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Jesus aber glaubte an die Macht der Güte im Herzen der Menschen#

Von

Gerhart Herold

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 108/2013


Kein christliches Fest feiern wir rund um die Erde so intensiv wie Weihnachten - und wir haben recht damit; denn Lukas hat eine wunderbare Weihnachtsgeschichte geschrieben. Wir wissen zwar, dass das eine Legende ist. Doch wir glauben ihr jedes Wort. Wie kann das sein? Lukas hat eine überwältigend gute Geschichte geschrieben. Er hat mit wenigen Szenen das Wesen Jesu gezeichnet und den Kern unserer menschlichen Hoffnung beschrieben. Deshalb erzählt sich das die Menschheit seit 2000 Jahren: auf den Straßen und in Schaufenstern, mit Musik und im Krippenspiel der Kinder. So möchte ich jetzt mit Ihnen wieder einmal in diese große Geschichte hineingehen.

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde, und diese Schätzung war die allererste und geschah zurzeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war“. Lukas schreibt sein Evangelium in Rom und beginnt gleichsam mit einem Fanfarenstoß: Er lässt über dem kleinen Bethlehem das große römische Weltreich aufscheinen. Das Datum stimmt zwar nicht; denn Jesus war schon 12 Jahre alt, als die Römer in Judäa einmarschierten und das Volk zu zählen begannen. Aber Lukas will hier nicht historisch berichten, sondern er will sagen: Rom war zwar der Machtfaktor für die ganze Welt, aber jetzt beginnt mit Christi Geburt eine neue, andere Weltordnung.

Auch Matthäus gibt übrigens seiner Weihnachtsgeschichte einen recht großen Rahmen: Er lässt von weither „die Weisen aus dem Morgenland“ kommen, geführt durch den strahlenden Stern. Das ist zwar in der kosmischen Dimension noch größer. Doch Lukas riskiert mehr; denn er baut Jesus als Konkurrenz auf zu Augustus. Das war jedem seiner Leser schnell klar. Man wusste ja, was gesagt wurde: Augustus sei „der Sohn Gottes, der längst den Vätern verheißen war, er würde die Goldene Endzeit bringen“. Vergil besingt in ‚Hirtengedichten’, wie dieser Kaiser geboren wurde als „Heiland der Welt“. Das war auf den Straßen Roms bekannt. Wenn Lukas nun ähnlich, ja gleichlautend die Geburt Christi beschreibt, dann macht er sich lächerlich oder riskiert sein Leben.

Rom war eine waffenstarrende Weltmacht. Lukas setzt ihr entgegen die Macht des Kindes, die Macht der Liebe und die Macht des Lebens. Er wählt Bethlehem als den Geburtsort Jesu. Damit knüpft er an bei tief wurzelnden Hoffnungen Israels: David ist aus Bethlehem gekommen. Dieser König war schon als Kind erfolgreich, denken wir an Goliath. Seine Zeit als König war als Friedenszeit wie ein Fenster, durch das man die Freiheit sah. Sonst war Israel immer nur der Zankapfel der Weltgeschichte, erobert und besetzt von fremden Mächten. Lukas wählt nun Bethlehem als Weihnachtsort; denn wie David ist Jesus der Lichtblick, jetzt aber für die ganze Welt. Rom oder Bethlehem – Lukas baut ein radikales Entweder – Oder auf. Und wenn bei uns zu Hause irgendwo still die Weihnachtskrippe steht, dann ahnen wir vielleicht noch den Kontrast zwischen der inneren und der äußeren Welt. Der Kaiser gründet seine Macht auf Waffen und Leichenhaufen. Jesus aber glaubte an die Macht der Güte im Herzen der Menschen. Das Kind gründet nur in sich selbst, und das soll genügen. Seine Stimme werden die Menschen hören mitten im Geschrei der Gewalt. Es wird klingen wie ein Lied ihres eigenen Herzens, auf das sie schon lange gewartet haben. Und damit hatte Lukas recht.

Später wurden Kriege unterbrochen zu Weihnachten. Doch danach ging der Kampf gnadenlos weiter. Der Friede auf Erden und die Güte des Herzens haben es schwer. Lukas deutet das an, wenn er erzählt, Josef und Maria hätten „keinen Raum in der Herberge“ gefunden. In keinem Krippenspiel darf die Herbergsuche fehlen: ‚Wer klopfet an?’ - und dann das ‚Nein’. Die einzigen, die ‚Ja’ sagen und zur Seite rücken, sind Ochs und Esel. Sie verbreiten ein Gefühl der Ruhe und des puren Daseins. Lukas schreibt zwar nichts von ihnen, sie sind erst später in das Weihnachtsbild geraten. Aber sie passen dorthin wie Symbole der Nähe und der stillen Freude. Sie sind einfach da, identisch mit sich selbst. Sie verkörpern das Paradies, wie es die Bibel auf ihren ersten Seiten schildert. Und sie erinnern an Jesus, für den die Tiere immer Modelle eines angstfreien Lebens waren. Wenn Kinder ihre Kuscheltiere lieben, dann hat dies einen guten Grund: Tiere heilen und verhelfen den Kindern dazu, lange genug Kinder und mit sich unverfälscht identisch bleiben zu können. Von dieser Kraft der Tiere erzählen ganz besondere Weihnachtsbilder: Sie zeigen nur das Kind mit Ochs und Esel.

Die Hirten leben im Raum der Tiere. Sie sind wie Grenzgänger zwischen Mensch und Tier, Natur und Kultur, Ordnung und Freiheit. Sie kommen von draußen und kehren dorthin zurück. Sie wandern mit den Schafen ohne festen Wohnsitz und können beides: Musik machen auf einem einfachen Instrument und kämpfen gegen Räuber und wilde Tiere. Es ist bedeutsam, dass mancher Kaiser und mancher Gott der damaligen Zeit bei Hirten geboren wurde. Lukas weiß, dass Jesus ein Brückenbauer war hinüber zu Gottes Schöpfung und zur Urkraft des Lebens. Schon das Kind von Bethlehem sehen wir wie einen Ort der Ruhe, wo sich singen und musizieren lässt, wo sich der Blick nach innen wendet und ein Mensch die Geschlossenheit des eigenen Wesens zurückgewinnen kann.

Lukas meint nun, diese Hirten haben besondere Augen und Ohren. Sie können die Himmelsstimme hören und die Verkündigung der Engel sehen. Das geschieht in der Nacht, wenn verschwunden ist im Dunkel, was den Weg nach Innen stören könnte. „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ - was alle Welt sich wünscht, das schauen die Hirten. Und wir wissen nicht recht: Ging ihr Blick hinauf in den Himmel oder hinab in die Tiefe der eigenen Seele? „Frieden auf Erden und den Menschen das Wohlgefallen der Götter“ - man hörte das häufig in Rom, und zwar bei Tageslicht. Die Elite verneigte sich anbiedernd vor dem Kaiserthron und brachte ihre Huldigung aus. Hier hören es Hirten bei Nacht und gehen zu dem „Kind in Windeln gewickelt“.

Man merke den Kontrast zwischen Kaiserthron und Futtertrog, zwischen der Macht des Militärs und der Macht des Kindes, zwischen dem Tagesgeschäft bei Hofe und der Nacht über der Schafherde, zwischen einer Macht, die nur von außen sich stützt, und der Macht, die von innen kommt aus dem Wesen des Lebens? Die Hirten gehen nach Bethlehem. Doch sie sehen keinen Stall voller Engel und keine tausend Sterne im Gebälk. Sie finden nur das Kind und seine Eltern. Aber sie erzählen beinahe atemlos, was sie draußen auf den Feldern erlebt haben. Sie erklären der Mutter Maria, welches Kind sie soeben zur Welt gebracht hat. „Und alle“, so heißt es in der Geschichte, „vor die es kam, wunderten sich über die Worte, die ihnen die Hirten gesagt hatten“. Gewiss wundert sich auch Maria, obwohl sie durch den Erzengel Gabriel hätte vorbereitet sein müssen. Lukas schließt seine Geschichte mit dem wunderschönen Satz: „Doch Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“. Dr. Gerhart Herold, Jg. 1942, ist evangelischer Theologe und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für eine Glaubensreform. Diese „bekenntnisoffene Gesellschaft“ hat sich zum Ziel gesetzt, „den durch Traditionalismus und Machtstrukturen verlorenen Lebensbezug des Glaubens wieder herzustellen“- http://glaubensreform.de/ Herold wirkt nun als Seelsorger in Bayern; der Text ist seine Predigt am bevorstehenden Weihnachtstag.


Pfarrer: „Habe so meine Schwierigkeiten mit Weihnachten“#

Meldung des österreichischen „Kathpress“ – Informationsdienstes v. 13. 12. 2013#

"Ich habe - zugegeben - so meine Schwierigkeiten mit Weihnachten": Wer dieses bekennt, öffentlich, ist kein kirchenferner Agnostiker, sondern ein katholischer Priester: Gregor Jansen, früherer Wiener Jugendseelsorger und jetzt verantwortlich für die Pfarre Breitenfeld in Wien-Josefstadt, schreibt diese Distanz in einem Blog-Eintrag auf www.katholisch.at (12. Dezember) der mit dem Fest vermittelten Idylle zu. Die "unfassbare Dynamik" des eigentlichen Weihnachtsgeschehens bleibe oft verborgen "unter dem immer gleichen jährlich wiederkehrenden (Zucker-) Guss des Gewohnten", beklagt der Pfarrer.

Und die Harmonie(be)dürftigkeit rund um das Fest der Menschwerdung Gottes ist für Jansen nicht nur Ausfluss einer bürgerlichen oder gar verkommerzialisierten Religiosität, sondern habe auch eine biblische Grundlage: "Schon als Jugendlicher habe mich die Lukas-Version des weihnachtlichen Geschehens (bei aller Vertrautheit) mit ihren bekannten Motiven und aller pastoralen Romantik irgendwie nicht so sehr angesprochen. Wohl auch, weil mir der persönliche Zugang zur Hirtenrealität fehlt", schreibt Jansen. Dabei hätten die Hirten der Zeit um das Jahr Null in der damaligen Gesellschaft als "Outlaws" und lichtscheues Gesindel gegolten. "Vielleicht habe ich daher auch gewisse Vorbehalte, wenn 'wohl zu der halben Nacht' feierlich ein hölzernes Jesuskind in die Krippe gelegt wird", merkt der aus Deutschland stammende Priester an.

"DER prägende und starke Weihnachtstext" ist für Jansen vielmehr der Johannesprolog: "Im Anfang war das Wort ... und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns Wohnung genommen." Viel stimmiger sei für ihn daher die Symbolik, wenn das Lektionar bzw. eine Bibel in die Krippe gelegt wird. Das zeige: "Gottes Wort wird konkret, um unter uns zu leben und Gestalt anzunehmen." Im Menschen Jesus spreche Gott sein Ja zur Schöpfung, das schon in den ersten Zeilen der Genesis zum Ausdruck kommt: "Im Anfang ... und Gott sprach: Es werde". Jansen: "Das weihnachtlich inkarnierte Wort Gottes lautet also auch für mich: 'Werde! - Entwickle dich, bringe das zum Vorschein, was Gott für dich erträumt - Werde Mensch!' in all seinen Dimensionen." Wenn man sich auf die Dynamik des Fests der Menschwerdung einlasse, "bleibt nichts, wie es ist! Nichts weniger ist der Anspruch des Weihnachtsfestes."

Hier schlägt der Pfarrer eine Brücke zur kirchlichen Gegenwart: "Lasse ich mich auf das Unbekannte ein, das sich Zukunft nennt, oder wiederhole ich lieber die vertraute Vergangenheit? Bin ich bereit, an einer künftigen, noch unklaren Gestalt der Kirche mitzubauen, oder verweigere ich die Zumutung der Reform?" Seinen abschließenden Gruß "Gesegnete Weihnachten" verbindet Jansen mit dem Wunsch "Frohes Werden!"


Meine Gedanken dazu:#

Wenn man diese beiden Geistlichen zweier christlicher Kirchen liest, führt das zu der ganz grundsätzlichen Frage, wie die Frohbotschaft in unsere Zeit zu übersetzen ist.

Kirche – das bedeutete stets das Bauen auf zweierlei: Auf Glaubensbilder und Glaubensgebote. Doch beides verblasst immer mehr. Die oft wunderbaren und berührenden Darstellungen des Heilsgeschehens gehen immer mehr verloren. Weihnachten wurde ja zum Geschenk- und Gratulationsfest (einschließlich dem eher gedankenlosen „Rutsch“ ins Neue Jahr). Es wird zwar noch als Familienereignis empfunden – doch die „heile“ Familie mit den Eltern und Kindern beim geschmückten Christbaum ist nicht mehr der Regelfall. Und eher selten wird da an die „Heilige Familie“ gedacht.

Der Advent ist nicht mehr Erwartung der Ankunft des Heilands sondern punsch- und banal musikalisch umnebeltes Einkaufsgeschehen. Weit entfernt von dem, was man einst die „stillste Zeit des Jahres nannte“. Wer kann sich heute noch unter dem „Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens“ am 8. Dezember etwas vorstellen – außer einer möglichen Gelegenheit zum Shopping? Ostern wurde zum Frühlingsfest mit hoffentlich schönem Wetter für den geplanten Ausflug oder Kurzurlaub. All diese Einbußen sind bekannt und werden auch bitter beklagt. Zeichen des allgemeinen „Glaubensverlustes“? Doch welcher Glaube ging verloren, mit schwindenden Restbeständen tradierter Folklore?

„Jesus aber glaubte an die Macht der Güte im Herzen der Menschen.“ Seine Botschaft wird tatsächlich nicht vom „wiederkehrenden (Zucker-)Guss des Gewohnten" erfasst. Sie bedeutet sehr viel mehr! Furchtlosigkeit und Freiheit angesichts eines liebenden Gottes, dem wir vertrauen können. Hilfsbereite Zuwendung den Menschen gegenüber, die alle mit der Würde der Gotteskindschaft ausgestattet sind. Christentum bedeutet Gewaltverzicht, Friedfertigkeit, Barmherzigkeit und unaufhörliches Streben nach Gerechtigkeit.

Sind die Anforderungen des Christentums nicht milde und ganz wuchtig zugleich? Sie endlich aufzugreifen wäre für eine Welt so bitter notwendig, die von vielfachem Leid und Elend verletzt ist! Von einer Welt, die noch immer unerlöst ist, weil sie das Göttliche im Menschen nicht kennt, nicht beachtet oder gar verachtet! Und wäre nicht die einzige und wahre Aufgabe jeder Kirche, genau das und mit aller Kraft zu verkünden, sichtbar, hörbar und mitreißend verständlich?

Sehen wir an, was aber jene beschäftigt, die in der Kirche noch das Sagen haben: Gebote zu verkünden, die angeblich solche Gottes sind, aber die immer weniger ernst genommen werden. Festzulegen, was erlaubt und was unzulässig ist, wer zu entscheiden hat, wer dazu berufen wird und wer nicht. Was abzuwehren ist, weil es nicht den eigenen Vorstellungen und dem bisher Erdachten sowie Überliefertem entspricht. Wer als „Stellvertreter“ Gottes und „in persona“ Christi handelt, „geweiht“ in Amt und Würden nach vorgegebenen Regeln. Welch eitler Wahn!

Gerade dann, wenn wir uns zu Weihnachten das Kommen Jesu in die Welt vor Augen führen, muss es eine ganz große und ganz unbedingte Konsequenz geben. Das Bild, das von ihm über viele Jahrhunderte gezeichnet wurd, entsprach ganz und gar menschlichen Vorstellungen. Es ist radikal zu ändern! Zu befreien von Beiwerk, das verdrängt, was an ihm und für ihn wesentlich ist. Die Verkündigung des Gottessohnes darf nicht dort stehen bleiben, wo man ihn durch Legenden einer antiken Welt legitimieren wollte – gleich den anderen Religionen von damals.

Der „blonde Knabe im lockigen Haar“ des bekanntesten aller Weihnachtslieder soll nicht verbannt werden. Er mag weiterhin zum Verstehen eines Heilsgeschehens verhelfen, das uns im Herzen tief betroffen hat und auch zukünftige Generationen bewegen soll. Aber dieser Jesus ist vor allem eine gewaltige Herausforderung. Für die Kirche und gerade für die Welt von heute!

Herbert Kohlmaier