich in aller Form und unter Berufung auf mein sorgfältig geprüftes Gewissen:

Ich verweigere als Mitglied der Katholischen Kirche dem Codex Juris Canonici die Anerkennung, da er

  1. nicht von einer dazu einwandfrei legitimierten Autorität erlassen wurde und
  2. in seiner Gestaltung und seinem Inhalt elementaren Grundsätzen einer menschengerechten Rechtsordnung widerspricht.

Ich empfehle diese Haltung allen Katholikinnen und Katholiken.

Erlaube mir, sehr geehrter Herr Kardinal, abschließend ein persönliches Wort. Ich begehe keine Indiskretion, wenn ich nun in diesem offenen Brief an Dich einen Ausspruch zitiere, den Du in einem sehr ernsten und guten Gespräch mit mir getan hast: „Die Kirche ist eben vielfältig.“ Wie recht Du damit hast! Aber warum unterwerft Ihr Euch im Bischofsamt dann dem Diktat eines hartherzigen und uneinsichtigen Zentralismus?

Ladet Ihr damit nicht eine schwere und historische Schuld auf Euch? Wäre es nicht Eure heilige Pflicht, Euch mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass Schein und Sein nicht mehr auseinander klaffen in Gottes Kirche? Seht Ihr denn nicht, dass dieses System am Ende ist und dass Euch das Volk, dessen Hirten Ihr sein sollt, nicht mehr vertrauen kann, wenn Ihr Euch nur beugt?

Gäbe es nur wieder volle Gemeinschaft und Einmütigkeit in der Kirche! Sinnlose vatikanische Vorschriften und Anordnungen werden das nicht schaffen, sondern nur weiter zerstören. Da helfen keine „Neuevangelisierung“ und kein „Jahr des Glaubens“. Auch kein Umorganisieren, um den Mangel an Priestern durch eine Verdünnung der Seelsorge scheinbar zu bewältigen. Nein, es bedarf der großen Besinnung und der Metanoia, der Rückkehr zu den Quellen!

Die herkulische Aufgabe, den vatikanischen Augiasstall auszumisten, werden wir als Kirchenvolk nicht schaffen können. Das läge in Euren Händen, die auch Ihr einmal dem wahren Herrn der Kirche gegenüberstehen werdet. Gar mit argen Flecken auf Euren prächtigen aber in ihrer Bedeutung längst verschlissenen Gewändern?

Mit dieser brüderlichen Ermahnung eines Menschen, der weiß, wie drückend Verantwortung für die Gemeinschaft sein kann, der man sich aber nie und nimmer entziehen darf, verbleibe ich

als Dein Dich in größter Sorge um seine Kirche grüßender