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Ein Massenmörder als „christlicher Fundamentalist“?#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 5/2011


In einigen Medienberichten wurde jener, der die schreckliche Untat in Norwegen beging, als „christlicher Fundamentalist“ bezeichnet. Das hat viele und auch mich sehr betroffen gemacht!

Man stelle sich vor, dass jemand, der mit der politischen Grünbewegung sympathisiert, ein Gewässer vergiftet hätte. Niemand käme auf die Idee, ihn als „grünen Fundamentalisten“ zu bezeichnen. Man würde vielmehr verurteilen, dass er die Idee dieser Gemeinschaft verraten habe! Doch warum ist das bei den Angehörigen einer Kirche oder auch sonstiger Religionen ganz anders?

Die Botschaft Jesu – und in wesentlichen Elementen ebenso des Propheten Mohammed – ist eine des Friedens und der Gewaltlosigkeit. Menschen einfach umzubringen und sich dabei auf irgendwelche Ideale zu berufen, kann durch keinen Glauben gerechtfertigt werden. Schon gar nicht durch dessen Fundamente – also das, was in den heiligen Schriften steht. Das Problem hat offenbar tiefere Ursachen. In Zeitungen werden nicht selten demokratisch unterentwickelte islamische Länder als „Gottesstaaten“ bezeichnet, und zwar ohne Anführungszeichen oder die Beifügung „so genannte“. Immer mehr melden sich in letzter Zeit Leute zu Wort, die allen monotheistischen Religionen eine prinzipielle Neigung zur Gewaltausübung unterstellen.

Wie ist es möglich, dass vielfach gelebte religiöse Gesinnung auf so arge und auch systematische, also offenbar gewollte, Weise diskriminiert wird? Ist doch Gewaltausübung keineswegs eine Besonderheit der Religionen! Auch wenn man schreckliche Ereignisse der Geschichte bedenkt, wo der Glaube versagte und sich selbst ad absurdum führte. Aber gibt es nicht auch politisch, national und wirtschaftlich motivierte Gewalt? Und wird sie nicht in den Medien und sogar in Computerspielen für Heranwachsende ständig und bedenkenlos dargestellt?

Man hat den Eindruck, dass man die Glaubensgemeinschaften zum Sündenbock für das Ausufern von Gewalttätigkeit in unserer Umwelt machen will. Sie können sich dagegen nicht wehren und müssen zusehen, wie ihr Bild verdunkelt wird. Obwohl sie sehr viel Gutes tun, wovon unsere Gesellschaft nicht wenig profitiert. Allerdings mit recht geringer Beachtung und Dankbarkeit.

Doch ganz unschuldig sind die Kirchen und insbesondere die römisch-katholische an all dem nicht. Ist deren ganzes Bemühen darauf gerichtet, die Liebesbotschaft Jesu, also einfühlsames Verständnis und unbedingte Friedfertigkeit, zu praktizieren? Überwiegt für den Betrachter nicht oft der Eindruck von Unduldsamkeit? Werden nicht fragwürdige Vorschriften ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Menschen durchgesetzt, was immer auch Anwendung von „Gewalt“ bedeutet?

Das sollte bedacht werden, bevor man sich – wenn auch zu Recht – total missverstanden und ungerecht behandelt fühlt.