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Der "Elchtest" steht noch aus#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 93/2013


Es schrieb Autogeschichte: Ein neu entwickelter Typ kippte bei einem schwierigen Manöver um, nämlich dem Reagieren auf ein plötzlich auftretendes Hindernis bei geschwinder Fahrt. Daran wird man erinnert, wenn jetzt alle gespannt beobachten, wie sich das abgeschlankt-wendige Modell eines neuen "Papsttums light" bewährt. Viel Hoffnung wird auf dieses neue und offenbar den Markt wieder erobernde Kirchenfahrzeug gelegt - doch wie zuverlässig ist es wirklich?

Bei allem Positiven, das bisher zu registrieren ist: Steht hinter der sympathischen Offenheit und Bescheidenheit Bergoglios am Ende doch wieder der traditionelle Klerikalismus? Manche seiner Aussagen lassen diese Sorge aufkommen. So erklärte er, dass es unmöglich sei, Jesus außerhalb der Kirche zu finden - eine Aussage, die man seinem Vorgänger niemals hätte durchgehen lassen, denn sie bedeutet geradezu einen Schlag ins Gesicht der Ökumene. Er forderte, "treu zur gesunden (!) Lehre der Kirche, zu Papst und Bischöfen" zu stehen; die Maßregelung der Frauenorden in den USA, die sein Vorgänger in die Wege geleitet hatte, bestätigte er deshalb.

An Benedikt erinnert auch, dass Franziskus es als die größte Gefahr für die Kirche betrachtet, den "Geist der Welt in sich zu tragen". Jener Welt, in die Gott seinen Sohn schickte! Er sieht auch - wiederum wie sein Vorgänger - den Teufel am Werk. Auf der anderen Seite steht seinem offenbar stark in der Tradition verankerten Denken ein Amtsverständnis gegenüber, das sich von dem seiner unmittelbaren Vorgänger ganz deutlich unterscheidet. Er will eben nicht "Kontrolleur des Glaubens" sein und fruchtbare Vielfalt zulassen. So zeigt sich ein vielfältiges und leider noch unklares Bild, wobei man auch den Eindruck hat, dass Manches allzu spontan über die päpstlichen Lippen kommt. Sagte Franziskus nicht, dass er keine Kirche des "Nein" wolle? Dann dürfte er keinesfalls weiterhin die Auskunft darüber verweigern, warum erst jüngst ein Bischof in der Slowakei einfach abgesetzt wurde!

Wie immer es sei - jedem denkenden Menschen ist es längst klar: Die römisch-katholische Kirche ist eine historische Konstruktion, deren Lehre und Ordnung sich zwar auf Jesus von Nazareth beruft, in Wahrheit sich aber von der Frobotschaft weit entfernt hat. Damit ist sie in eine schwere Glaubwürdigkeitskrise geraten, die sie nur durch Überwindung ihrer bisherigen Fehler bewältigen kann. Sie hat dafür bereits bedeutsame Schritte gesetzt. Das II. Vatikanum machte die Eucharistie wieder zur Gemeinschaftsfeier, es verabschiedete sich von Glaubenszwang und der Feindseligkeit gegenüber anderen Religionen, insbesondere dem Judentum.

Da die Päpste nach dem Konzil solche zur Rettung des Glaubens notwendige Maßnahmen nicht fortsetzten sondern sogar bremsten, ist eine starke Absetzbewegung von der Kirche eingetreten. Diese selbst wird von der Weigerung vieler verantwortungsvoller Mitglieder erschüttert, das bisherige autoritäre, uneinsichtige und abgehobene System noch ernst zu nehmen. So ist es geradezu sensationell, was Franziskus sagte: Der Geist des Konzils müsse wieder aufgegriffen werden!

In vielen Ländern, insbesondere den hoch entwickelten, haben sich Reformbewegungen gebildet, die auf entscheidende Korrekturen drängen. Sie werden von maßgeblichen Persönlichkeiten unterstützt, vor allem aus der theologischen Wissenschaft, aber auch dem geistlichen Stand. Sie wurden aber bisher konsequent ignoriert, auch gemaßregelt und gedemütigt. Eine unerträgliche Spannung ist daraus entstanden, sie wurde oft bereits als Spaltung bezeichnet.

Um die Kirche wieder in Ordnung zu bringen, muss der neue Papst diese Situation wahrnehmen und ihr Rechnung tragen. Es ist unumgänglich, dass er mit den drängenden und immer selbstbewusster werdenden Erneuerungskräften in Dialog tritt. Unterlässt er dies, begeht er ein arges Versäumnis und würde in diesem Fall sehr rasch einbüßen, was man heute "Goodwill" nennt. Stehen doch die Reformbewegungen noch immer vor einer Mauer, deren Türen man ihnen vor der Nase zugeschlagen hat. Noch immer werden sie von konservativ denkenden Bischöfen - zuletzt wieder in Deutschland - brüsk zurückgewiesen, wollen das aber keinesfalls mehr hinnehmen.

Die Laieninitiative, in der ich weiterhin mitarbeite, hat angesichts dieser Situation an den Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz die Anfrage gerichtet, ob damit gerechnet werden kann, dass die Reformbewegungen unter dem neuen Pontifikat endlich Gehör finden. Es wäre ja unverständlich, würde der Papst deswegen gerühmt, weil er auf alle Menschen zugehe und mit ihnen rede - beim Essen und in öffentlichen Verkehrsmitteln -, aber das Gespräch ausgerechnet denen verweigern sollte, die sich große Sorgen um ihre Kirche und den Fortbestand des Glaubens machen.

Kardinal Schönborn hat geantwortet, dass er jetzt nicht sagen könne, ob der Papst auf die Anliegen der Reformgruppen eingehen werde. "Für Überraschungen hat er bisher schon gesorgt". Nun ist also Geduld zu üben. Auch ein vielleicht wirklich fortschrittlicher denkender Mann, der den Petrusdienst anders als bisher gestalten will, braucht dafür Zeit. Er muss seine Möglichkeiten realistisch einschätzen und mit kluger Behutsamkeit vorgehen. Aber er sollte irgendwann erkennen lassen, ob er das untauglich gewordene System beibehalten oder doch mutig Neues schaffen will!

Die Reformbewegungen werden zur gegebenen Zeit - und diese dürfte wohl bald kommen - versuchen müssen, vom Papst empfangen zu werden. Sie würden sich sogar eines argen Versäumnisses schuldig machen, wollten sie das unterlassen. Und dann kommt das, was man gemeiniglich und recht treffend als "die Stunde der Wahrheit" bezeichnet. Werden sie angehört und erhalten sie die Gelegenheit, ihre Argumente darzulegen, aber auch ihre positive Einstellung zur Kirche zu betonen, wäre sehr viel gewonnen.

Sie können natürlich nicht erwarten, dass ihnen sogleich Vieles zugestanden wird. Aber es gibt Punkte, wo Korrekturen höchst naheliegend sind und sich solche bereits deutlich abzeichnen. Es ist wirklich höchste Zeit, auch Frauen den Dienst zumindest des Diakonats zu öffnen und den Umgang mit denen zu revidieren, deren Ehe gescheitert ist. Ein verantwortungsvoll handelnder Papst müsste erkennen, dass er mit einem weiteren bloßen Ablehnen solcher dringlicher Anliegen der Kirche schweren Schaden zufügen würde. Und das kann doch gerade dieser Franziskus keinesfalls wollen!

Am Beginn dieser Gedanken wurde der womöglich etwas banale Vergleich mit dem Elchtest gezogen. Aber er ist wohl insofern zulässig, als die Gefahr besteht, dass das mit neuem Schwung und mit neuer Kraft endlich wieder in Bewegung geratene Gefährt der Kirche umkippt, wenn ihm auf seinem Weg eine Begegnung widerfährt, die Geistesgegenwart erfordert und mit der sehr wohl gerechnet werden muss. Möge jener Geist, auf den sich Bergoglio stets so glaubwürdig beruft, das verhindern!