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Der Kult der Musica und der Zeitenwandel – eine Sommergeschichte#

Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 126/2014


Weit im Osten unserer Erde lag das Land Liturien. Seine Einwohner pflegten seit Jahrhunderten den Kult der großen Göttin Musica. Deren Prophet war in weit zurückliegender Vergangenheit der begnadete Liedermacher Lyrus. Es gab zwar keine einzige Partitur von ihm, aber Andere hatten es später unternommen, seine wunderbaren Melodien in Noten zu fassen. Diese bildeten das Material für eine groß angelegte Pflege des Musikkultus. An jedem Sonntag wurde auf den Plätzen der Städte und Dörfer Aufführungen von Stücken aus dem gewaltigen Werk veranstaltet.

Daneben gab es immer wieder öffentliche Konzerte, welche von dazu befugten Dirigenten geleitet wurden. Diese waren zuvor alle in staatlichen Musikakademien ausgebildet worden. Sie hatten darauf zu achten, dass stets nur die Stücke aus dem offiziellen Repertoire aufgeführt wurden. Niemand anderem war erlaubt, einen Dirigentenstab zur Hand zu nehmen, denn es sollte im ganzen Land ein ebenso harmonischer wie einheitlicher Gleichklang herrschen. Und gar Hauskonzerte, bei denen nicht ein Staatsmusikkapellmeister mitwirkte, waren strikt verboten und führten zum Ausschluss von der gemeinsamen Kunstpflege!

Doch es begab sich im Lauf der Zeit, dass die Menschen in diesem Land nicht mehr das rechte Gefallen an der Staatsmusik finden wollten. Manche meinten, dass die alten Partituren eigentlich das gar nicht richtig wiedergeben würden, was der große Lyrus geschaffen hätte. Habe er selbst doch nie an einem Dirigentenpult gestanden, sondern immer nur den Leuten vorgesungen, die begeistert in seine Melodien einstimmten! Wer wisse denn, ob er nicht überhaupt ganz andere Tonarten verwendet hätte?

Ein weiteres Problem entstand dadurch, dass Musik aus fremden Regionen ins Land drang und Interesse auslöste. In den Musikschulen traten verschiedene Lehrmeinungen auf, die in Streit gerieten. Die Folge waren Konzerte, die von getrennten und offiziell verworfenen Schulen abseits des amtlich gültigen Werkverzeichnisses aufgeführt wurden. Dies alles beunruhigte den König des Landes, der auch kultisches Oberhaupt war, sehr. Hatte nicht er für die rechte Pflege der göttlichen Darbietungen zu sorgen und als „oberster Dirigent von Amts wegen“ allen Musikern bis ins Kleinste vorzuschreiben, wie sie ihre Instrumente zu spielen hätten?

Es erschien ihm also unbegreiflich, was da alles passierte, denn er war davon überzeugt, dass nur er, der Stellvertreter des Lyrus, dazu beauftragt und berechtigt sei, dessen Werk zu interpretieren und zu bestimmen, wie es aufzuführen sei. Als er sah, dass ihm da und dort der Gehorsam verweigert wurde, wollte er eine große Neumusikalisierung in Gang setzen. Diese sollte die Menschen endlich davon überzeugen, dass es nur eine rechte Art der Wiedergabe des Kunstgenusses gäbe, nämlich die überlieferte und bisher gepflogene. Doch ehe er mit seinen Bemühungen zum Ende gekommen war, musste er sie einstellen, da er – alt und kraftlos geworden – damit nicht mehr zu Rande kam.

Ein neuer König kam an die Macht, der besorgt feststellen musste, dass nicht alle im staatlichen Musikapparat wirklich musisch begabt waren. Längst hatten die Repetitoren die Macht ergriffen, ebenso die Instrumentenbauer. Aber nirgendwo gab es wirklich inspirierte Interpreten, so wie er es sich vorstellte. Seine eigene Leidenschaft war, sich ans Klavier zu setzen und zu improvisieren, wobei er immer versuchte, Lieder im Sinne des Lyrus erklingen zu lassen. Aber genau solche Akte der Kreativität waren ja nach der Staatsverfassung verpönt!

Ratlosigkeit befiel daher den neuen König. Er sah sich einem dominierenden und eher unmusikalischen offiziellen Musikbetrieb gegenüber. Er wusste, dass im Land viele wie er von der Leidenschaft zur Kunst erfasst waren, aber sich immer weniger um das Musikregime kümmerten, das sie nicht für kunstfördernd sondern für künstlich errichtet hielten. Das Problem brach schließlich beunruhigend auf, als ein Fall von Hausmusik ohne offiziellen Kapellmeister ruchbar wurde, deren Akteure man dann auch prompt bestraft hatte.

Dies ließ den König, der davon erfahren hatte, nicht zu jener Ruhe kommen, zu der er sich am Abend begeben wollte. Da erschien ihm im Schlaf Lyrus – also jener, dessen Inspiration hinter all dem stehen sollte, was im Lande Liturien geschah. Der König erschrak, doch der Gast seines Traumbewusstseins erwies sich als unendlich gütig. Er sagte: „Du weißt, lieber Freund, dass ich bei meinem Kompositionswerk ganz dem folgte, was mir die Göttin Musica eingab. So stimmte ich es an und es ist allseits bekannt, wie es den Menschen zu Herzen ging. Obwohl ich ihnen keine Notenblätter gab!“

Das verwirrte den König, obwohl ihm natürlich bewusst war, dass es beim ganzen Musikbetrieb um Inspiration ging. So antwortete er: „Herr, aber man kann doch das nicht ohne Noten und ausgebildete Musiker pflegen, was Du uns hinterlassen hast!“ Freundlich antwortete darauf Lyrus: „Das stimmt schon. Aber die große Göttin Musica will nicht, dass erstarrt, was ich in ihrem Auftrag weitergab. Sie weiß, dass es Partituren und Musikakademien geben muss, soll nicht alles verloren gehen. Aber das Bewahren ist nur das Eine, das Andere ist das lebendig Erhalten jener Inspiration, die Allen ins Herz gelegt ist – mit Mut und viel kreativer Phantasie! Und nicht nur das Blasen der alten Märsche! Fällt Euch allen denn nicht auf, dass immer weniger zu den sonntägigen Staatskonzerten gehen?“

Eher beunruhigt wachte der König am Morgen auf. Er blickte aus dem Fester des Schlafzimmers und sah dort die Gardekapelle, die gerade zur Reveille angetreten war. Stramm erhob der Leiter seinen Taktstock und rundherum stand eine Gruppe von Leuten, die begeistert applaudierten. Aber noch mehr Menschen gingen vorbei und beachteten die Darbietung nicht. Deutlich konnte der König sehen, dass sie diese neuartigen Dinger im Ohr hatten, mit denen sie aus dem Internet allerlei Melodien abrufen konnten.

„Was soll ich da nur machen“, dachte er, als er weiter zu seinem Arbeitszimmer ging. Der Gedanke an die Strafe für jene Leute, die verbotene Hausmusik gemacht hatten, ließ ihn nicht los. Wieder schaut er aus dem Fenster, nun in den blühenden Park um sein Haus abseits des alten Königspalastes. Da sah er Kinder, die einen Reigen tanzten und dabei irgendetwas sangen, das er nicht kannte, aber lieblich klang. Und in deren Mitte erblickte er wie eine flüchtige Erscheinung wieder den Propheten der Musica. Dieser schien ihm sein Antlitz zuzuwenden, als wollte er ihm etwas sagen. Aber er konnte es nicht verstehen.

So dachte er an die Schriften, die über das Leben des Lyrus berichteten. Und wie durch eine Eingebung fiel ihm jene Stelle ein, die erzählt, wie die ersten Anhänger des Begnadeten dessen Melodien spielten und damit bei den damals Herrschenden Anstoß erregten. Auch sie sollten streng bestraft werden. Doch dann sagt einer von den Autoritäten: „Lasst von ihnen ab, denn wenn ihr Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden, doch könnt ihr sie nicht vernichten, wenn es von der Musica kommt!“

Sehr nachdenklich ging er an sein Tagewerk. Die Kinder, die ihre Lieder unbefangen gesungen hatten, wollten ihm nicht aus dem Sinn. War es denn nicht eigentlich unmöglich, zu dekretieren, was Wohlklang und was Missklang ist? Warum sollten die neuen Interpretationen falscher sein als die alten? Und käme es nicht zuletzt darauf an, was die Menschen hören wollten und dabei fühlten, sozusagen auf den sensus musicalis des Volkers?

Auf dem Gang warteten die Beamten des Hofstaates mit ihren Akten. Schon vorher hatten sie untereinander diskutiert, einige hatten rote Köpfe, denn man war sich nicht einig. Außer freilich in der Überzeugung, dass man jedenfalls im Besitz des rechten Kunstverständnisses war, und daher wie eh und je unentbehrlich als Hüter der Ordnung und Wahrheit.

Man verbeugte sich nun vor dem eintreffenden König und küsste dessen goldenen Dirigentenstab, das Zeichen seiner obersten Macht. Doch wer genau hinsah, konnte bemerken, dass einige von ihnen bei dieser Ergebenheitsbekundung hinter ihrem Rücken zwei Finger kreuzten.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.