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Ergebnis des „Innehaltens“#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 103/2013


Im Mai, bald nach dem Amtsantritt des neuen Papstes, schrieb ich, dass nun innezuhalten sei (Nr. 89). Abzuwarten wäre ja, was der Hoffnungsträger Franziskus bewegen würde. In der Zwischenzeit versuchte ich bereits einige Schlussfolgerungen in dieser Richtung. Viel Grund zur Freude zeigte sich, aber auch Enttäuschendes.

Nun erscheint mir aber klar, was wir von Bergoglio nicht erwarten können. Sicher ist er eine Lichtgestalt als Pontifex, die große Hoffnungen weckt, rasch und viel Sympathie gewonnen hat. Aber es wird immer deutlicher, dass der neue Papst bei seinem großartigen Bemühen der Jesusnachfolge die Grenzen von überlieferter Lehre und Kirchenordnung nicht überschreiten wird. Zumindest nicht in absehbarer Zeit und dafür hat er offenbar auch kein Mandat des Konklaves.

Geradezu erschreckt haben mich aber Ereignisse der letzten Zeit. Während eine durchaus positiv zu beurteilende und breit angelegt Erhebung über die Haltung zur kirchlichen Familien-, Ehe- und Sexualmoral eingeleitet wurde, erklärte der Präfekt der Glaubenskongregation, dass die Lehre in der Frage der Wiederverheirateten unverrückbar sei. Den Freiburger Bischof Zollitsch forderte er in rüdem Ton auf, eine sog. Handreichung zurückzunehmen, wonach die Kommunion für solche unter bestimmen Umständen zulässig ist. Das alles unternimmt ein Mann, der eines der wichtigsten Ämter in der Kurie inne- und dabei den Standpunkt des Papstes zu vertreten hat!

Noch Ärgeres folgte nun. Die Vorgangsweise bei der Ernennung von Bischöfen ist für alle Erneuerungswilligen ein arger Stein des Anstoßes. Viel Schlimmes passierte ja, weil man willkürlich „kirchenpolitisch“ vorging und sich nicht um die Meinung der Betroffenen kümmerte. Mehrere gewichtige Äußerungen des neuen Papstes kündigten allerdings an, dass er nicht mehr autoritär sondern unter Bedachtnahme auf die Meinung des Gottesvolkes vorgehen wolle. Personalpolitik gehört wohl zu den wichtigsten Dingen, gerade in der Kirche! Und nun passierte bei der Ernennung des neuen Salzburger Erzbischofs geradezu Unfassbares.

In dieser Diözese konnte das Domkapitel sein Recht bewahren, aus einem Dreiervorschlag des Vatikans den Geeignetsten auszuwählen. Zwei in diesem sind nun ausgeprägt Konservative, einer der bisherige Weihbischof Laun. Er ist als Kandidat absolut ungeeignet. Seine vorherige Berufung ist ein Teil der Maßnahmen, um die Kirche Österreichs durch romtreue Hardliner zu disziplinieren (Krenn, Goer, Eder & Co.) Laun glänzte einmal mit einer Kampfschrift, in der er erklärte, die Kirche Jesu dürfe keinesfalls eine „der Basis“ sein. Schätzt nicht Franziskus gerade diese?

Als Laun die deutsche Bischofskonferenz 1999 wegen ihrer Haltung zur Schwangerenberatung kritisierte, wies ihn diese mit der Feststellung zurecht, es handle sich um diffamierende und reine Polemik – man bedürfe nicht der Belehrung durch einen „Kleininquisator“. Dass ein solcher wohl nicht zum Jux sondern ernsthaft als „Primus Germaniae“ (Ehrentitel des Salzburger Erzbischofs) vorgeschlagen wird, ist ein unüberhörbares Signal der dreisten Absicht, die alten Missetaten fortzusetzen. Wer trägt dafür die Verantwortung? Der Nuntius oder die Berater des Papstes? Hier sollte sich doch schon längst herumgesprochen haben, was die Intentionen des Franziskus sind. Jetzt muss man sich fragen - wie sind diese tatsächlich geartet? Und auch durchsetzbar?

Das Domkapitel entschied sich für den dritten Vorgeschlagenen, nämlich Weihbischof Lackner aus Graz, gegen den zumindest bisher nichts Gravierendes spricht, er ist aber sicher kein Wunschkandidat der Salzburger. So hat man das Wahlrecht des Domkapitels – übrigens nicht das erste Mal – auf hinterhältige Weise unwirksam gemacht.

Meine Schlussfolgerung#

Für mich ergibt sich sohin die Schlussfolgerung, dass es noch lange dauern wird, bis entscheidende Korrekturen in der Lehre der Kirche, in ihrem System sowie dessen Handhabung eintreten – wenn überhaupt! Es liegt noch ein langer und unsicherer Weg vor uns. Die Reformkräfte sind nach wie vor herausgefordert. Sie haben zweifellos sehr viel zu jener Bewusstseinsänderung beigetragen, die jeder Erneuerung vorausgehen muss. Weiterhin ist daher notwendig, was Max Weber treffend das „geduldige Bohren in dicken Brettern“ nannte.

Ich selbst will mich dabei jedoch nicht mehr „an vorderster Front“ engagieren. Die Spanne meines weitere Daseins ist schon recht kurz bemessen, ich werde nicht mehr den Erfolg erleben. Aber wir müssen unbedingt an jene Durststrecke denken, die noch immer vor uns liegt. Wir müssen uns in dieser Zeit möglichst unabhängig machen und das Selbstbewusstsein sowie das Handeln eines Christentums fördern, das losgelöst von einem heillos überholten System lebt!

Vor einem Jahr und noch in der Ära Benedikt habe ich mir vorgenommen, mich dem Zeichnen eines neuen Kirchenbildes zu widmen, wie es die Menschen unserer Gegenwart verstehen könnten („Gedanken“ Nr. 57 v. 9. 10. 12). Ich verfasste “Bausteine“, zu denen leider nicht viele, aber doch sehr wertvolle Stellungnahmen kamen. Dieses Projekt stoppte ich wegen des eingangs genannten Innehaltens. Ich will das nun fortführen, überlege aber noch, in welcher Form.

Das bedeutet für die „Gedanken“, die ich nun gemeinsam mit Heribert Franz Köck herausgebe und die erfreulicher Weise viele schätzen, kein Ende, sondern eine gewisse Änderung der Inhalte. Nach wie vor sollen Stimmen der Erneuerung zu Wort kommen, aber nicht mehr mit dem Schwerpunkt der Systemkritik anhand ständig auftretender Ärgernisse. Dazu sei ganz unumwunden gesagt: Ich halte es für sinnlos und sogar entwürdigend, immer wieder gegen Kräfte anzurennen, die in sturer und uneinsichtiger Arroganz ihr Unwesen treiben.

Sind sie überhaupt wichtig? Der Geist Gottes weht bekanntlich wo er will und wir dürfen weiterhin auf ihn hoffen. In diesem Sinn müssen wir es immer mehr unternehmen, uns frei und unabhängig zu machen, also den Weg unseres christlichen Gewissens zu gehen. In diesem Sinn darf ich auf Ihr weiters Interesse und auch darauf hoffen, dass Sie wie bisher mitdenken und weiterdenken!