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Wird das Kirchensystem durch Franziskus christlich?#

Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 119/2014


Richtet man den Blick auf die römisch-katholische Kirche, steht nach wie vor im Mittelpunkt, dass in ihr unzählige Menschen segensreich gewirkt haben und dies bis heute tun. Ihre Werke des Glaubens und der tätigen Nächstenliebe haben unsere Kultur und unsere Zivilisation geprägt, sie sind wahrlich unverzichtbar und bleibend. Das Christentum brachte wunderbare Werke der Kunst und der Philosophie hervor. Doch über die Gemeinschaft der Gläubigen wurde in zwei Jahrtausenden ein Regime gestülpt, das ganz anders zu beurteilen ist. Es erklärt zwar, ganz auf Jesus Christus gebaut zu sein, aber es ist nicht christlich! Vor dieser Situation stehen wir heute.

Zur Feststellung dessen muss man kommen, wenn man sich gewissenhaft vor Augen führt, was Jesus wollte, uns vorlebte und lehrte. Welches Bild von Gott er den Menschen zeigte und welche Beziehung zu seinem und unserem Vater er den Kindern Gottes nahe legte. Er wollte, dass wir voll des Vertrauens beten. Obwohl er im Glauben seines Volkes Israel lebte und wirkte, hatte seine Botschaft einen von Grund auf neuen und faszinierenden Gehalt. Sie erfasste die Menschen ganz und brachte sie zu einem neuen Verständnis ihrer Existenz und ihres Zusammenlebens.

Was war dabei das Wesentliche und „Andere“? Der Eingottglaube des Judentums stellte bereits einen ganz entscheidenden Fortschritt gegenüber der heidnischen Umwelt dar. Götzendienst und vielfacher Aberglaube, oft unmenschlich und grausam, waren überwunden. Das auserwählte Volk Gottes sah sich auf einem Weg des Heils, dem Ziel eines Gottesreiches des Friedens entgegen schreitend. Es war ein Glaube, der weitgehend frei war vom Ballast primitiver religiöser Vorstellungen, also gleichsam „abstrakt“. Ganz auf die liebende Beziehung zu jenem Gott ausgerichtet, von dem man sich kein Bild machen und dessen Name man nicht einmal aussprechen durfte.

Doch auch der jüdische Glaube der Schrift wollte nicht ohne „Konkretes“ auskommen, also das, was Gott be-greifbar macht. Das Volk brauchte seinen Kult und nicht Weniges, was der Frömmigkeit Hilfe, Stütze und Gegenstand bieten sollte. Neben dem Ritual war es vor allem das Gesetz, das in Hunderte von Vorschriften ausgefaltet war. So wollte man die Beziehung zu Gott regeln und zuverlässig wirksam machen. Dazu kam das Opfer. Im Tempel floss das Blut der geschlachteten Tiere in Strömen, der aufsteigende Rauch sollte für Gott ein Wohlgeruch sein.

Was Jesus lehrte ist uns auf wunderbare Weise in der so genannten Bergpredigt überliefert. Doch er hat neben der Verkündung des totalen Liebesgebots ganz bedeutsame neue Akzente des Glaubens gesetzt und damit auch das für ihn tödliche Ärgernis der geistlichen Obrigkeit hervorgerufen. Er stellte Wesentliches bei der damaligen Deutung der Schrift in Frage. Das Gesetz, vor allem mit seinen Reinheitsgeboten, sollte gegenüber der Unmittelbarkeit unserer Gottesbeziehung zurücktreten. Jesus bezeichnete das innige Verhältnis zum Vater als entscheidend, das Gebet im Verborgenen ohne „zu plappern wie die Heiden“. Es zählt nur, was im Herzen geschieht, hier muss Barmherzigkeit und Reinheit wirken, nicht nur die Einhaltung von Vorschriften!

Wie der Glaube Jesu zur Reichsreligion wurde#

Jesus hat Autoritäten vom Podest gestoßen, die meinten, im Besitz des Glaubens zu sein. Auch das war unerhört! Er verurteilt jene mit schärfsten Worten, die nur scheinbare Frömmigkeit demonstrieren und den Menschen mit ihren Geboten Lasten aufbürden. Er warnte eindringlich davor, sich über Andere zu erheben und wollte nicht, dass die Seinen herrschen. Sie sollten nur dienen, in einer Gesinnung unbedingter Hingabe an die Mitmenschen und deren Wohl!

Nachdem sich der Glaube an Jesus unaufhaltsam ausgebreitet hatte, musste er vom römischen Kaiser toleriert werden und wurde schließlich Staatsreligion, verbunden mit dem Verbot jedes anderen Glaubens. Das hatte zwei Wirkungen – eine heilbringende und eine wahrhaft verderbliche. Ohne die systematische Pflege und sein konsequentes Organisieren hätte das Christetum keinen Bestand und keine dauernde große Bedeutung erlangen können. Aber die Wege einer mit der weltlichen Autorität verschmolzenen Rolle der Kirche führten sie von Jesu Lehre weg.

Bedenken wir es allerdings: Die Kirche erlangte in einer Zeit Macht, die von sehr schwierigen Lebensbedingungen gekennzeichnet war. Die Menschen litten unter für uns heute unvorstellbarer Not und Bedrängnis, Unsicherheit und Gefahren aller Art drückten sie nieder. Sie waren ungebildet und unselbständig, ganz angewiesen auf die Obsorge einer oft hart und unmenschlich agierenden Obrigkeit. Und diese war sowohl eine geistliche wie auch eine weltliche. Nolens volens geriet sie ganz in die von Jesus verworfenen Verhaltensweisen weitab von seinen Idealen.

Die dem Volk gebotene katholische Frömmigkeit mit ihrer Fülle von Ritualen und Regeln hatte mit der von Jesus verkündeten schlichten Frömmigkeit vielfach nichts zu tun; oft ging es dabei um neu adaptierte vorchristliche Kulte und Legenden. Die Amtsträger der Kirche erhoben sich zu unanfechtbarer Autorität, auch zu schamlosem und arrogantem Pomp. Da sie sich als von Gott eingesetzt erklärten, entzogen sie sich auf Despotenart jeder Anfechtung durch Kritik und Zweifel. Man behauptete, stellvertretend für Christus und Gott handeln und sprechen zu können.

Ein weit verzweigtes Regelwerk des Glaubens wurde konstruiert, das sich keineswegs auf den Rabbi aus Nazareth berufen kann. Ungehemmter Drang, Unerklärbares aufs Genaueste und absolut verbindlich zu erklären, tobte sich geradezu aus und führte zu oft absurden theologischen Konstruktionen. Mit Höllendrohung wurde das Kirchenvolk diszipliniert, Päpste wagten die gotteslästerliche Behauptung, nur wer ihnen gehorche, könnte das Heil erlangen. Hierarchie und Geistlichkeit nahmen Jesus ganz in Besitz und eigene Verfügung, kein Weg führte daran vorbei.

Ein historisches und zutiefst tragisches Versäumnis#

Doch die Welt errang ihren Fortschritt, die Neuzeit änderte alles. Die Wissenschaft eröffnete unzählige Möglichkeiten, mit früher unlösbaren Problemen fertig zu werden. Bildung und Erkenntnisse nahmen gewaltig zu. Eine große Befreiung begann. Ganz neue Chancen entstanden für die Menschheit, ihre Abhängigkeit von früherer Bevormundung schwand dahin. Man fand zu selbständigem Denken. Der Widerspruch zum althergebrachten Modell Kirche musste daher kommen. Immer mehr wurde erkannt, dass da Vieles nicht stimmen konnte. Und vor allem, dass Jesus eigentlich etwas Anderes wollte als seine selbsternannten „Stellvertreter“.

In dieser Situation hatte und hätte die Kirche die Chance – ja eigentlich die Verpflichtung! –, ganz umzudenken! Eine fortentwickelte Menschheit und Menschlichkeit sollte Überholtes abstreifen und sich wieder auf den wahren Gehalt des Christentums besinnen. Wie heilbringend wäre dies gerade in einer Phase der Menschheitsgeschichte, wo uns bisher ungeahnte Möglichkeiten zur Verfügung stehen und viel Not überwunden werden konnte! Aber auch in einer Zeit, wo die moralische und sittliche Entwicklung mit der technischen und wirtschaftlichen keineswegs Schritt hält!

Sollten nicht arge gesellschaftliche Fehlentwicklungen dazu veranlassen, sich auf die heilende Kraft des Evangeliums zu besinnen? Also der Gewalt, dem Egoismus und dem Materialismus als Begleiterscheinungen auch unserer Gegenwart mit der Gesinnung Jesu entgegenzutreten? Schon mit dem Voranschreiten der Zivilisation ab dem Beginn der Neuzeit ergab sich für die Kirche diese phantastische Möglichkeit, Lehre und Ordnung neu zu konzipieren. Niemand hätte ihr die historischen Fehler vorgeworfen, hätte sie mit der geistigen Entwicklung Schritt gehalten.

Doch es geschah nicht. Man ist versucht, das einfach mit dummer Sturheit zu erklären. Aber die Ursachen liegen darin, dass die Gestaltung der alten Kirche eine dauerhafte Selbstblockade bewirkt. Die Erhöhung zur eigenen Heiligkeit und Vollkommenheit schließt aus, eigene Fehler zu erkennen und einzugestehen. Die Selbstverliebtheit des Systems und seine Hybris verdrängen nicht nur die von Jesus gebotene Demut, sondern auch die Fähigkeit, mit Kritik so umzugehen, wie es intelligente Menschen tun - und sich auch selbstkritisch zu prüfen! Wie ein Fluch wirkt das unverzeihliche Vergehen, sich mit Jesu gleichzusetzen, aber ihm nicht wirklich zu folgen.

Harte Kritik musste daher einsetzen. Voll Hochmut wurde diese stets abgewiesen, selbst wenn sie begründet, berechtigt und notwendig war. Jan Hus wurde trotz zugesagtem freien Geleits auf einem Konzil verbrannt, später Luther gebannt. Dieser nannte den Papst den Antichrist und das war berechtigt. Hätte man die Reformer ernst genommen, der Verlauf der Weltgeschichte wäre ein anderer gewesen. Viel Elend wäre vermieden worden, ganz abgesehen von der Kirchenspaltung. Versteht denn die Kirchenleitung nicht, dass Wahrheitssuche ein dynamischer Prozess ist? Und dass die Menschheit dazu berufen ist, das Schöpfungswerk Gottes stets neu fortzusetzen?

Noch im 19. Jahrhundert verkündete ein Papst seine „Unfehlbarkeit“. Die mangelnde Fähigkeit der Kirchenleitung zu vernünftigem Denken ist auch Folge eines Systems, das nur solche Leute in Führungspositionen lässt, die sich ihm bedingungslos unterwerfen. Sie müssen dem Papst Gehorsam geloben! Was abermals ein schweres Vergehen gegen Jesus bedeutet, der das Schwören verboten hat. Im Kirchenregime läuft ein konsequentes Programm der Entmündigung ab, der „Oberhirten“ ebenso wie die des Kirchenvolkes.

Franziskus – eine neue Chance?#

Noch weit weg von Jesu Botschaft ist das System Kirche heute. Derzeit will der Leiter der Glaubenskongregation Menschen, deren Ehe gescheitert ist und die auf ihr Glück in einer neue Beziehung hoffen, vom Sakrament fernhalten. Also von Brot und Wein, die uns die personifizierte Gnade und Güte Gottes darstellen. Da wirkt auch jene schreckliche Sexualneurose, die man sich mit abwegigen Vorstellungen über die körperliche Liebe zugelegt hat. Kein Wunder also, wenn nach der großen Kirchenspaltung die vieltausendfache kleine geschieht. Die Menschen gehen weg, entweder mit dem Kirchenaustritt oder dem Beziehen innerer Distanz. Die Jugend hat kein Interesse und kein Verständnis mehr.

Der Niedergang erscheint programmiert. In einer Zeit, wo es allseits an moralischen Autoritäten mangelt, versagt die Kirche als solche, obwohl gerade sie dazu berufen wäre! Sie versündigt sich gegen Jesus, denn sie hat, wie das Evangelium es beschreibt, ihre Talente eingegraben statt vermehrt. Sie stößt Menschen von der bitter benötigten Seelsorge weg, weil sie das falsche Geschlecht haben oder verheiratet sind. Immer mehr neue christliche Glaubensgemeinschaften bilden sich und machen der Kirche Konkurrenz. Wäre der Vatikan Vorstand eines Unternehmens und gäbe es einen halbwegs gescheiten Aufsichtrat, hätte man die Leute in Rom längt gefeuert. Aber so geht es eben einem System, das keine Kontrolle und Teilung von Macht kennt. Es wird nicht mehr ernst genommen.

Das scheint den vor einem Jahr im Konklave versammelten Würdenträgern doch allmählich gedämmert zu haben. Dass sich ein Papst zuvor von seiner Aufgabe zurückzog, war für sie ein Fanal. Man musste etwas ändern und jemanden dazu finden und berufen. Seit Franziskus im Amt ist, entsteht eine ganz neue Situation. Ist also Hoffnung berechtigt? Darüber besteht mancher und auch verständlicher Zweifel.

Selbst bei kritischer Betrachtung zeigt sich beim neuen Papst Imponierendes. Wenn eingangs dargelegt wurde, was Jesus tatsächlich wollte, ist eindeutig, dass Bergoglio verstanden hat, worum es da geht. Er hat eine ganze Reihe von Unsitten abgestellt. Ganz offensichtlich nimmt er die Nachfolge Jesu ernst und verhält sich so, wie man es von einem geistlichen Führer erwartet. Das bedeutet angesichts des bisher betriebenen Kultes um einen „Heiligen Vater“ sehr viel! Doch wird es auf Dauer reichen? Das ist wohl die entscheidende Frage.

Geduld und Hoffnung sind christliche Tugenden. Dass das Kirchevolk längst ungeduldig wurde und nach bitteren Enttäuschungen rasche Änderung verlangt, darf nicht übersehen werden. So entsteht für viele die ebenso bange wie drängende Frage: Was wird Franziskus in den Jahren, die ihm zur Verfügung stehen, unternehmen, um die Dinge wirklich zum Besseren zu wenden? Es mag sein, dass er sehr klug und behutsam vorgeht. Die kommende Versammlung der nach dem Kriterium „Papsttreue“ ausgewählten Bischöfe wird sich als Prüfstein erweisen. Sie soll sich mit der kirchlichen Ehe- und Sexualmoral auseinandersetzen. Gibt es dort ein „gehorsames“ Umdenken? Und vor allem: Wird man an den bestehenden Vorschriften etwas ändern?

Wenn ja, dann besteht tatsächlich die Aussicht, dass ein nicht mehr rückgängig zu machender Prozess in Gang kommt. Dann wäre das Papsttum wirklich so verändert, dass eine zukunftsfähige Kirche in Sicht ist. Dann wäre auch zu erwarten, dass andere längst überholte Vorschriften fallen. Und damit wären alle jene gerechtfertigt, die auf Reformen drängen und die man bisher ignoriert und zurückgewiesen hat. Es wäre wieder attraktiv, in der Kirche zu sein und einen spannenden Erneuerungsprozess mitzuerleben, der die Frohbotschaft ins Zentrum stellt.

Nicht nur die Katholiken würden es brauchen, nein auch die ganze Christenheit und eigentlich die ganze Welt, die sich nach Idealen sehnt! Wenn aber der begonnen Schritt zur Veränderung nicht gelingen sollte, gilt für die Kirche wohl das Wort, mit dem in Dantes Göttlicher Komödie das Inferno beschrieben wird: „Lasst alle Hoffnung fahren…“ Ist es für Jesus doch sicher heute genau so wie zu seiner Zeit: Welche Gesetze lasten die Schriftgelehrten den Menschen auf?

Ändert der Papst nichts an einem Kirchenrecht, das diesen Namen überhaupt nicht verdient, weil es bitteres Unrecht erzeugt, wäre das eine ganz arge Enttäuschung. Das muss einmal offen gesagt werden! Franziskus hat die Möglichkeit dazu, es liegt in seiner Macht. Er ist zweifellos voll des guten Willens. Aber eine Kirche wird nicht schon durch einen Papst christlich, der das Christentum ernst nimmt, sondern nur durch eine Systemerneuerung, die sich an Jesu Willen orientiert.