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Woran die Kirche leidet #


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 54/2012


Der Apostolische Nuntius in Deutschland Erzbischof Jean-Claude Périsset hat neulich in einem Interview beklagt, „der Papst leide“ an einer ihm gegenüber verschlossenen Haltung (Christ & Welt 34/2012). Doch unbeabsichtigt drückt er mit seinen Worten höchst anschaulich aus, woran die ganze Kirche leidet, um deren Zukunft er sich Sorgen macht. Auf die Frage, was da Ursache sei, sagt er „es läuft nichts falsch“. Die Kirche müsse sich allerdings stärker auf die heutige Situation einstellen, also etwa bildhaft mit einfachen Worten die Grundelemente des Glaubens vermitteln.

Wenn das kirchliche Angebot dünner werde (Frage), sei daran nicht der Mangel an Priestern schuld, sondern der am Glauben! Er sehe fast nur ältere Menschen in der Kirche, denn in den Familien, aus denen der Priesternachwuchs kommen sollte, gäbe es kein Leben, sondern ein Nachlassen des Glaubens.

Das veranlasst den Interviewer verständlicherweise zu der weiteren Frage, ob die Kirche nicht nur ihre Sprache sondern auch die Lehre ändern müsse? Darauf kommt es faustdick: „Christus ist der Erfinder der Kirche, nicht wir. Wenn die Leute eine andere Kirche wollen, kann das nicht unser Weg sein“. Und was den von der Bischofskonferenz geplanten Dialogprozess betrifft, stellt er klar, wie dieser aus vatikanischer Sicht zu verlaufen habe.

Wer daran teilnehme, „sollte als Gläubiger kommen, mit der Haltung, etwas lernen und empfangen zu wollen“. Hier kann mit Sicherheit angenommen werden, dass er diese Einstellung nicht von der Hierarchie erwartet, sondern von deren Gegenüber, also den Vertretern des Kirchenvolks. Angesprochen auf eines der „heißen Eisen“, nämlich der Weihe von weiblichen Priestern oder von Diakoninnen, ist für ihn unumstößlich, „dass Christus es nicht gewollt hat, und nicht wir, sondern Christus hat die Kirche gemacht“.

Unbegreifliche Ignoranz?#

Offenbar fehlt die Bereitschaft „etwas lernen und empfangen zu wollen“ heute bei den Würdenträgern. Braucht doch längst nicht mehr dargelegt zu werden, dass Christus jene Römisch-katholische Kirche, wie sie sich heute darstellt, keineswegs „erfunden“ hat. Sie ist in Wahrheit das Produkt einer historischen Entwicklung, die erst Jahrzehnte nach dem österlichen Geschehen in Gang kam. Im Wesentlichen handelte es sich dabei zunächst um eine Loslösung aus dem Judentum.

Nicht Christus hat also die Kirche „gemacht“, sondern sie ist Ergebnis ganz und gar menschlichen Bemühens, einen faszinierenden neuen Glauben zu bewahren, zu verkünden und zu verbreiten, nachdem die zunächst erwartete baldige Wiederkunft Jesu ausblieb. Es handelte sich dabei um eine organisatorische Anstrengung, die all das ermöglichen sollte. Man bediente sich dessen, was überall das Wesen einer Institution ausmacht, auch wenn sie ideelle Zwecke verfolgt. Dazu gehören die Berufung von Verantwortlichen in Ämter und die Herstellung notwendiger Regelwerke.

Es ist als bekannt vorauszusetzen und braucht hier nicht dargelegt zu werden, wie sehr diese weltliche Seite der Kirche allmählich die spirituelle überwucherte. Gefördert vom Bündnis mit dem römischen Kaiser, später mit den anderen irdischen Autoritäten. Gerade die Ämter und deren Befugnisse sind von hier kopiert, ebenso das Errichten eines durchzusetzenden Rechtssystems. Wird behauptet, Jesus habe dazu etwas Bestimmtes gewollt oder auch nicht, ist das horrender Unsinn!

Oder vielmehr (Selbst)Täuschung?#

Wenn so eindeutig Falsches zur Argumentation herangezogen wird, stellt sich immer die Frage, ob Unwissenheit oder eine keineswegs lautere Absicht dahintersteht. Man kann dem Herrn Erzbischof wahrscheinlich zugute halten, dass er an das, was er da von sich gibt, tatsächlich glaubt. Werden doch in die höheren Ränge des Klerikalgebildes nur Männer zugelassen, die bereit sind, an die Stelle eigenen kritischen Denkens und Forschens nach der Wahrheit blinden „Gehorsam des Verstandes“ zu setzen.

Wir kennen ja auch das Phänomen, dass die wiederholte Behauptung von Falschem dann zur Überzeugung werden kann. Das entschuldigt aber keineswegs die Sünde gegen den Intellekt! Und schon gar nicht, dass man da bei einem groß angelegten Täuschungsmanöver mitmacht. Denn die Behauptung, Jesus habe diese Kirche mit ihren Vorschriften und Befugnissen „gemacht“ bzw. „erfunden“, verfolgt ja einen ganz bestimmten Zweck. Man müsste da eigentlich von einem üblen Trick reden, der seit jeher angewandt wurde, um das Volk gefügig zu machen. Man beruft sich auf „göttliche“ Beauftragung und Ermächtigung.

Der Papst leidet also, offenbar weil solches heute nicht mehr geht. Muss man doch ein sehr beschränktes Wahrnehmungsverfügen haben, um tatsächlich zu glauben, an der Spitze der Institution Kirche wären Menschen am Werk, die wirklich getreu und unbedingt dem folgen, was Jesus wollte. Und ihn daher sogar kraft erteilter Vollmacht repräsentieren würden! Die Geschichte hat das vielfach widerlegt, ebenso all das, was den Menschen beim Handeln oder Unterlassen der Papstkirche vor Augen geführt wird. Von „Heiligkeit“ ist da oft recht wenig wahrzunehmen.

Und schon gar nicht viel von redlichem Bemühen, dem Wollen Jesu, soweit wir es aus den Evangelien erschließen können, getreulich zu folgen. Die Widersprüche sind eklatant, auch sie können als sattsam bekannt vorausgesetzt werden. Zum Interview des Nuntius fällt einem sogleich ein, wie sehr Jesus die Frauen geschätzt und als gleichwertig betrachtet hat. Warum hat wohl Paulus gesagt, es gäbe in der Nachfolge des Herrn nicht mehr Mann und Frau? Werden doch schon in der Schrift beide als Geschöpfe Gottes bezeichnet, als sein Ebenbild!

Was tatsächlich falsch läuft und Leiden schafft#

Angesichts dessen zu behaupten, in der Kirche laufe nichts falsch, ist nicht nur unbegreiflich, sondern verhöhnt geradezu den „Kirchenerfinder“ Jesus. Hat er nicht davor gewarnt, den Splitter im Auge des Nächsten zu sehen, aber nicht den Balken im eigenen? Beim Vertreter des so genanten „Heiligen Stuhls“ zeigt sich wieder genau das, was gebetsmühlenartig allen Erneuerungskräften entgegengehalten wird: Die Kirche ist in Ordnung, aber der Glaube der Menschen geht verloren. So als ob das ein Geschehen wäre, an dem die Hierarchie ganz und gar unbeteiligt wäre und das ohne auch nur ihr geringstes Dazutun vor sich ginge.

Man muss dieser „Obrigkeit“ heute mit geradezu heiligem Zorn zurufen: Um Gottes Willen, glaubt ihr wirklich, da gäbe es kein Versagen bei euch? Habt ihr nicht einmal eine Sekunde daran gedacht, dass Glaube unbedingt Glaubwürdigkeit voraussetzt? Ist euch nicht klar, dass ihr da eine ganz miese Schuldzuteilung vornehmt, die euch selbst entlasten und jene belasten soll, um die ihr euch gefälligst zu kümmern habt? Auf die ihr hören und die ihr achten sollt in ihrer Glaubensüberzeugung, die heutzutage in vieler Hinsicht eine ganz andere ist, als die eurer Vatikanbürokratie?

Hören Sie, Herr Périsset, nicht Exzellenz, denn nichts ist an Ihrer dümmlichen Aussage exzellent: Die Menschen, die sie geringschätzig „Leute“ nennen, wollen tatsächlich eine andere Kirche! Eine, die nicht geleitet wird von weltfremden und in ihren festgefahrenen Standpunkten verstockt verharrenden Männern, die angeblich heilige Ämter innehaben! Sondern von der bedingungslosen Liebesbotschaft Jesu. Die haben wir längst vernommen und in unserem Herzen aufgenommen, das sei betont, wenn sie meinen, wir Katholiken sollten in einem Dialogprozess etwas „empfangen“.

Der Papst leidet also. Das ist wie jedes Leiden sehr bedauerlich. Aber ist Jesus nicht der Heiland, der heilen kann, also auch dieses Leiden? Spürbar und zutiefst zu bedauern ist, dass auf dem Pontifikat ihres Chefs offenbar kein Segen ruht. Erinnern sie ihn an das Wort Jesu, dass zugrunde geht, was gespalten ist. Und das geschieht unausweichlich, wenn man alle Wahrheit und alles Recht für sich allein in Anspruch nimmt, und verwirft, was sich dem nicht unterwirft. Päpste haben da unendlich viel Schuld auf sich geladen. Trifft das nicht auch auf Benedikt zu? Wie wird ihn die Geschichte einst beurteilen?

Vertreten sie, Herr Nuntius, nicht nur eine von Hoheits- und Regulierungswahn geplagte römische Zentrale bei den Kirchenmitgliedern, sondern endlich einmal auch uns bei Ratzinger! Legen sie dem einst progressiven Theologen nahe, auf das Wirken des Geistes zu vertrauen. Den haben nicht nur sie und Ihresgleichen empfangen, sondern ebenso wir als Getaufte und Glieder des durch die Zeiten wandernden Gottesvolkes. Es will nicht in falschem „Gehorsam“ stehen bleiben, sondern zuversichtlich und selbstbewusst weiter voranschreiten. Damit auch die Kirche nicht mehr leiden muss.