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„Pfarre Neu“ in Wien - Pfingsterlebnis oder Turmbau?#

Ein Plädoyer für die Bildung von Pfarrverbänden#

Von

Theodor Gams

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 154/2015


Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist die Tatsache, dass die Erzdiözese Wien innerhalb von zehn Jahren die Struktur von 80 Prozent ihrer insgesamt 656 Pfarren umgestellt haben will, in deren Rahmen viele Pfarren ihre Selbstständigkeit verlieren und zu Groß-Pfarren zusammengeschlossen werden sollen[1]. So steht beispielsweise der Zusammenschluss von fünf Pfarren im 15. Wiener Bezirk zu einer Groß-Pfarre mit dem Namen „Hildegard Burian“ mit etwa 14.000 Katholiken schon für das Jahr 2017 bevor.

Gegen die geplanten Zusammenlegungen bestehen in den durch den damit verbundenen Verlust der (seelsorglichen) Selbstständigkeit zum Teil erhebliche Bedenken. Es regt sich Widerstand, da die Auflösung einer Pfarre einen kirchenrechtlichen Vorgang darstellt, welchem aber die Gemeinden bzw. sogar einzelne Mitglieder (allerdings innerhalb einer äußerst kurzen Frist) widersprechen können, wenn neben den Regelungen des einschlägigen Canons 515 Nr. 2 des CIC (1983) auch andere Canones berücksichtigt werden, wie Köck[2] dies in einem Vortrag erläuterte.

Biblische Texte zur Größe von Glaubensgemeinschaften#

Pfingsten gilt als das Fest der Kirchenwerdung. Die 1. Lesung vom Vorabend von Pfingsten spricht vom Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9). Der Wunsch nach Größe führte Babel in die Verwirrung; die Menschen verstanden einander nicht mehr, wurden in alle Welt zerstreut. Dieser Text entspricht den Erfahrungen unserer Gesellschaft - wohl auch unserer Kirche: Immer größer werdende Institutionen und Organisationen und die Globalisierung zeigen gefährliche Entwicklungen auf: Entpersonalisierung, Machtmissbrauch, Manipulation der öffentlichen Meinung, Politikverdrossenheit u.v.a.m.

Die 2. Lesung vom Pfingsttag spricht vom Herabkommen von Feuerzungen auf die Apostel (Apg 2,1-11), welches diese befähigt, sich den Menschen verschiedener Herkunft verständlich zu machen. Die kleine junge Gemeinde (Apg 2,43-47) wirkt in ihrer Glaubwürdigkeit über Sprach- und Kulturgrenzen hinaus begeisternd, „zündend“. Auch dieser Text entspricht den Erfahrungen in unserer Kirche, denn heute erfolgt die Weitergabe des Glaubens vor allem durch persönliches, gelebtes Zeugnis, in kleinen Gemeinden, begünstigt durch geschwisterliche, ganzheitliche, geistliche und zugleich menschliche Kommunikation, wie dies u. a. Vorbilder von Basisgemeinden zeigen.[3]

Kommunikation und Glaubensweitergabe#

Biblisch gut begründet sind in apostolischer und frühchristlicher Zeit überschaubare kommunikationsintensive Gemeinden. Die Strukturen dieser früheren Gemeinden richteten sich nach Modellen, welche die Christen aus ihrer jeweiligen Gesellschaft kannten, also in Jerusalem andere als in der griechischen Welt. So entsteht eine Vielfalt von Gemeinden unterschiedlicher Größe und Prägung, was zum Entstehen einer weiteren Kommunikationsebene führt: derjenigen zwischen den Gemeinden um des Austausches und der Einheit willen. Diese Ebene wird ab der „konstantinischen Wende“ bis ins 20. Jahrhundert hinein durch zentralistische und hierarchische Entwicklungen bestimmend: die Volkskirche soll Glauben durch Volksfrömmigkeit und Lehre vermitteln.

Heute ist die Situation der Christen ebenso wenig volkskirchlich geprägt wie sie es zur Zeit der frühchristlichen Gemeinden war, nur leider mangelt es in vielen Diözesen an ausreichender Einsicht, dass für die Glaubensweitergabe das Gelingen, Misslingen oder Nichtgelingen von Kommunikation in überschaubaren Gemeinschaften und die Mitbestimmung entscheidende Faktoren sind. Ein mit der Koordination innerhalb eines Pfarrverbandes von selbstständigen Pfarren Beauftragter kann das Gelingen zwischengemeindlicher Kommunikation, die heute angesichts der kirchlichen Situation durchaus wünschenswert ist, fördern, wenn er nur die dazu erforderlichen Management-Qualitäten besitzt.

Für eine innergemeindliche Kommunikation, und damit für die Primäraufgabe der Pfarre, nämlich die der Glaubensweitergabe kann ein Groß-Pfarrer aber aufgrund der Größe einer „Pfarre Neu“ kaum beitragen. Jede Gemeinde steht ja ganz im Dienst der Weitergabe des Glaubens[4], der ohne das Gespräch stirbt. Für dieses Gespräch bedarf es in überschaubaren Gemeinden Personen mit entsprechendem Kommunikations-Charisma, die möglichst auch für die Leitung der Eucharistie, notwendigerweise aber nicht mit Gemeindeleitungs-Charisma ausgestattet sein sollten.

„Pfarre Neu“ - Entmachtung statt Ermächtigung von Pfarren#

Die Süddeutsche Zeitung vom 5. Mai berichtet für das Jahr 2014 von einem neuen Rekord bei Kirchenaustritten im München. Selbst die breite Zustimmung für den seit 2013 amtierenden Papst Franziskus konnte nichts daran ändern. Die Austrittszahlen übersteigen sogar diejenigen des Jahres 2010, als der so genannte „Missbrauchsskandal“ öffentlich wurde. Nach der Meinung von Münchener Seelsorgern ist die dort von Bischof Reinhard Kardinal Marx seit 2008 harsch betriebene Zusammenlegung von Pfarren zu Pfarrverbänden eine wesentliche Ursache für den negativen Rekord, der mich an den Turmbau zu Babel erinnert.

Ein anderes Modell als das der Zusammenlegung ist das schon vor mehr als 12 Jahren in der Diözese Linz entwickelte Gemeindeleitungsmodell. Es ermöglicht dort den effektiven Fortbestand selbstständiger Pfarren ohne eigenen Pfarrer, aber unter Mitwirkung eines Priesters, der nicht zugleich Pfarrer ist. Darüber berichtete das Seelsorgeteam der Pfarre St. Margarethen in Linz, Zaubertal (http://www.zaubertal.net/pfarre) bei einer Tagung der Pfarrerinitiative in Wien am 16. und 17.01.2015. Dieses Modell unter Beteiligung Ehrenamtlicher, die in Seelsorgeteams arbeiten und für diese Aufgaben von der Diözese geschult werden, führt zu deren aktiver Mitwirkung und Mitbestimmung in der Seelsorge und qualifiziert Kirchenbürger („Laien“) im Sinne einer „Ermächtigung“ für Leitungsaufgaben.

Mittlerweile übernehmen in 51 von 487 Pfarren der Diözese Linz - in ihnen leben jeweils 850 bis 2800 Katholiken - solche Teams Leitungs- und Seelsorgeaufgaben. Dieses Modell scheint mir

dem Pfingsterlebnis der Jünger näher zu stehen als die Zusammenlegung von Pfarren; obwohl das Modell kirchenrechtlich approbierter Leitungsteams seit Jahren auch in einigen Pfarren der Erzdiözese Wien erfolgreich etabliert ist, wurde es aber zuletzt stark beschränkt, statt es zu fördern: Entmachtung statt Ermächtigung!

Dass der auch durch den Pflichtzölibat mitverursachte Priestermangel Bischöfe zwingt, Maßnahmen zu setzen, ist verständlich. Die freie Zusammenarbeit benachbarter, auch seelsorglich selbstständiger Pfarren in organisatorischen, finanziellen u. a. Bereichen kann zwar sinnvoll sein und das gegenseitige Verstehen, Kennenlernen und ein „Über den eigenen Tellerrand hinaus blicken“ fördern. Dies erfordert aber keineswegs die Auflösung rechtlich selbstständiger Pfarren, die von der Erzdiözese Wien seit Jahren betrieben wird und eine konsequente Entmachtung von Pfarren darstellt, indem anstelle von Pfarrern häufig nur mehr Pfarrmoderatoren bzw. Pfarradministratoren bestellt wurden. Das Modell „Pfarre Neu“ entmachtet Pfarren, entspringt einem zentralistischen Denken zur Erhaltung überkommener Strukturen, behindert die Mitbestimmung und fördert so die innere und äußere Emigration, statt neue Strukturen auf der Basis schon vorhandener und neu zu weckender Charismen zu fördern, wie es ein anderes Modell zeigt.

Subsidiarität statt einer weiteren hierarchischen Ebene#

Das Gemeindeleitungsmodell mit Beteiligung Ehrenamtlicher erfüllt die Maxime des Subsidiaritätsprinzips, wonach Aufgaben, Handlungen und Problemlösungen so weit wie möglich selbstbestimmt und eigenverantwortlich von der untersten Ebene einer Organisationsform übernommen werden sollen. Nur sukzessiv sollen höhere Ebenen einer Organisationsform die Aufgaben und Handlungen subsidiär, d. h. unterstützend, übernehmen.

In der katholischen Kirche wurde das Subsidiaritätsdenken zwar bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt; manifestiert wurde es allerdings erst 1931 in der Sozialenzyklika Quadragesimo anno unter Papst Pius XI. Darin erscheint erstmals die klassische Formulierung:

„Wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen; jedwede Gesellschaftstätigkeit ist ja ... subsidiär; sie soll die Glieder des Sozialkörpers unterstützen, darf sie aber niemals zerschlagen oder aufsaugen.“

Dass das in der katholischen Soziallehre gewichtige Subsidiaritätsprinzip auch für die Kirche selbst Geltung haben müsste, anerkannte schon Pius XII. Er nannte die Subsidiaritätsdefinition „wahrhaft lichtvolle Worte!“, die für alle Stufen des gesellschaftlichen Lebens gelten, und folgert: „sie gelten auch für das Leben der Kirche unbeschadet ihrer hierarchischen Struktur“. Nach Oswald von Nell-Breuning gilt, dass "das Subsidiaritätsprinzip sich nicht nur mit der hierarchischen Struktur der Kirche verträgt, sondern zu dieser Struktur gehört".

Das angestrebte Modell der „Pfarre Neu“ schafft eine neue, zusätzliche hierarchische Ebene, ein weiteres Stockwerk im „hierarchischen Turm“, und widerspricht dem Subsidiaritätsprinzip. Die Entwicklung der Fähigkeiten von Kirchenbürgern durch Übernahme von Verantwortung wird behindert und zieht die Gefahr einer zunehmenden Distanzierung der Gläubigen von einer stets stärker hierarchisch geprägten Kirche nach sich. Eine solche Distanzierung der Bürger von Staat, Parteien und Politik ist im staatlichen Bereich seit Jahrzehnten zu beobachten.

Ein Plädoyer für die Bildung von „Pfarrverbänden“ rechtlich selbstständiger Pfarren und gegen das Modell der „Pfarre Neu“#

Wer als Seelsorger in verschiedenen Pfarren tätig ist, weiß, dass sich mitunter Nachbar-Pfarren von ihren jeweiligen Profilen sehr deutlich unterscheiden. Dies bestätigen auch Ergebnisse von Sinus Studien. Um die Zusammenarbeit zwischen Nachbar-Pfarren zu stärken und mögliche Synergien zu nutzen, kann die Bildung von „Pfarrverbänden“ durchaus sinnvoll sein. Im Gegensatz dazu bleibt die Einführung des Modells „Pfarre Neu“ aber fragwürdig: Welche guten Gründe rechtfertigen den Widerspruch zum „katholischen“ Subsidiaritätsprinzip? Wie hoch ist der Preis für die irreversible Aufgabe der Selbstständigkeit einer Pfarre, solange die Seelsorge durch Leitungsteams gewährleistet ist?

Dipl. Ing. Theodor Gams, Gießhübl bei Wien, ist Unternehmer im Bereich Biotechnologie, seit 1983 Diakon der Erzdiözese München-Freising und als solcher im Ruhestand.


Fußnoten#

[1] Zulehner, Paul: In: Wien, Kirche In 05/2015, 18

[2]Köck, Heribert: Die Pfarre und ihre Erhaltung als eigenständige Einrichtung, Vortrag in Wien 16.01.2015

[3]Wiederkehr, Dietrich: In: Leo Karrer (Hrsg.): Handbuch der praktischen Gemeindearbeit. Freiburg i.Br. Herder 1990, 34-38.

[4] Köster, Fritz: Kirche im Koma. Verlag Josef Knecht. Frankfurt: 1989.