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Überlegungen zum „Aufruf“ der Pfarrerinitiative#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 6/2011


Als Jurist, der im öffentlichen Leben verantwortliche politische Funktionen ausgeübt hat, sehe ich im Konflikt zwischen der Pfarrerinitiative und dem Wiener Erzbischof Schönborn eine Brisanz und eine Tragweite, die offenbar noch nicht überall erkannt werden. Geachtete und beliebte Seelsorger haben sich zu einem bisher einmaligen Schritt entschlossen, der die Auseinandersetzung zwischen den Kräften kirchlicher Erneuerung und dem vatikanischen System an einen entscheidenden Punkt geführt hat.

Kardinal Schönborn beruft sich auf das Prinzip des Gehorsams, gegenüber dem alle anderen Erwägungen zurücktreten müssten. Würde er das nicht durchsetzen, wäre die päpstliche Autorität erschüttert. Auch auf der anderen Seite ist ein Zurückweichen nicht möglich, wollten Helmut Schüller und seine Freunde nicht ihr Gewissen verraten. Ein Kompromiss ist in diesem Präzedenzfall, der mittlerweile weltweite Aufmerksamkeit gefunden hat, wohl ausgeschlossen. Die Niederlage für eine der beiden Konfliktparteien erscheint unausweichlich.

Sie wird ganz sicher Ausgangspunkt weiterer dramatischer Entwicklungen sein. Staats- und naturrechtlich ist unbedingter Gehorsam nur gegenüber Autoritäten zu leisten, die über eine anzuerkennende Legitimation für ihre Machtausübung verfügen. Sie können diese nach heutigem Verständnis nur durch den Souverän Volk und seine Vertreter oder natürliche Gegebenheiten der Obsorgepflicht erhalten haben, wie dies etwa bei Eltern gegenüber ihren Kindern der Fall ist.

In der vordemokratischen Geschichte haben die Herrscher ihre Macht göttlich legitimiert. Auch in der Neuzeit wurde dies auf modifizierte Weise fortgesetzt. Autoritäre Systeme beriefen sich auf historische Notwendigkeit (bei Stalin der Klassenkampf des Marxismus), auf höhere Mächte (Hitlers „Vorsehung“) oder das Interesse der Nation. Eine solche Legitimierung des Wahns führt zwangsläufig zur Willkür. Sie erfolgt immer, um sich der Verantwortung gegenüber den Menschen und deren natürlichen Rechten zu entziehen. Das Prinzip des Dienstes geht verloren.

Doch diesen Weg beschreitet die Kirchenleitung noch immer, indem sie sich auf ihre Einsetzung durch Jesus und eine Stellvertreterrolle Gottes beruft. Dazu ist sie aber nicht berechtigt. Jesus hat keinen Auftrag zur Errichtung von Ämter- und Machtstrukturen erteilt, sondern vor diesen ausdrücklich gewarnt. Im Wissen um den Missbrauch einer angeblich göttlichen Berufung verbietet er, dass Menschen eine Autorität in Anspruch nehmen, die allein seinem heiligen Vater im Himmel vorbehalten sei.

Der aufgebrochene Konflikt hat demnach eine tiefe theologische und menschenrechtliche Dimension. Setzt das klerikale System Vorschriften durch, die sich nicht auf den Willen Jesu berufen können, ist es eindeutig nicht (mehr) christlich. Es verliert dann endgültig seine eigentliche Legitimation der Nachfolge Jesu und degradiert sich selbst zu brüchigem Menschenwerk.

Ein Beharren auf einem bloß formalen Gehorsam – noch dazu unter Berufung auf das von Jesus verworfene Schwören – bedeutet die Missachtung aller Erfordernisse einer tragfähigen Gemeinschaftsbildung und der Prinzipien kluger Menschenführung, wie sie auch in Jesu Lehre deutlich zu Tage treten. Das vatikanische System, in dessen Auftrag Schönborn zu agieren gezwungen ist, würde mit Konsequenzen gegenüber der Pfarrerinitiative seinen Machtanspruch endgültig als einen bloß angemaßten erkennen lassen.

Ein solcher ist unerträglich. Ihm ist nicht Gefolgschaft sondern Widerstand zu leisten. Es mag sein, dass Schönborn dies mit seiner Intelligenz zu erkennen vermag. Er befindet sich in einer ausweglosen Situation, der versuchte Zeitgewinn befreit ihn davon nicht. Die Stunde der Wahrheit kommt unausweichlich. Es ist jene Wahrheit, die bekanntlich frei macht.

Die Entwicklung zur Befreiung von einem Kirchenregime, das in die Irre gegangen ist, erscheint unaufhaltbar. Die Pfarrerinitiative weiß, dass sie in einer Auseinandersetzung, die nun einen Höhepunkt, aber noch keineswegs ihr Ende erreicht, auf der Seite Jesu steht. Ebenso der weitaus überwiegenden Zahl jener, denen heute Glaube und Kirche noch am Herzen liegen. Sie kann daher dem Kommenden getrost entgegensehen