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Legt die Spaltungskeule endlich weg!#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 7/2011


Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück fürchtet in einem Interview mit dem „Standard“, ein selbständiges Handeln von Priestern ohne Abstimmung mit dem Bischof könne schismatische Folgen haben. Im schlimmsten Fall würde das zu einer „sektiererischen Gegenkirche“ führen. Mehr oder weniger gut gemeinte Vorhaltungen dieser Art begleiten die Bemühungen aller kirchlichen Reformkräfte ständig. Die Spaltungskeule wird besonders von der Hierarchie gern als Waffe gegen Veränderungswillige zur Hand genommen. Man kann dem nicht energisch genug entgegentreten!

Die Unterstellung, Reformbewegungen würden gegen die Kirche und deren Einheit vorgehen wollen, ist nicht nur unbegründet sondern oft auch übelwollend. Sie verstößt dann gegen das Gebot, nicht falsch gegen den Nächsten auszusagen. Veränderungswillige Katholiken – ob Laien oder Priester – sind der Überzeugung, dass ein Beibehalten längst überholter kirchlicher Regelungen der Glaubensgemeinschaft schweren Schaden zufügt. Sie wollen dem entgegenwirken.

Man betrachte doch die heutige Situation, die immer groteskere Formen annimmt! Das strikt autoritäre vatikanische Regime ist weder gewillt noch fähig, sich um die notwendige Übereinstimmung mit dem religiösen Empfinden der Menschen von heute zu bemühen. Man nimmt wohl überlegtes Mahnen einfach nicht zur Kenntnis und ist keinem Argument zugänglich – mag es noch so gute Begründungen geben. Wer in den heutigen demokratischen und rechtsstaatlichen Systemen sozialisiert ist, steht diesem sonst nur bei menschenverachtenden Diktaturen anzutreffenden Verhalten mit verzweifelter und zorniger Ratlosigkeit gegenüber.

Zahllose Menschen wenden sich daher von dieser verstockten „Amtskirche“ ab. Die Reformkräfte hingegen rufen dazu auf, nicht auszutreten, sondern in der Kirche zu bleiben und hier für eine Erneuerung aufzutreten! Sie tun das, weil sie ihre Glaubensgemeinschaft für unentbehrlich halten und lieben. Allein das widerlegt den Vorwurf der Spaltung. Verloren gegangene Identität soll ja wieder hergestellt werden! Nichts zu tun, würde das Akzeptieren längst überholter und unerträglich gewordener Vorschriften bedeuten. Das ist intelligenten und mit einem christlichen Gewissen ausgestalteten Menschen nicht mehr zumutbar.

Die heute noch lebendige Kirche ist längst eine ganz andere geworden als die der römischen Scheinwelt. Man kann dies nicht anders als eine tief greifende Spaltung bezeichnen, die dem Ansehen und der Kraft der Kirche schweren Schaden zufügt. Dass man darüber schweigt und Rom nur von „Glaubensverlusten“ oder „Relativismus“ redet, stellt einen gefährlichen Realitätsverlust derer dar, die an der Kirchenkrise ein gerüttelt Maß an Schuld zu verantworten haben.

Was die Pfarrerinitiative für richtig hält und offen zu tun beabsichtigt, ist schon vielfache Praxis und entspricht dem, was die Kirche selbst den sensus fidelium nennt. Die Bischöfe wissen das sehr wohl und dulden es mit einer an die Ermunterung grenzenden Toleranz. Das gilt auch für Kardinal Schönborn. Doch wenn wider die Unaufrichtigkeit offen geredet und das missratene Kind klerikaler Selbsttäuschung beim Namen genannt wird, ist Feuer am Dach.

Die vom Papst systematisch entmachteten Bischöfe geraten mit der Stunde der Wahrheit in eine schier ausweglose Situation, an der sie selbst keineswegs unschuldig sind. Sie glauben, sich dem Prinzip des Gehorsams nach „oben“ beugen zu müssen, stehen aber nach „unten“ einer schlimmen Entfremdung gegenüber. Sie würde mit dem Durchsetzen untauglicher Vorschriften dramatisch verschärft, die entstandenen Konflikte müssten sich dann ins Katastrophale steigern.

Das Problem kann denkmöglich nur so gelöst werden, dass der so genannte Ungehorsam, der aber Gehorsam gegenüber dem wahren Herrn der Kirche ist, freimütig und systematisch gehandhabt wird. Offen und selbstbewusst so lange, bis die notwendigen Konsequenzen daraus nicht mehr ausbleiben können. Es handelt sich um einen Akt der Notwehr gegen mangelnde Einsicht und fehlende Menschlichkeit. Widerstand aus dem Gewissen richtet sich weder gegen die Kirche noch gegen deren Einheit, sondern will die Kirche wieder zukunftstauglich machen.

Schisma, Sektierertum und Gegenkirche sind Worte, die dieses Bemühen um eine erneuerte Kirche denunzieren und auch begrifflich falsch sind. Der Tatbestand des Sektierertums wäre viel treffender auf jene fanatischen Gruppierungen anzuwenden, die sich „papsttreu“ nennen aber die Treue zum Evangelium aufgegeben haben. Ein Schisma würde institutionalisierte Absonderung mit eigenem Glauben, Regeln und Autoritäten bedeuten. Das liegt den Reformkräften ferne, mögen sie noch so oft missverstanden oder auch verleumdet werden.

Die Kirche ist ein Organismus. Er ist von Schwäche und bedrohlicher Krankheit befallen. Die Reformgesinnten empfinden sich als heilende Kraft, die ganz und gar im Körper der Glaubensgemeinschaft wirken will. Weder wollen sie weggehen noch werden sie sich hinausdrängen lassen! Sie wissen, dass sie stärker sind als die sklerotisch gewordenen zentralen Organe und im unvermeidlichen Gesundungsprozess den längeren Atem haben. Sie sind also letztlich unangreifbar und jedes Handeln gegen sie richtet sich gegen die, die solches unternehmen. Das muss zur rechten Zeit und am rechten Ort im Selbstbewusstsein derer ausgesprochen werden, die sich der Nachfolge Jesu verpflichtet fühlen.