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(K)eine Entschuldigung für den Papst#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 38/2012


Beobachter der vatikanischen Ereignisse wissen zu berichten, dass vom Präfekten der Gottesdienstkongregation und dem Vorsitzenden des Päpstlichen Rates für die Laien ein Dokument vorbereitet worden wäre, welches dem Neokatechumenat liturgische Besonderheiten genehmigt hätte. Es sollte anlässlich einer Audienz dieser dubiosen „Neuen Gemeinschaft“ der Kirche veröffentlicht werden und deren Chef hätte bereits erfreut davon wissen lassen. Papst Benedikt sei allerdings noch im letzten Moment davon informiert worden, so dass er nach der Lektüre des Dekrets den geplanten Schritt unterbinden und eine strenge Untersuchung der Sache anordnen konnte.

Ob auch hier tatsächlich von Dikasterien hinter dem Rücken Benedikts agiert wurde, sei dahingestellt. Es wäre ja keineswegs das erste Mal und immer wieder wird von Problemen berichtet, mit denen der „Heilige Vater“ bei der Leitung der Kurie zu kämpfen hat. Pannen und Koordinationsprobleme führten am 28. Januar zu einer „Regierungssitzung“ mit dem Ziel, Betriebsunfälle wie einen unmittelbar vorangegangenen zu verhindern. Der Päpstliche Rat „Justitia et Pax“ hatte im Zusammenhang mit der globalen Finanzkrise die Schaffung einer Weltzentralbank gefordert, was sowohl dem Papst als auch Kardinalstaatssekretär Bertone weder bekannt noch genehm war – es mussten korrigierende Aussagen erfolgen.

Es nimmt nicht Wunder, wenn Benedikt aufgrund solcher Vorkommnisse Führungsschwäche vorgeworfen und gemeint wird, der greise Papst widme sich lieber seinen Büchern. Wie immer es sei – das Problem liegt viel tiefer. Man kann getrost die Leitung der Römisch-katholischen Kirche mit ihrer Mitgliederzahl von einer Milliarde als den unmöglichsten Job der Welt bezeichnen. Der Sachverhalt ist ebenso klar wie verrückt. In den letzten Jahrhunderten wurde alle Macht systematisch immer mehr auf die Person des Papstes konzentriert – unbeschränkt, ungeteilt und unkontrolliert.

Der Theologe Wolfgang Bergmann, der nach Diensten in der Kirche nun als Geschäftsführer der Tageszeitung „Standard“ arbeitet, wird nicht müde, diese Führungskonstruktion als Managementfiasko zu kritisieren. Die von ihm genannten Zahlen überzeugen: Benedikt unterstehen knapp 3.000 Diözesen und etwa 5.000 bischöfliche Würdenträger. Weit mehr als hundert davon sind jedes Jahr neu zu ernennen. Den im fünfjährigen Rhythmus vorgeschriebenen Ad-Limina-Besuch müssen also 1000 Bischöfe pro Jahr absolvieren. Da bleibt keine Zeit für eigentlich unentbehrlichen persönlichen Kontakt.

Die Führung der Kirche durch den Papst ist also nur eine Fiktion. Die gewaltige Fülle seiner Aufgaben verlangt deren Aufteilung. Dafür sieht die Katholische Soziallehre das Prinzip der Subsidiarität für allein geeignet an: Es müssen mehrere Entscheidungsebenen existieren, die prinzipiell selbständig und nahe dem Geschehen arbeiten. Nur was sie selbst nicht bewältigen können, ist von der jeweils höheren zu erledigen. Dieses Modell bewährt sich heute in vielen Bereichen, in den Staaten und deren Gemeinschaft ebenso wie in der Wirtschaft. Es ist nicht nur funktionierend, sondern gewährleistet auch Entscheidungen, die ebenso sachgerecht wie menschengerecht sind.

Was man „Heiligen Stuhl“ nennt…#

Warum die Kirche das von ihr als richtig Erkannte nicht selbst tut, ist unbegreiflich. An die Stelle einer sinnvollen Aufgabenteilung tritt die Allmacht eines Gebildes, das als klassische Form einer Oligarchie anzusehen ist. Jeder handelt hier angeblich im Namen und Auftrag des Papstes, aber der weiß in den wenigsten Fällen davon und hat seine liebe Not damit, abzuwehren, was in solchen Gebilden immer vor sich geht: Machtkämpfe, Intrigen und das Aufbauen eines kunstvollen Gebildes von gefilterter Information, die in Wahrheit Desinformation ist. Als schreckliches Ergebnis zeigt sich, dass niemand so manipulierbar und hintergehbar ist wie das Oberhaupt der Kirche.

Welches Sittenbild sich hier zeigt, lässt eine Meldung der „Kathpress“ erkennen, des Informationsdienstes der Kirche in Österreich (Ausgabe v. 17. 2. 2012). Selbstverständlich will man da keine eigene Meinung wiedergeben, sondern zitiert „nur“ – sicher nicht ohne bischöfliches Einverständnis – wie die „Frankfurter Allgemeine“ den „Machtkampf an der Kurie“ schildert: Nach mancher Auffassung weise Benedikt jene nicht klar genug zurück, die Kardinalstaatssekretär Bertone das Leben schwer machen würden, „Schurkerei“ und „Schüsse aus dem erzkonservativen Lager“ gäbe es da. Eigentlich gelte das alles dem Papst. Alltäglich komme Unsinn in den Vatikan, heiße es in dessen Nähe, Seilschaften wären am Werk usw.

Übersehen wir es keinesfalls: Letztlich ist es eine theologische Konstruktion, die das alles hervorgerufen hat. Das bei Matthäus auftauchende und keineswegs gesicherte Wort Jesu vom Felsen Petrus, auf dem die Kirche gebaut sei, soll bedeuten, dass ein Mensch allein als dessen Nachfolger göttliche Stellvertretung und Vollmacht ausübe. Auch wenn er fehlbar und überfordert ist. Kann das Jesus so gemeint haben? Wuchert also die Vatikanbürokratie, entschuldigt das den Papst nicht. Denn es ist sein „heiliges“ System, für das er die alleinige Verantwortung trägt.

Werden bei einem besonderen kirchlichen Anlass Grüße oder Segensworte des Papstes verkündet, mag das manchen erbauen. Der Papst weiß aber sicher nichts davon. Irgendein Büro hat das veranlasst, geleitet auch von solchen, die des schönen Ranges wegen Titularerzbischof einer nicht mehr existierenden Diözese des Altertums sind. „Ist alles Schimäre, aber mich unterhalt’s“ sagte Johann Nestroy. Es wird wohl nicht viel anders sein, wenn wir erfahren, was angeblich nach dem Willen der „Weltkirche“, also in Rom, „endgültig“ entschieden wurde.

So müssen wir uns immer fragen, ob es nicht in Wahrheit die „Seilschaften“ waren, hinter denen straff organisierte Gruppen von Eiferern mit ihren eigenen Vorstellungen von Kirche stehen. Immer ist ungewiss, ob sie überhaupt nach dem Wollen des Papstes handeln, und umso mehr, ob es gar in der „Stellvertretung“ Jesu geschieht, dem angeblich wahren Oberhaupt der Kirche. Ein beklemmender Gedanke tritt da auf. Ängstlich sieht der Papst, dass in der Welt der Teufel sein Unwesen treibe. Hat er den nötigen rechten Blick dafür, was in seinem eigenen Hause geschieht?