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Glaubensphilosophie in der Kaffeestunde#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 180/2016


Unser neuerlicher Besuch bei Franziskus II. lässt uns an einer Kaffeepause teilnehmen, die sich der Papst mit seinem Vertrauten, dem Kardinal Desmond Martin, gönnt. Man ist recht entspannt, der Tag war bisher nicht allzu anstrengend. So wird gemeinsam und eher heiter festgestellt, dass der Espresso in Italien doch besser als der bei Starbucks sei und die Geister belebe. „Aber manchmal muss man sich doch mit Kleinigkeiten herumschlagen“, meint nun Desmond, „heute hat man mich mit der Beschwerde befasst, dass es im Petersdom kein ordentliches Gefäß gäbe, wo man sich Weihwasser zum Mitnehmen holen kann!“ Er macht dabei eine wegwerfende Handbewegung, die seinen Freund zur Frage veranlasst, ob er das wirklich für unwichtig halte?

„Offen gestanden, ja, lieber George“, antwortet Desmond. „Du kennst da meine Meinung. Wasser bleibt Wasser, Brot bleibt Brot und Wein bleibt Wein, da kann man nix verzaubern. Aber sag jetzt nicht, ich wäre kein guter Katholik! Für mich spielt sich ja, wie ich dir schon oft erklärte, jedes geistliche Handeln ganz losgelöst von der Materie ab.“ Damit erntet er ein Kopfschütteln und den Wunsch, das nun doch etwas näher zu erklären – man habe ja jetzt ein wenig Zeit dazu. „Wenn Du das also willst, gut, dann wird das aber ein Vortrag, den ich wirklich nur dir halte und der doch ein wenig dauert“. Der Kardinal erhebt sich und geht durchs Zimmer auf und ab. „Es fängt damit an, dass ich meine, die menschliche Existenz findet in drei Ebenen statt. Die gleichsam unterste ist die Materie, in der wir leiblich verwurzelt sind. Die nächsthöhere nenne ich die der Anima, also des Lebenshauches, an der alle Lebewesen und auch die Tiere teilhaben. Hier spielen sich die Empfindungen, Ahnungen und Gefühle ab. Die dritte ist dem Menschen vorbehalten, sie ist die der Psyche – ψυχή – oder auch der unsterblichen Seele.“

„Gut“, unterbricht ihn da der Papst. „aber was hat das damit zu tun, dass die Benedictio fontis des Taufwassers eine der ältesten christlichen Riten ist?“ Desmond setzt unbeirrt fort: „Und was ich damit sagen will, ist doch ganz klar. Für Atheisten und den Materialismus ist das ganze geisti-ge Geschehen biologisch zu erklären, also der Materie entstammend. Diese ist für mich umge-kehrt nur die Infrastruktur des Geistigen! Das Gefährt gleichsam, das wir auf unserem Lebensweg benutzen. Wenn ich Wasser segne, spielt sich das ausschließlich auf der geistigen Ebene ab, es verändert das Wasser nicht, sondern dieses wird in unserem Bewusstsein zum Träger einer Vorstellung und damit einer geistigen Kraft, die unabhängig von der Physis ist und diese nur als Symbol verwendet.

Du weißt, dass damit auch das Problem der Wandlung von Brot und Wein in der Eucharistie berührt wird. Doch es ist eben so: Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen macht ihn zum Schöpfer. Wir bauen aber nicht nur Häuser und Staudämme, sondern ebenso und vor allem geistige Gebilde und so entsteht die höhere Welt, in der wir eigentlich leben.“ Er geht zu einem CD-Player, und lässt einen Gregorianischen Choral erklingen. „Dieses Musikstück existiert wirklich und ganz real in dieser unserer eigentlichen Lebenssphäre, der Tonträger ist nur ein Hilfsmittel“.

Nun erhebt sich auch der Papst und die beiden stehen einander gegenüber. „Ja, ich versteh dich schon, aber du hast vorhin die Eucharistie erwähnt. Wie siehst du das wirklich?“ Desmond nimmt ein Stück vom Kaffeegebäck und hält es in der Hand. „Zuerst noch: Würde ein Priester die Zeitschrift Playboy mit einem Umschlag zudecken und in der Messe den Leuten mit dem Ruf ‚Wort Gottes‘ hinhalten, mag das höchst geschmacklos sein, aber es wird an der frommen Betrachtung der Gemeinde nichts ändern, denn das bedruckte Papier ist völlig nebensächlich“.

Man setzt sich wieder zum Tisch und Desmond fährt, nun etwas eifrig, fort. „Nimm jetzt das Glaubensbekenntnis her: Eigentlich müssten wir nach den alten Vorstellungen unserer lieben Kirche wie folgt beten: ‚Aufgefahren in den Himmel und sitzt in Hunderttausenden Tabernakeln...‘. Das wäre doch Unsinn! Also: Die Hostie ist gar nichts anderes als dieses Keks. Sie dient nur dazu, uns die Allgegenwart des Herrn bewusst zu machen. Daher absolviere ich beim Vorbei-gehen an ihr nur mit ein wenig innerem Widerstand eine Kniebeuge. Eigentlich müsste ich das überall oder sogar vor den Menschen tun, die Jesus im Herzen haben.“

Nun droht der Papst seinem Freund mit erhobenem Finger, aber dennoch schmunzelnd. „Du bist ein arger Ketzer! Wenn wir nun die Lehre modernisieren wollen, kann ich doch nicht alle Kirchen umbauen oder gar abreißen lassen! Dir ist doch klar, dass wir die Vergegenständlichung des Glaubens brauchen, ebenso heilige Orte, wo wir uns ganz Gott zuwenden“. Er schüttelt nun den Kopf, was den Kardinal zu seiner Schlussbemerkung veranlasst, denn die Kaffeezeit geht zu Ende. „Schlag nach im Evangelium! Wohin ging Jesus beten? Immer auf einen Berg. Also in kei-ne Kirche, womöglich versehen mit Reliquien. Du kennst doch die Aussage vieler Menschen von heute: Ich gehe lieber in die Natur und auf Bergeshöhen, dort finde ich meinen Gott! (Übrigens heißt es in einem schönen alten Messlied deutscher Sprache von Schubert: Allerorten ist Dein Tempel, wo das Herz sich fromm Dir weiht...“)

Während sie nun den Raum verlassen, versucht der Papst eine versöhnliche Schlussfolgerung. „Es gibt, das ist mir völlig klar, lieber Desmond, dieses Spannungsverhältnis zwischen abstrakten und gegenständlichen Glaubensbildern. Auswüchse kindlicher und überholter Vorstellungen müssen wir sehr wohl ausmerzen, aber …“ An dieser Stelle wird er von einem Sekretär unterbro-chen, der an eine bevorstehende Segnung von Autos am Festtag des Christophorus erinnert. Was Martin veranlasst, dem Oberhaupt der Kirche einen vielsagenden Blick zuzuwerfen.