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Vater unser... im Himmel...#


Von

Wilhelm Gatzen, Bergisch Gladbach

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr.28/2012


(Vorweg: Die Bibelzitate sind alle der Einheitsübersetzung entnommen, sofern nicht ausdrücklich etwas anderes gesagt ist.)

Man findet leicht heraus: Die Einführung des „Vater unser“ steht in zwei Evangelien. Einmal bei Lk 11,1-4 und bei Mt 6,7-15. Beide Texte weichen voneinander ab. Es wird von Kirche gern aufgedrängt, dass Jesus selbst dies formuliert habe. Das ist nicht der Fall. Jesus hat nur aus zwei wichtigen Gebeten, die die Juden zu seiner Zeit schon seit Jahrhunderten beteten, die für ihn wichtigen Verse herausgezogen. Die beiden Gebete sind das Kaddish und Schmona-Esre, das 18-Bitten-Gebet. - Ein Bibelvers wird dabei gern übersehen. In Mt 6,7 heißt es: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen.“ So lautet das in der Einheitsübersetzung. In anderen Übersetzungen klingt das durchaus anders. Gemeint ist aber sicher: Jesus sagt: „Wenn Ihr betet, redet nicht so daher! Sagt nicht einfach wohlklingende Sprüche auf! Denkt darüber nach, was ihr da betet! Leiert nicht das Gebet, das ich euch lehre, einfach gedankenlos runter!“ - Einer unserer ehemaligen Pfarrer pflegte zu sagen: „Das Vater unser ist so wichtig, das muss ich mindestens einmal im Jahr in einer Predigtreihe durchbuchstabieren.“

Das Vater unser ist ein echter Hammertext. Wenn man sich damit nicht auseinandersetzt, plappert man wirklich nur so daher.

Wie schwierig dieser Text ist, möchte ich an einem Beispiel aufzeigen.

Wir beten „... im Himmel“. Das ist grammatisch unverkennbar eine Ortsangabe. Es wird aber auch der Sache nach immer als Ortsangabe empfunden. Kinder fragen dann sicher: Wo ist denn der Himmel? Wie kommt man an diesen Ort? Wie sieht es da aus? Wie lebt es sich da? Muss man da immer beten? Wäre das nicht langweilig? (Als Erwachsener hat man leicht aufgehört, solche Fragen zu stellen.)

Wir müssten heute erst einmal fragen, wie sich denn die Menschen zur Zeit Jesu diesen Himmel vorgestellt haben und wie man dahin kam. Dabei stößt man auf merkwürdige Dinge. Bis zu den Zeiten des II. Vatikanischen Konzils haben wir gebetet „..., der du bist im Himmel“. Im lateinischen Text aber lesen wir: „... qui es in caelis“. Da steht die Mehrzahl! „der du in den Himmeln bist“. Im Evangelium nach Lukas fehlt dieser Hinweis. Bei Mt steht im griechischen Text auch der Plural. Paulus sagt in Bezug auf sein Erlebnis vor Damaskus: „Ich war in den dritten Himmel entrückt.“ - Damals glaubte man offensichtlich, dass es mehrere Himmel gebe, der Himmel wurde strukturiert angenommen. - Bischof Wulfila (311 bis 383) ließ eine Bibel in gotischer Sprache gestalten. Die Abschriften davon gehören zu den ganz wichtigen frühen Dokumenten der Bibel. Darin heißt die erste Zeile des Vater unser in gotischer Sprache: atta unsar thu ïn himinam. (th wird gesprochen wie in der englischen Sprache!) „in himinam“ ist nach allem, was ich herausfinden konnte, ebenfalls Mehrzahl.

Übrigens: Der Anruf: „... im Himmel“ und „wie im Himmel, so auf Erden“ taucht bereits weit vor den Zeiten des Königs Salomon in Gebeten der Babylonier und Sumerer an ihre Götter auf. Solches ist auf Keilschrifttafeln belegt. (Wenn man sorgfältig hinsieht, erweist sich jüdische und christliche Theologie häufig als synkretistischer als man denkt und wahrhaben will.)

Im vierten Jahrhundert haben die großen ökumenischen Konzilien das Große Glaubensbekenntnis formuliert. Darin heißt es einmal: „et descendit de caelis.“ Da steht die Mehrzahl! „Er ist aus den Himmeln herabgestiegen.“ - Einige Verse weiter heißt es aber: „et ascendit in caelum.“ Da steht dann die Einzahl: „Er ist in den Himmel hinaufgestiegen.“ - Die deutsche Übersetzung, die wir zu beten pflegen, macht diesen Unterschied aber nicht. - Man kann wissen, dass in jenem 4. Jahrhundert die Konzilsväter um jedes Wort und um jeden Buchstaben gerungen haben. Weshalb die aber diesen Unterschied gemacht haben, kann ich mir nicht erklären.

Der italienische Dichter Dante Alighieri (1265-1321) hat eines der großen Werke der Weltliteratur geschrieben. Er erzählt in seiner Commedia Divina, etwa 1307 bis 1320 verfasst, eine Wanderung durch Hölle, Fegefeuer und die Himmel. Auch in diesem Epos ist der Himmel mehrstufig.

Nach 1500 hat sich zumindest in Europa die Meinung verfestigt, der Himmel als Wohnort Gottes sei jenseits der Sterne anzusiedeln, die wir von der Erde aus sehen. Ich kenne auch Deutungen, die sagen: Die Sterne sind Löcher im Himmelsfußboden, durch die ein wenig vom himmlischen Licht hindurch scheint.

Es ist halt so: Die Sterne, die man von der Erde aus mit bloßem Auge, also ohne Fernrohr sieht, scheinen alle gleichweit weg auf einer Halbkugel zu liegen, in deren Mittelpunkt der Beobachter steht. Abschätzen lässt sich aber die Entfernung zu diesem Sternenhimmel nicht. Die Vorstellung aber, dass hinter diesem Himmelsgewölbe der Himmel ist, in dem der liebe Gott wohnt und thront, führte mitunter zu skurrilen Überlegungen. Da gab es einen Pater namens Athanasius Kircher SJ (1602 bis 1680). Er gilt als einer der großen Universalgelehrten des 17. Jahrhunderts. Er war Zeitgenosse von Galileo Galilei (1564 bis 1642), von Isaac Newton (1642 bis 1726) und Johannes Kepler (1571 bis 1630). Kircher stand die meiste Zeit seines Lebens in Diensten des Papstes. Jener Kircher hat ausgerechnet, dass die Entfernung bis zum Himmel (umgerechnet) 265380 km betrage. Um einen Turm zu bauen, der bis dahin reicht und wie es in Gen 11,3 in der Bibel steht, hätten 4,5 Millionen Arbeiter 3400 Jahre an diesem Turm bauen müssen. Dann wäre der Turm aber schwerer als die Erde gewesen. Er hätte diese aus dem Mittelpunkt des Weltalls herausgedrückt. Da das nicht zulässig ist, hat es den Turm zu Babel nicht gegeben, folgert Kircher. - Kircher kannte offensichtlich den römischen Historiker und Geographen Strabo nicht (etwa 63 vor bis 23 nach Chr.). Strabo hat den Turm treffend beschrieben, wie der deutsche Ausgräber Koldewey ab 1913 nachwies.

Nach ähnlicher Vorstellung schreibt Friedrich Schiller (* 10. November 1759 in Marbach am Neckar; † 9. Mai 1805 in Weimar) im Jahre 1795 in der „Ode an die Freude“: „Brüder - überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“ und: „Ahndest du den Schöpfer, Welt? Such ihn überm Sternenzelt, über Sternen muss er wohnen.“

Noch um 1800 waren die Astronomen der Meinung, sie könnten die Entfernung der Sterne von der Erde niemals bestimmen. Aber dann gelang dem Astronomen Bessel doch in Königsberg 1838 die erste Bestimmung einer Entfernung Erde ¨C Fixstern. Er maß die Entfernung zum Doppelstern 61 Cygni (in Sternkatalogen: HR 8085 und HD 201091) im Sternbild Schwan zu rund 11 Lichtjahren. Sein Ergebnis war im Vergleich zu Ergebnissen mit Methoden von heute nur um 8% zu klein. (Der Fixstern, der der Erde am nächsten steht, ist mit 4,2 Lichtjahren Entfernung Alpha-Centauri, ein heller Dreier-Stern am Südhimmel.) Wir müssen daher heute sagen: Der Himmel in dem Gott wohnt, ist im Universum als mit Koordinaten angebbarer Ort so nicht vorhanden. Gottes Himmel über den Sternen anzunehmen, geht nicht. Wenn mich also meine Enkel fragen, wo denn der Himmel sei und wie es da aussieht, kann ich nur antworten, dass ich es nicht weiß. Alle landläufigen Vorstellungen von Himmel treffen nicht zu.

Vielleicht sollte man aber auch manchmal hinhören, was Jesus so sagt. Da gibt es in Lk 20,27 ff die merkwürdige Geschichte, mit der Sadduzäer ihn, Jesus, reinlegen wollten. Nach dem Gesetz des Mose heiratet eine Frau nacheinander sieben Brüder, weil sie jedes Mal durch den Tod des Mannes kinderlos blieb. Im Himmel war sie also die Ehefrau von sieben Brüdern. Man beachte, dass in jener Zeit die Zahl sieben auch steht für: Unendlich viele. Das ist also eine von nicht wenigen Geschichten in den Evangelien, wo hemmungslos übertrieben wird, um die Aussage deutlich und unmissverständlich werden zu lassen. Jesus antwortet auf diese Fangfrage sinngemäß: Ihr spinnt ja! Im Himmel wird nicht geheiratet. Da ist auch niemand mehr verheiratet wie auf der Erde. Macht euch keine falschen Vorstellungen, wie es im Himmel zugeht!

Vielleicht spielt Jesus dabei versteckt an auf eines der Zehn Gebote. Da steht bei Ex(=Mose 2)20,4: Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Und in Deut(=Mose 5)5,8 steht das noch einmal: Du sollst dir kein Gottesbildnis machen, das irgendetwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. - Im Laufe der Geschichte wurde das durchaus unterschiedlich verstanden. - Im 8. + 9. Jahrhundert tobte eine Auseinandersetzung mit den Ikonoklasten („Bildzerstörer“). Sie hielten es für unzulässig, Bilder von Jesus und Maria und den Heiligen als Ikonen zu malen. Dies verstoße gegen das zitierte 2. Gebot. - In der Reformationszeit gab es vielfach in Europa erbarmungslose Bilderzerstörer. Sie traten vor allem im 16. Jahrhundert auf, und vor allem in Münster. In jener Zeit wurden häufig Bilddarstellungen von Heiligen oder aus dem Leben Jesu in den Kirchen mit weißer Farbe übermalt. So blieb aber die bunte Bemalung erhalten. Häufig wurde sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei Renovierungen wieder entdeckt. Im Bergischen Land haben wir so noch einige „bonte Kerken“. - Im Islam hat dieses 2. Gebot zu einem weitgehenden Verbot bildlicher Darstellung von Lebewesen überhaupt geführt. - Heute möchte ich das so verstanden wissen: Du sollst dir von Gott und den Engeln und dem Himmel und vom Teufel und der Hölle keine handgreifliche, realistische Vorstellung machen, die irgendetwas oder irgendwem gleicht, das es hier auf dem Planeten Erde gibt.

Theologen haben es nicht einfach, wenn sie versuchen zu sagen, wie und was und wo Gott ist. Ich als Physiker kann aber sagen, was Gott nicht ist: Unser Gott besteht nicht, auch nicht teilweise aus klassischer Materie, aus Atomen und Molekülen. Wenn das nämlich so wäre, könnte man aus dieser Materie eine Figur formen und sie anbeten. Wir könnten die Materie, die Bestandteil Gottes wäre, einsammeln, und im Prinzip in eine Rakete packen und in unsere Sonne schießen. Es würde zwar eine Weile dauern, bis die Rakete dort ankommt, aber dann würde unser Gott im Höllenfeuer der Sonne verbrennen und wir wären ihn los. Undenkbar!

Es sei darauf hingewiesen, dass wir erst seit 60 Jahren wissen, was ein Stern eigentlich ist. Unsere Sonne ist ein eher kleiner Stern. In den letzten 20 Jahren haben wir in der Astrophysik gelernt, ganz verschiedene Typen von Sternen zu unterscheiden. Bei vielen Theologen sind diese Erkenntnisse aber noch nicht angekommen. Wir machen uns vielfach falsche Vorstellungen. Texte im Gotteslob und in anderen christlichen Gebet- und Gesangbüchern sind voll von sprachlichem Unfug, von historischen Fehlern und theologischen Unstimmigkeiten. Wenn ihr betet, plappert also nicht wie die Heiden!

Bis heute gibt es immer wieder vor allem bei Kirchenmännern Vorstellungen vom Himmel, die denen der frühen Neuzeit ähneln und die nicht mehr tragbar sind. Da hat Papst Pius XII am 1. November 1950 das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens verkündet. Der Text des Dogmas und der Begleitpredigt lassen keinen Zweifel aufkommen: Papst Pius XII lehrt für Katholiken verbindlich, dass Maria mit dem Leib, aus dem heraus sie Jesus geboren hat, in den Himmel aufgenommen wurde. Da müsste sie, jetzt mehr als 2000 Jahre alt, leben. Jeder Mensch aber ist ohne jede Ausnahme an die Bedingungen gebunden, die sich hier auf der Erde ergeben: Er muss atmen und essen und trinken und alles das machen, was zu unserem Leben gehört. Demnach könnte es im Himmel, so wie ihn sich Papst Pius XII vorstellt, höchstens in Kleinigkeiten anders aussehen als hier bei uns auf der Oberfläche des Planeten Erde. Da beim Transport der himmelfahrenden Maria völlig ohne jede Ausnahme alle physikalischen Gesetze gelten, wäre der Himmel als Ort nur wenige hundert Lichtjahre von uns entfernt. Bei einem Durchmesser unserer Milchstraße, der Galaxie, in der sich unsere Sonne bewegt, wäre der Himmel nahe bei uns. Der Durchmesser der Milchstraße wird nämlich mit rund 100000 Lichtjahren angegeben. - Papst Pius hätte es besser wissen können. Stand doch Georges Lemaître (1894 ¨C 1966) in seinen Diensten. Er war katholischer Priester, aber vor allem einer der berühmtesten Astrophysiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Lemaître war ab 1936 Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften, ab 1960 bis zu seinem Tode sogar Präsident dieses hoch angesehenen Gremiums. Auch ein anderer bekannter Kirchenmann unserer Tage hängt den alten Vorstellungen vom Himmel nach: Herr Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln, hat vor einigen Jahren angeordnet, dass eine notariell beglaubigte Kopie seines Taufscheins ihm in den Sarg gelegt werden solle. So könne er an der Himmelspforte dem Petrus wenigstens nachweisen, dass er ein ordentlich getaufter katholischer Christ sei. Herr Kardinal Meisner hat diese Anordnung im Amtsblatt veröffentlicht und vor den Kameras des Fernsehens vorgetragen. Demnach müsste der Himmel ein Ort sein, wo bedrucktes Papier noch etwas gilt und der Apostel Petrus leibhaftig an der Himmelstüre als Kontrolleur steht.

Prof. Lemaître antwortete gerne, auf die Widersprüche zwischen seinen Forschungsergebnissen und den Ansichten seines Dienstherrn angesprochen, mit dem Bibelvers Jes 45,15 „Wahrhaftig, du bist ein verborgener Gott.“ Oder in seiner Ausdrucksweise: God is essentially hidden.

Und wie sieht Dein Himmel aus? Denk mal drüber nach!

Wilhelm Gatzen ist Physiker und Mitarbeiter der Deutschen Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“, wo er sich insbesondere mit Fragen der Menschenrechte befasst.