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Dialog mit dem Gehirn eines Philosophen#

Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 130/2014


Der an der Universität Hamburg lehrende Rechtsphilosoph Reinhard Merkel referierte unlängst beim Philosphicum Lech. Auch in einem ausführlichen Interview befasst er sich mit dem Problem strafrechtlicher Schuld unter dem Gesichtspunkt der Willensfreiheit[1]. Diese sieht er als höchst zweifelhaft an. Merkel räumt zwar ein, dass wir noch ungeheuer wenig davon verstünden, aber Handlungsbeschlüsse seien ja vom „physikalischen System“ Gehirn abhängig. Bezüglich der Willensfreiheit sei er daher skeptisch: „Wer handelt, kann im Moment seines Ansetzens dazu nicht anders handeln, sei diese Handlung nun gut oder böse“.

Diese Feststellungen lösen bei mir ein richtiges „Aha-Erlebnis“ aus. Als ich sie nämlich las, kam in mir zunächst Ärger darüber auf, wie man so etwas behaupten könne! Doch solcher Unwille ist unbegründet. Auch Merkel musste ja einfach so handeln, als es zu seinem Interview „ansetzte“! Mich könnte also nur stören, was sein Gehirn so tut. Und dieses ist ja, wie er schreibt, ein physikalisches System, das „nach eigenen Regeln funktioniert, die wir nicht beeinflussen können“.

Ehrlich gefragt: Lohnt sich da Kritik überhaupt? Bisher glaubte ich in meiner Naivität, ich hätte es bei meinen Mitmenschen um Persönlichkeiten zu tun, die ihren Geist walten lassen. Welch fundamentaler Irrtum! Tatsächlich wurde ja nur mein Zentralnervensystem über Vorgänge in einem anderen informiert. So einfach ist das. – Doch halt! Wenn Merkel meint, das alles wäre eben nicht steuerbar, erhebt sich die Frage, wem eigentlich die Fähigkeit dazu abginge? Wen meint er da? Er hält es für feststehend, dass der Geist aus dem Gehirn entstehe. Der Dualismus dieser beiden Begriffe sei „heute in einer hoffnungslosen Situation“, denn der Geist könne das Gehirn nicht beeinflussen. Also gibt es ihn aber doch! Nur ist er, wenn ich den Philosophen recht verstehe, machtlos gegenüber dem stattfindenden biologischen Geschehen. Damit kommen wir zum springenden Punkt.

Wie erkennt der Geist seine mangelnde Souveränität und Autonomie? Irgendwie muss er ja schon selbständig sein, wenn er sich dieses seines Unvermögens bewusst ist! Schiene doch recht seltsam, anzunehmen, das Gehirn würde in seinen naturwissenschaftlich zu deutenden Vorgängen sich selbst als Produzenten der Illusion Willensfreiheit entlarven. Sind da nicht doch zwei am Werk? Und das anzunehmen, bedeutet ja genau jenen Dualismus, dessen Vertreter sich hoffnungslos irren würden.

Was bedeutet da überhaupt Irrtum? Wenn wirklich alles zerebral kommandiert wird, passen da Begriffe wie falsch und richtig überhaupt in dieses Merkelschen Weltbild? Oder gar gut und böse? Falls er etwas für wahr hält – besser gesagt, sein Gehirn –, dann hat das folgerichtig eigentlich keinerlei philosophischen Wert. Denn selbst wenn er meint, etwas zu erkennen, kann er ja, wie er sagt, „nicht anders handeln“.

Gegenstand der Überlegungen Merkels ist, ob angesichts unserer fehlenden Entscheidungsfreiheit ein Straftäter überhaupt verantwortungsfähig sei. Ist das wirklich nicht der Fall, dann gilt das – wie wohl zwingend zu schließen ist – auch für ihn als Wissenschafter. Ebenso wären dann auch Strafrichter nicht fähig, über die Schuldfrage ihrem Verstand gemäß zu urteilen. Sie bräuchten daher keinesfalls, wie Merkel meint, ein „schlechtes Gewissen“ zu haben.

Allerdings frage ich mich da schon auch, warum er uns das alles überhaupt mitteilt. Er kann ja nur davon ausgehen, dass auch wir beim Lesen seines Interviews gleichermaßen von einem unserer Organe gesteuert werden. Wie und warum will er uns also überzeugen? Nimmt er doch einen selbständigen prüfenden Geist, der sich mit dem seinen auseinandersetzt, gar nicht an. Daher findet, wenn Merkel seinen Standpunkt veröffentlicht, wiederum nur ein Wechselspiel der Neuronen statt. Dann halt nicht mehr nur in einem Gehirn, sondern in mehreren.

Jedoch: Wenn das ein Geschehen bloß der Natur ist, wer sollte es beobachten? Wem wird dieses Schauspiel geboten, der es wahrnehmen und nach tatsächlich eigenem Urteil bewerten könnte? Wenn da niemand oder nichts abseits physikalischen Geschehens ist, was wäre dann der Sinn von Merkels Vorträgen und Interviews? Mit Verlaub: Ich meine sehr wohl, dass ich als mit wahrhaft freiem Geist ausgestattete Person eine Prüfung seines Standpunktes vornehmen kann. Und ich bin sogar so verwegen, zu denken, es sei da noch jemand, der das tut. Nämlich der, in dessen Wahrheit und Verantwortung wir alle stehen.

Damit es nicht allzu ernst und akademisch wird: Etwa Gutes hat Merkels Betrachtung doch für mich. Ich gestehe es offen: Manchmal passiert es, dass ich an einem Abend ein Glas zu viel trinke und das am nächsten Morgen unangenehm spüre. Dann empfinde ich so etwas wie Reue – ein Begriff, der gerade im Strafrecht wesentliche Bedeutung hat, ganz zu schweigen vom Glauben. Ich kann das nun anders sehen. Wissend nämlich, dass ich „nicht anders handeln konnte“, als der köstliche Grüne Veltliner vor mir stand, „sei es gut oder böse“.

PS: Merkels Überlegungen würden auch anregen, über Luthers Auffassung von der Rechtfertigung durch den Glauben und nicht durch unsere Werke nachzudenken. Aber mein Gehirn meint, ich solle das jetzt lieber bleiben lassen.

Fußnote#

[1] Wiener Zeitung v. 2. 10. 14, „Gute Strafrichter haben schlechtes Gewissen“.