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Da lachten die Hühner des geistlichen Herren#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 8/2011


In einer Stadt in Europa lebte ein hoher geistlicher Herr, der auch den Titel Domkapitular trug. Er besaß einen Hahn, mit dem er gelegentlich theologische Gespräche führte. Dazu muss man wissen, das dieser keineswegs ein gewöhnliches Federvieh war, sondern sich der Nachkommenschaft jenes rühmte, der in Jerusalem krähte, nachdem Petrus seinen Herrn dreimal verleugnet hatte. So meinte er unter Berufung auf den Heiligen Franz von Assisi, auch Tiere könnten das Prophetenamt ausüben, was seinem Besitzer allerdings keineswegs gefiel.

An einem schönen Morgen ging der Priester wieder zum Hühnerstall und erzählte nicht ohne Stolz, dass er nun Erzbischof einer großen und wichtigen Hauptstadt werden sollte. Der Hahn freute sich, doch erschrak sogleich, denn sein Herr eröffnete ihm, dass nun alles anders werden müsse. So erwarte er jetzt auch von seinem animalischen Diener, dass dieser ein zölibatäres Leben führe. Die Hühner, die rundherum standen, vernahmen dies und blickten ihren Gefährten etwas verstört an.

Der war um eine Antwort nicht verlegen und hielt entgegen, dass dieses Verlangen biblisch keineswegs zu begründen sei. Wäre doch gerade Petrus, der seinen Vorfahren krähen hörte und dann weinen musste, auch verheiratet gewesen! Und er wäre ja sogar der Wichtigste unter den Aposteln und angeblich gar mit der Kirchengründung betraut worden! Doch das beeindruckte seinen Besitzer keineswegs. „Dazu ist alles gesagt. Jesus war nicht verheiratet. Da die Priester in der Nachfolge Jesu stehen, ist es angemessen, dass auch sie seine Lebensform übernehmen!“

Der Hahn flatterte darauf ein wenig und schüttelte seine Federn. „Woher willst Du eigentlich wissen, dass Jesus nicht verheiratet war? Ich bin mir da gar nicht so sicher!“ Da wurde sein Besitzer ärgerlich und verwies darauf, dass ja im Evangelium von einer Ehefrau des Gottessohnes keine Rede sei. Doch dabei unterschätzte er die Bibelfestigkeit seines Kontrahenten. „Ja, aber auch von den Frauen der Apostel wird nichts geschrieben und nur aus dem Bericht, in dem Petri Schwiegermutter vorkommt, wissen wir, dass dieser im heiligen Stand der Ehe lebte! Ein Rabbi war damals selbstverständlich verheiratet, auch wenn es umherziehende Prediger gab, die allein lebten.“

Doch da kam er an den Falschen. „Weißt Du denn nicht, Du blödes Tier, was sehr wohl geschrieben steht? Nämlich dass Jesus ohne Sünde war!“ Damit nahm das Gespräch eine dramatische Wende, welche die Hühner veranlasste, sich zu ducken und zu entfernen. Schon vorher war eine von ihnen zum Nest geeilt, um schnell das Frühstücksei des Herrn Kapitular zu legen. Der Hahn wurde nun richtig böse und rief mit lauter Stimme: „Verheiratet zu sein, ist doch keine Sünde! Da wären ja nicht nur die Apostel Sünder gewesen, sondern es träfe das ja den größten Teil aller Christen überhaupt – darunter auch viele Heilige“. In der Geschwindigkeit fielen ihm solche nicht ein, aber immerhin erwähnte er dann den Heiligen Markgrafen Leopold.

Auch sein Hinweis darauf, dass Jesus die Ehe als von Gott gestiftet bezeichnet habe, ging ins Leere. „Papperlapapp!“ sagte schließlich der ernannte Bischof, „Du bist nichts als ein Ketzer! Die Nachfolger des Petrus haben Vollmacht, zu erklären, was Jesus will, egal was Du da unter Berufung auf die Bibel behauptest! Sie können dabei nie irren, sehr wohl aber Du mit Deiner in heiligen Dingen völlig unangebrachten Logik!“

Währenddessen huschte ein schon betagtes Huhn zu ihrem Gefährten und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Beide erröteten, aber nach einem kurzen Räuspern entschloss sich der Hahn doch noch zur Bemerkung, die ihm eigentlich frivol erschien: „Mein Herr, bedenke doch auch, dass Jesus ganz Mensch und Mann war! Also wird er wohl auch die entsprechenden Organe mit ihren Funktion gehabt haben...“

Das war nun doch zu viel. „Wenn Du frech bist, wirst Du im Kochtopf landen!“ schrie nun der Geistliche. „Ich gehe weg und rede nicht mehr mit dir. Aber eines muss ich Dir noch sagen: Du bist immerhin ein Hahn und kannst theologisch krähen. Doch es ist unerhört, dass Du auf diese dummen Hühner hörst, statt dass sich die deiner Autorität unterordnen. Wozu sind die überhaupt da!“ Der Hahn war nun total eingeschüchtert. Aber er entschloss sich doch, dem neuen Herrn Bischof nachzurufen, dass sie immerhin die Eier legten, die alle bräuchten. Und dass es ohne sie ebenso keine Hühner mehr geben würde wie auch keine Menschen ohne die Frauen. Und überhaupt wären sie gottgeschaffen unentbehrlich und wunderbar. Er war nicht sicher, ob er damit noch gehört würde, aber der davon Schreitende drehte sich noch einmal um und sagte bissig: „Ich brauche keine Weiber!“

Da lachten die Hühner des geistlichen Herrn.