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Auf dem Heimweg von einer Seelenmesse#

Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 132/2014


Ein freundlicher Oktoberabend in Wien. In der Pfarre des Stadtteils Hietzing findet die Seelenmesse für eine verstorbene Dame der Gesellschaft statt. Die Kirche ist voll von sorgfältig und dem Anlass entsprechend gekleideten Menschen, erbauliche Musik wird geboten und die zahlreichen Enkel sprechen berührende Fürbitten. Der Priester hält eine schöne Predigt zum Leben der Verstorbenen – sie war wie die Meisten der Trauergäste eine treue Katholikin. Nach dem Schlusssegen wird ein Marienlied gesungen. Aber mir ist es aufgefallen: in der Liturgie nennt der Zelebrant beim Gebet für die ganze Kirche an der Spitze nicht den Papst, sondern den Bischof von Rom.

Ein scheinbar unwichtiges, aber doch bemerkenswertes Ereignis! Franziskus wird mit geänderter Beschreibung seines Amtes in das fromme Bewusstsein der Gemeinde gerufen, die aber sonst ganz und gar traditionell feiert. Wird hier überhaupt bedacht, was sich alles in der Kirche „draußen“ tut? Tagt doch zur selben Zeit die Bischofssynode. Deren Teilnehmer wurden von Franziskus aufgefordert, frei und unbefangen ihre Meinung zu äußern. Was im Vorfeld passierte, war schon sensationell: Weltweit wurden die Gläubigen gefragt, wie sie zur kirchlichen Familien-, Ehe- und Sexualmoral stehen.

Die Beratungen der Versammlung in Rom sind von anscheinend unüberwindbaren Gegensätzen gekennzeichnet, Kardinäle und Bischöfe widersprechen einander heftig. Ein bisher geradezu undenkbares Geschehen! In der Kirchengeschichte ist ein Bruch eingetreten. Er wird an diesem Abend mit nur einem Wort der Liturgie sichtbar und ist von einem Mann in Gang gesetzt, der sich in der Nachfolge Jesu demütig und bescheiden verhalten will. Er wünscht, Vorschläge und neue Gedanken zu hören, er ermuntert zum Überprüfen der Positionen. Die Bischöfe sollen sich ihrer eigentlichen Aufgabe bewusst werden, Hirten im wohlverstandenen Sinn zu sein, also vor allem offen und aufmerksam wahrnehmen, was das Kirchenvolk empfindet und tut.

Damit wird nicht weniger als ein den Katholizismus bisher prägendes Prinzip außer Kraft gesetzt! Lehre und Kirchenrecht bezeichnen den Papst, das Oberhaupt der Kirche, als mit alleiniger und unbegrenzter Macht ausgestattet. Ihm ist bedingungsloser Gehorsam zu leisten, auch der des Verstandes. Schon abweichende Meinung führt zu Konsequenzen, wie sie bisher streng gehandhabt wurden. Doch dieser neue Papst will eine derart festgeschriebene und „unfehlbare“ Funktion eines Nachfolgers des Petrus und Stellvertreters Christi nicht so ausüben.

Beim Heimgehen will mir die erlebte Messe mit der neuen Beschreibung des Papstes nicht aus dem Sinn gehen. Überhaupt denke ich wieder einmal nach, wie man die Kirche verstehen soll und was Glaube heute überhaupt bedeutet. Da muss man immer sehr ins Grundsätzliche gehen. Wir können Gott nicht erkennen. Religion beabsichtigt, uns eine Vorstellung von ihm zu vermitteln. Aber wir selbst müssen uns darum bemühen, durch Betrachten der Schöpfung (der „Natur“) und durch Hinhören auf seine in vielfältiger Form geschehende Offenbarung.

Gottesbilder werden uns von Glaube und Kirche gezeigt, die unser Ahnen und Streben fördern sollen. Uns wird vor Augen geführt, was dem Menschengeschlecht verheißen ist und welche Hoffnung wir trotz unserer Unzulänglichkeiten haben dürfen. Aus der Liebe zu Gott sollen wir recht handeln! Doch schon bald nach Paulus hat die Kirche gemeint, der Freiheit, zu der uns Christus berufen hat, mit ihren Moral- und Rechtsnormen Vorgaben auferlegen zu müssen. Und so erhielten wir – was mich da besonders beschäftigt – genaue und detaillierte Übersetzungen des (von der Kirche interpretierten) göttlichen Willens durch sehr viele Gebote und Regeln. Diese sollen uns nicht nur vor allem Sündhaften, sondern auch vor der Furcht bewahren, dass wir fehl- und verlorengehen.

Doch kann von Menschen erstelltes Gesetz das tatsächlich zustande bringen? Es entspricht, wie uns gesagt wird, dem göttlichen. Aber wie sehr stimmt das? Wenn wir bedenken. was uns Jesus lehrt, sind da begründete Zweifel angebracht. Stellt er doch den Glauben über jede religiöse Vorschrift, und Paulus, der erste christliche Theologe, folgt ihm da ganz. Ja, es wird uns sogar gesagt, dass das Gesetz unfrei mache und den Menschen nur Lasten auferlege. Das bezog sich zwar auf die zahlreichen und peinlich genau einzuhaltenden jüdischen Vorschriften, hat aber wohl ganz allgemein seine Bedeutung. Offenbar sollen wir unsere Beziehung zu jenem göttlichen Vater, den uns Jesus zeigt, auf Liebe und Vertrauen bauen. Also nicht auf Vorschriften und Regeln, auch nicht auf viele Worte – alles nachzulesen im Evangelium!

Erklärt dieser Gegensatz zwischen einem unmittelbaren und einem Regelglauben nicht das, was unserer Kirche heute so sehr zu schaffen macht? Und kommt nicht genau das wieder ganz deutlich bei der Bischofssynode zum Ausdruck? Da warnen ja die Einen ganz eindringlich davor, das Gebot aus dem Auge zu verlieren, während die Anderen zu Barmherzigkeit und Menschlichkeit aufrufen. Wird da nicht wieder jene tief sitzende Ängstlichkeit derer spürbar, die sich früher – aber nicht mehr jetzt! – „papsttreu“ nannten, weil sie sich einen Glauben ohne das Kommando eines Stellvertreters Christi nicht vorstellen können? Sie sind von der Befürchtung bedrängt, schon die Relativierung der strengen Vorschriften könnte die ganze Kirche ins Wanken bringen und die Menschen in sündhafte Willkür entlassen.

Jener Bischof von Rom, wie ihn der Priester bei der Seelenmesse nannte, der die Synode einberief und die freie Aussprache wollte, hielt vor seinem Gang in die Aula der Beratung eine Frühmesse. Er konzentrierte sich dabei auf die Bedeutung des Gesetzes und sagt dabei Worte von ganz großer Bedeutung. Er tat das offensichtlich ganz bewusst. Zunächst: Wer ein Jünger Jesu sei, dürfe sich nicht an die immer gleichen Vorstellungen klammern.

Weiters: Jesus habe vielen seiner Mitmenschen nicht gefallen, weil er das Gesetz in Gefahr brachte, das die Theologen über Jahrhunderte hinweg erstellt hätten. Sie hätten das zwar gemacht, um Gott treu zu sein, aber „vergessen, dass Gott nicht nur der Gott des Gesetzes ist“. Jene, die Jesu nicht verstanden, hätten auch nicht verstanden, dass Gott der Gott der Überraschungen sei. Wenn man auf dem Weg sei, finde man immer neue Dinge – offenbare sich doch die Stimme des Herrn in den Zeichen der Zeit! „Bitten wir den Herrn um ein Herz, das das Gesetz liebt, weil das Gesetz von Gott kommt; aber das auch die Überraschungen Gottes liebt und weiß, dass dieses heilige Gesetz kein Selbstzweck ist.“

Franziskus spricht damit für den Glauben ganz Wesentliches aus. Wird er von allen verstanden? Bisher scheint das nicht der Fall zu sein. Doch hinter dieser Auseinandersetzung steht ein noch viel gewichtigeres Problem. Ist eine Kirche, die Gehorsam gegenüber ihren Geboten einmahnt, heute noch plausibel für eine Menschheit, die – wie uns gesagt wird – auf dem Weg ist und stets Neues sucht und auch findet? Ist nicht letztlich alles, was im Katechismus und im Kirchenrecht steht, Konstruktion längst vergangener Zeiten? Frommes und in bester Absicht geschaffenes Gebilde, aber doch das, was Bergoglio „immer gleiche Vorstellungen“ nennt?

Wieder denke ich an die Messe zurück. Die Marienverehrung am Schluss galt der Jungfrau und Himmelskönigin. Aber die Mutter Jesu war eine einfache und normale Frau. Damals wohl schon Witwe ging sie mit Jesu Brüdern dorthin, wo er lehrte, weil sie das Tun ihres erstgeborenen Sohnes besorgt machte. Jenes Jesus, der ganz eindringlich vor dem Herrschen und daher auch vor Herrschern warnte, also dem wohl fern lag, seiner Mutter eine Krone als Zeichen der Macht aufzusetzen. Und der uns nie Fürsprecher oder heilige Retter an jenes Herz legte, das sich ganz vertrauensvoll Gott allein öffnen soll.

Die Jungfrau, mit der ein Gott einen ganz besonderen Menschen zeugt, ist ein gängiges Muster antiker Mythologie. Dass wir heute noch daran glauben sollen, können wir nur so deuten: Maria soll das Mütterliche und überhaupt das wunderbar Weibliche verkörpern, das beim überlieferten biblischen Gott fehlt, aber sehr wohl Wesensmerkmal alles Göttlichen ist! Ich praktiziere die katholische Marienverehrung nicht, aber respektiere sie, weil die Menschen damit der Liebe Gottes näher kommen können. Aber auf einem Umweg, den wir nicht bräuchten, würden wir Gott selbst ebenso als Mutter wie als unseren Vater betrachten.

Doch wie sehr sind Menschen von heute, vor allem die jungen, noch bereit, die von früheren Generationen geschaffenen Bilder der Frömmigkeit anzunehmen? Wenn sie zu Marienheiligtümern wandern, tun sie das nicht mehr, weil sie von der Gottesmutter Schutz erhoffen, sondern weil sie den spirituellen Wert einer Wallfahrt spüren. Auf dem beliebten Weg nach Santiago de Compostella ist nicht entscheidend, ob dort die Gebeine des Jakobus ruhen, was ja bloß Legende ist. Dass Religiosität und Spiritualität sich wandeln, ist eine unentrinnbare Realität. Damit tritt aber der viel beklagte „Glaubensverlust“ keineswegs ein! Auch in Zukunft werden sich Gemeinden und Gemeinschaften zusammenfinden, um einer Verstorbenen würdig zu gedenken und sie der Barmherzigkeit Gottes zu empfehlen. Aber es wird wahrscheinlich anders ablaufen, als die von mir erlebte und doch recht traditionelle Trauermesse.

Mein Gedanke schließlich am Heimweg: Papst Franziskus will die in der Kirche Verantwortlichen aufrütteln. Wir dürfen trotzdem von ihm nicht zu viel erwarten, deutliche Grenzen sind ihm und wurden ihm auch in seinem Amt gesetzt, als er nach dem unglücklichen Benedikt berufen wurde, um arge Missstände in der Kurie zu beseitigen. Aber mit dem, was er in der Frühmesse vor der Synode gesagt hat, wie überhaupt mit allem, was er tut, weist er den Menschen mit behutsamem Mut neue Wege des Glaubens. Sie sollen aus der Erstarrung religiöser Gebote führen. Es mag sein, dass er Viele damit überfordert, die Ängstlichen, die Uninspirierten und die „Gehorsamen“, denen die Kühnheit des Glaubens fremd ist. Aber er wird wohl einmal gemeinsam mit Johannes XXIII. genannt werden – nämlich als vom Geist geleitet, um die Kirche von der Furcht vor dem Wagnis des Weges in die Zukunft zu befreien. Und dieser Weg muss uns wieder zu Jesus zurückführen.