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Lieber Mitbruder Franziskus!#


Von

Kaplan Franz Sieder, Amstetten

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 83/2013


Ich spreche dich als Mitbruder an, weil sich die Priester zumindest in Österreich gegenseitig als Mitbrüder bezeichnen. Ich bin auch überzeugt, dass du diese hochtrabende Anrede „Heiliger Vater“ gar nicht willst.

Franziskus, ich möchte dir zuerst einmal gratulieren, dass du von den Kardinälen zum Oberhaupt der Katholischen Kirche gewählt worden bist.

Als Betriebsseelsorger und Friedensaktivist freue ich mich, dass man dich zum Papst gewählt hat, weil du eine klare und entschiedene Option für die Armen hast und weil es dir nicht nur darum geht, die Armen caritativ zu versorgen. Du hast immer auch Strukturen gefordert, die es möglich machen, dass die weltweite Armut reduziert und sogar beseitigt wird. In einer Rede als Kardinal hast du einmal folgendes gesagt: „Die Menschenrechte werden mit Armut verletzt. Nicht nur mit Terrorismus, Unterdrückung und Mord, sondern auch mit der Existenz extremer Armut.“ Du sagst damit, dass unsere neoliberalen Wirtschaftsstrukturen, die die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer machen, eine tiefe Verletzung der Menschenrechte sind und auch in völligem Widerspruch stehen zum Geist des Evangeliums. Einer deiner päpstlichen Vorgänger hat diese Strukturen „Strukturen der Sünde“ genannt.

Ich habe gehört, dass du in Buenos Aires immer wieder auch bewusst in die Siedlungen der Ar-men gegangen bist, um mit ihnen Kontakt aufzunehmen und dich von ihrer Not berühren zu lassen. Du hast eine starke Empathie für die Leiden der Menschen. Dass du den Namen Franziskus angenommen hast, das deutet für mich darauf hin, dass der heilige Franz von Assisi für dich ein großes Vorbild ist. Er ist für dich ein Vorbild in seiner radikalen Option für die Armen und in seinem eigenen persönlichen Lebensstil. Dass der einfache Lebensstil für dich wichtig ist, um glaubwürdig zu sein, das hast du als Kardinal schon dadurch gezeigt, dass du nicht in einem kirchlichen Palast, sondern in einer einfachen Wohnung gelebt hast. Ich wünsche dir, dass es dir auch als Papst gelingt, das Pompöse zu reduzieren und einen einfacheren Lebensstil zu finden. Wir könnten uns ja auch nicht vorstellen, dass Jesus heute mit jenem Prunk auftreten würde, wie es bisher von den Päpsten und oft auch von den Bischöfen gehandhabt wurde.

Der heilige Franz von Assisi hat auch in einer Vision einmal die Stimme Gottes gehört, die ihm gesagt hat „Baue meine Kirche neu“. Franz von Assisi hat dann tatsächlich versucht, eine Kirche, die mit den Reichen gepackelt hat und für viele Menschen unglaubwürdig geworden ist, zu erneuern. Er ist sogar zum Papst nach Rom gefahren und hat ihm die Wahrheit ungeschminkt ins Gesicht gesagt.

Du weißt selbst, dass unsere Kirche in vieler Hinsicht eine Baustelle ist, dass vieles zusammen gebrochen ist und dass sie renovierungsbedürftig ist. Du weißt wahrscheinlich selbst, wo es dringend notwendig wäre, das Haus Kirche zu renovieren – ich möchte dir aber trotzdem einige persönliche Wünsche sagen, wo ich glaube, dass du dringend ans Werk gehen solltest:

Als erstes meine ich die korrupte und oft sogar mafiose Situation der römischen Kurie. Sogar der sonst sehr diplomatische Kardinal Schönborn sagte, dass dort Handlungsbedarf ist und ein Reinigungsprozess eingeleitet werden muss. Nimm dir in dieser Situation Jesus zum Vorbild, der auch im heiligen Bezirk am Tempelplatz in Jerusalem die ganzen Geldwechsler und korrupten Typen mit einer Peitsche verjagt hat. Jesus wurde vom heiligen Zorn gepackt und er hat sie angeschrien: „Ihr habt das Haus meines Vaters zu einer Markthalle gemacht.“ Verjage auch du all diese Geldwechsler und Gauner aus dem Vatikan – es muss ja nicht unbedingt mit einer Peitsche sein.

Beim II. Vatikanischen Konzil war ein großartiger geistiger Aufbruch in der Kirche, aber an den verknöcherten, undemokratischen, vatikanischen Strukturen wurde nichts geändert. Bei den Renovierungsarbeiten der Kirche ist es dringend notwendig, die Strukturen der Kirche zu demokratisieren. Überall auf der Welt erleben wir den Abschied von diktatorischen Systemen und den Frühling von demokratischen Staatsformen – warum nicht auch in der Kirche? Neuer Wein gehört auch in neue Schläuche – das steht schon in der Bibel.

Ein Prozess, der heute – Gott sei Dank – in der Welt voranschreitet, ist der Befreiungsprozess der Frau. Schon in der Charta der Menschenrechte steht, dass die Menschen gleich sind an Rechten und Würde. Die Frau hat die gleichen Rechte und die gleiche Würde. Wenn dir die Gerechtigkeit auf der Welt ein Herzensanliegen ist, dann möchte ich dir sagen, dass es ohne Gleichheit keine Gerechtigkeit gibt. Es gibt auch keine theologischen Gründe, die die Frau vom Diakonat und vom Priestertum ausschließen. Ich will dich da nicht belehren, das weißt du selbst. Was den Zölibat der Priester anbelangt, möchte ich dir sagen, dass die Kirche nicht mehr verlangen soll als Jesus von seinen Aposteln verlangt hat. Wir wissen aus der Bibel, dass zumindest der erste Papst Petrus verheiratet war.

Ich habe gehört, dass du eher eine konservative Linie in der Sexualmoral vertrittst. Ich möchte auch nicht, dass die Sexualität zum bloßen Konsum wird und eine/r den / die andere/n als Objekt benutzt. In diesem Bereich liegt in unserer Gesellschaft sicher vieles schief. Wenn wir sagen, dass Sexualität immer im Geist wahrer und ehrlicher Liebe geschehen soll und eine/r den / die andere/n nie zum Objekt für egoistische Bedürfnisse machen darf, dann ist das ein hoher moralischer Anspruch. Die offizielle Kirche muss nicht den Menschen vorschreiben, welches Verhütungsmittel sie nehmen dürfen und welches nicht. Jeder Mensch hat da sein / ihr eigenes Gewissen und nach seinen / ihren Gewissen soll er / sie seine / ihre Entscheidungen treffen. Schon der Heilige Augustinus sagte: „Liebe und tu, was du willst.“

Wenn wir kapieren, was die Liebe ist, die Jesus uns vorgelebt hat, dann brauchen wir auch nicht die vielen Vorschriften und Gesetze von Rom. Ich wünsche mir überhaupt, dass du mithilfst, dass wir uns verabschieden von einer Gesetzeskirche und mehr zu einer Befreiungskirche wer-den, die ein wichtiges Instrument ist zur gesamtmenschlichen Befreiung der Menschen: Jesus ist es ja vorrangig um das Werden des Reiches Gottes in unserer Welt gegangen – das ist nicht anderes, als dass unsere Welt menschlicher, gerechter und friedlicher werden soll. Ich habe schon das Gespür, dass du durch deine Sensibilität für die Armen und für die Gerechtigkeit in Richtung Befreiungskirche unterwegs bist.

Ich habe gehört, dass du der Befreiungstheologie gegenüber Vorbehalte hast. Ich kann das schwer verstehen, wo du doch eine so klare Option für die Armen hast und du ein Lateinameri-kaner bist. In deinem Kontinent ist ja die Befreiungstheologie entstanden. Ich kann mir deine Vorbehalte nur so erklären, dass du Angst hast, als politisch links eingestuft zu werden. Sollte uns das aber nicht egal sein. Jesus würde heute auch ganz sicher als politisch links eingestuft. Wenn links heißt, auf der Seite der Armen zu stehen und wenn links heißt, sich einzusetzen für ein Mehr an Gerechtigkeit, dann kann eine sogenannte christliche Politik auch heute nur eine linke Politik sein.

Du kannst jetzt als Papst auch Heiligsprechungen vornehmen. Ich würde mir wünschen, dass du den Erzbischof Oscar Romero, den Erzbischof Helder Camara und deine ermordeten Jesuitenkollegen in El Salvador heilig sprichst. Sie waren alle Vertreter der Befreiungstheologie und sie sollen durch die Heiligsprechung für uns besondere Vorbilder des Glaubens sein.

Durch dein erstes Auftreten als Papst hat die Kirche schon ein wenig mehr ein menschliches Antlitz bekommen. Ich wünsche mir, dass durch deine Taten dir Kirche noch menschlicher und glaubwürdiger wird.

Gott segne dich!

Dein Franz Sieder

Kaplan Franz Sieder ist Betriebsseelsorger in Amstetten, war langjähriger Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Christinnen und Christen für die Friedensbewegung und Geistlicher Assistent von Pax Christi Österreich. Er gehört schon viele Jahre dem Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialdemokratie (ACUS) an, ist Diözesanseelsorger der Katholischen ArbeitnehmerInnenbewegung (KAB) und arbeitet u. a. auch bei Amnesty International mit.

Der Text ist entnommen der Website "ChristInnen für die Friedensbewegung" http://www.friedenschristinnen.at.tf