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Das Kirchensystem „ist keine Demokratie“ – und so dem Niedergang geweiht#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 53/2012


Das große Unbehagen, das in der Politik herrscht, greift nun der als Industrieller sehr erfolgreiche Austrokanadier Frank Stronach auf. Er gründet in seinem Heimatland eine neue Partei. Doch was er als Ursache der im Staat herrschenden Verdrossenheit anführt, weist deutliche Parallelen zur Situation der Kirche auf.

Die Worte, die der bald 80-Jährige in seinem heutigen „Presse“-Interview verwendet, beschreiben den allseits vorhandenen politischen Unmut trefflich. „Ich bin jetzt dabei, weil ich sehe, dass das jetzige System nicht funktioniert“. Er schildert dann, wie sich stets das selbe Machtkartell auf ein Regierungsprogramm verständige, welches es dann „durchpushe“. Aber „die Bevölkerung ist ausgeschlossen“.

Stronach erklärt, mit seiner neuen Partei jetzt anzutreten, um bessere Möglichkeiten zu haben, dieser Bevölkerung zu erklären, wie das System sei und wie es anders funktionieren könnte. Und schließlich: „Ich habe zu einer geistigen Revolution aufgerufen. Wenn wir zu lange warten und es schlecht geht, gibt es eine zerstörende Revolution. Es ist fünf vor zwölf“.

Diese Sicht der Dinge lässt sich fast „eins zu eins“ auf die kirchlichen Reformkräfte übertragen. Wie sich also die Bilder gleichen! Es gibt aber einen ganz wesentlichen Unterschied. Eine neue politische Partei zwingt anders als in der Kirche die herrschenden Kräfte, zu reagieren und sich selbst zu überprüfen. Wenn sie bei Wahlen Zustimmung erhält, muss auf ihre Ziele eingegangen werden, wie dies vor einiger Zeit bei der Grünbewegung der Fall war.

Natürlich ist auch bei neu entstehenden politischen Gruppierungen nicht alles Gold was glänzt. Oft müssen sie, sobald sie Verantwortung tragen, manch Wasser in ihren Wein gießen. Aber der Fortschritt braucht die Dynamik des Auftretens anderer Ideen sowie ihrer Erprobung. Wer bisherige Strukturen ändern will, kann natürlich auch scheitern. Aber selbst dann erfüllt er eine wichtige Funktion für eine Weiterentwicklung, die ohne den Wettbewerb der Ideale nicht stattfinden kann.

Systeme, die dieses Spiel geistiger Kräfte nicht zulassen, sind dem Niedergang geweiht – früher oder später, aber das gewiss. Die Reformkräfte in der Kirche sehen diese schreckliche Gefahr für ihre Glaubensgemeinschaft. Deren System hat ja dafür vorgesorgt, dass seine vermeintliche Heiligkeit, Vollkommenheit und Unfehlbarkeit nicht in Frage gestellt werden darf. Auch wenn Vieles davon normal denkenden Menschen von heute geradezu absurd erscheint.

Die „Stronachs“ in der Kirche werden aber ignoriert, notfalls unterdrückt oder aus dem Amt gejagt. Man lässt sie einfach gehen, gerade die Wertvollen, die sich kritisch mit den Zuständen auseinandersetzen. So verliert das festgeschriebene Religionsgebilde den Anschluss zum durch die Zeiten wandernden Volk Gottes. Es verharrt dort, wo es schon viel zu lange stehen geblieben ist.

Doch keineswegs bleibt damit alles beim Alten! Denn das verbleibende Häuflein der „Gehorsamen“, das den Ton angibt, verkörpert immer weniger das, was einst „Kirche“ war. Unfähig, zu hören und zur heilsamen Umkehr, gerät das System zum kümmerlichen Restbestand eines einst lebendigen Christentums, das in die Welt gerufen wurde, um sie stets zu verändern und zu erneuern.