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Leben zu verhindern bedeutet immer schwere Sünde#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 27/2012


Förderung und Schutz des Lebens sind oberste sittliche Gebote. Das ist nicht nur ein ethisches Prinzip, sondern auch Leitgedanke der Kirche. Er kommt naturgemäß im Katechismus zum Ausdruck, der im bevorstehenden Jahr des Glaubens allseits eingeschärft werden soll. In ihm findet sich dem entsprechend das strikte Verbot der Abtreibung. Es handelt sich um ein Vergehen, das mit Exkommunikation bedroht ist (2272). Fände doch die Ehe in der Bereitschaft, Nachkommenschaft zu zeugen und zu erziehen, ihre Krönung (1652)! Die Kirche stehe also „auf der Seite des Lebens“ (2366) und deshalb sei „verwerflich“, was die Fortpflanzung verhindere (2370).

Der Embryo ist nach christlicher Überzeugung bereits Träger menschlicher Würde, auch wenn umstritten ist, wann die „Beseelung“ stattfindet – also schon mit der Befruchtung der Eizelle, erst mit deren Einnistung in der Gebärmutter (Nidation) oder mit fortschreitendem Wachstum. Aber es geht hier bei rechtem Glaubensverständnis nicht nur um den Schutz des werdenden Organismus. Dahinter steht ja ein ganz wesentlicher Grundsatz: Wenn Gott Kostbares bildet, soll das der Mensch nicht hindern! Er darf sich nicht anmaßen, in einen Schöpfungsakt und dessen Heiligkeit einzugreifen. Christen haben also den Willen Gottes unbedingt zu achten, wenn er Leben in die Existenz ruft.

Es geht nicht nur um physisches Leben#

Es ist sicher geboten, diese Grundhaltung nicht nur auf das physische Leben anzuwenden, sondern auch auf das des Geistes. Paulus schreibt dazu eine großartige Ermahnung: „Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,19). Er vergleicht die Kirche mit dem Leib Christi. Jedes Glied hat in ihm seine Aufgabe. Die Charismen der Menschen sind für das Heil des Ganzen unentbehrlich. Es ist daher zwingende Schlussfolgerung, dass auch alles verwerflich ist, was das Werden und Wirken solcher Begabungen verhindert.

Zweifellos will Gott auch die Entfaltung des spirituellen Lebens, das zu zerstören nicht hingenommen werden darf. Die Kirche verehrt ihre Märtyrer, die nicht nur physisch sondern vor allem auch als Träger des Geisteswirkens brutal vernichtet wurden. Sie beklagt jede Unterdrückung religiöser Entfaltung durch Intoleranz oder Glaubensfeindlichkeit. So erweitert sich die Betrachtung zu einem ganz eindeutigen Schluss: Leben ist auch oder gerade dort zu bewahren und zu fördern, wo Gott will, dass es in seiner Kirche gedeihe.

Nun ist es auch in unserer Gegenwart so, dass Menschen erfahren, in geistliche Dienste berufen zu sein. Viele stellen sich für Aufgaben in der Kirche engagiert zur Verfügung. Auch zeigt sich, dass nicht wenige Jugendliche Theologie studieren wollen. Sie können aber nicht den priesterlichen Beruf ergreifen, falls es ihnen wichtig ist, eine Familie – was auch dem Wollen der Kirche entspricht! – zu gründen. Schon gar nicht dürfen sie die Weihe für ein Amt empfangen, wenn sie weiblichen Geschlechts sind. Drängt sich da nicht der eigentlich erschreckende Gedanke auf, dass durch den Pflichtzölibat und den Ausschluss der Frauen von der Weihe vielfaches Leben des Geistes verunmöglicht wird? Indem Berufungen verhindert werden, die Gott will?

„Verhütete“ und „abgetriebene“ Seelsorger#

Ist es übertrieben oder gar falsch, da eine Versündigung gegen die Pflicht zu erkennen, jegliches Leben umfassend zu hüten? Ist das Abweisen von Menschen, die Gott und ihren Mitmenschen dienen wollen, nicht vergleichbar mit der unerlaubten „Verhütung“ neuen Heranwachsens, das dem Vollzug der Ehe entspringen sollte? Und erleidet ein Priester, der wegen seiner Liebe zu einer Frau aus dem Amt geworfen wird, nicht eigentlich so etwas wie seelisch „abgetrieben“ zu werden?

In den USA werden, wie man hört, wieder zunehmend Mädchen nicht als Ministrantinnen zugelassen. Sie hätten Freude am Dienst beim Altar. Dazu nochmals Paulus: „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude...“ (2 Kor 1,24). Aber Bischöfe, die solche Vorschriften erlassen, sehen sich offenbar als Herren über den Glauben. Und damit auch befugt, darüber zu entscheiden, welches Leben Gott in seinen Dienst berufen darf und welches nicht. Ist das nicht eigentlich eine ungeheuerliche, ja sogar blasphemische, Anmaßung?

Der Papst empfiehlt im Jahr des Glaubens den Katechismus zum eifrigen Studium, nicht aber die Heilige Schrift. Er betrachtet sich offenbar als Herr über den Glauben, der eben das zu sein hat, was er und seine Vorgänger verfügt haben. Sollte er sich aber nicht zuerst selbst darauf besinnen, wie er Gottes Willen zu achten hat, der geistliches Leben schafft, aber nicht Kirchenrechtsgebote? Sollte nicht die Behinderung, sondern vielmehr die umfassende Förderung der Bereitschaft zur Seelsorge „Krönung“ allen kirchlichen Tuns sein?

Und sollte ein Oberhaupt der Kirche nicht auch darüber nachdenken, wie er die Unterdrückung und Beseitigung geistlicher Berufungen einmal verantworten wird, wenn er vor dem Angesicht seines Herrn steht? Da wird es ihm leider nicht helfen, wenn es immer mehr üblich wird, dass sich Päpste gegenseitig „selig“ sprechen. In den Augen Gottes, der seinen Geist nicht entsprechend hierarchischer Selektion sondern nach seinem eigenen Willen in Menschen wirken lassen will, wird das wohl dann nichts zählen.