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Der Kampf um die Fluchtburg#

Warum der Vatikan Frieden mit den Pius-Brüdern will#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 17/2011


Viele fragen sich, warum der Papst so sehr um eine Aussöhnung mit der Piusbruderschaft bemüht ist, obwohl er von dort heftig kritisiert und sogar beschimpft wird. Auf der anderen Seite zeigt er den Erneuerungskräften die kalte Schulter, was ebenso unverständlich erscheint. Doch das Ganze hat seine Logik!

Als in den Neunzigerjahren das Drängen der Reformkräfte in der Kirche immer stärker wurde und sich zu organisieren begann, musste der Vatikan eine grundsätzliche strategische Entscheidung treffen. Man hätte sich – wie sonst im gesamten öffentlichen Leben bewährt – mit den geäußerten Anliegen kooperativ auseinandersetzen und ihnen da und dort entgegenkommen können. Dies wollte Rom jedoch keineswegs, aus vielen Gründen, die hier nicht dargelegt werden müssen. Der Wesentlichste war wohl, dass man mit Konzessionen eingestanden hätte, was bisher falsch gemacht wurde. Das hätte aber die eigene auf göttlicher Einsetzung beruhende Vollkommenheit in Frage gestellt. Das Ignorieren und Abwehren der Reformkräfte verlangte konsequenter Weise ein umso stärkeres Beharren auf dem Bestehenden. Dies führte unweigerlich zu der uns allen bewussten Spaltung der Kirche in zwei Lager. Aber nicht nur das: Viele entfernten sich ja mittlerweile von der Kirche – entweder durch kritische Distanz bis zum Verweigern der Gefolgschaft oder auch durch den Austritt. Diese Entwicklung ist der Kirchenleitung längst entglitten. Sie muss sich aber doch irgendwie darauf einstellen und versuchen, damit umzugehen – auch zur Wahrung des Gesichts.

Alles deutet nun darauf hin, dass man resigniert, also den Verlust eines sehr großen Teils der Gläubigen ganz bewusst einfach zur Kenntnis nimmt. Entgegenwirkende Vorhaben wie die „Neuevangelisierung“ sind von vornherein zum Scheitern verurteilte Alibihandlungen. Man kann nicht mit der schweren Last des Klerikalismus im Rucksack das verlorene Land wieder erobern. Kaum sinnvoll erscheint, eine Kirche, die so wie sie ist bleiben will, von vielen abgelehnt wird, durch verstärktes Werben noch mehr ins Rampenlicht zu stellen. So ist das Ganze nur eine Pflichtübung – zur Beruhigung (oder Beschäftigung) der noch immer Getreuen und des eigenen Gewissens.

Sich einrichten im kleinen Gefilde#

Mit dem Ende der Volkskirche hat sich die Hierarchie bereits abgefunden. Sie vertraut auf ein neues Zukunftsszenario. Es sollte nach dem Ausscheiden der Unzufriedenen ein „wahrer Kern“ übrigbleiben, eine konsistente und leicht dirigierbare papsttreue Kirche. Eine solche könnte sogar den biblischen Sauerteig darstellen, der nach einer gewissen Zeit auch wieder zu wirken die Aussicht hätte. Also eine Elite sollte übrig bleiben, die getreu und unverdrossen die Stellung hält. Doch Eliten entstehen nicht als Restbestände nach verbreiteter Flucht der kritischen Geister.

Aber ganz ohne Kampf kann Rom nicht aufgeben. Allerdings verlagert sich dieser nun dorthin, wo die Fluchtburg liegt. Hier droht eine gefährliche Besetzung durch eine starke Konkurrenz. Am Ort der Rettung drohen ja inzwischen die Ultrakonservativen die Macht an sich zu reißen. Wer überzeugter Traditionalist ist, dem könnte schlussendlich ja gleich lieber sein, sich dem Meister Piusbrüder und nicht dem Gesellen Papst anzuschließen! Dieses Problem scheint den Vatikan sehr zu beschäftigen und zu beunruhigen. Bekanntlich gibt es das Wort: Wenn du sie nicht besiegen kannst, verbünde dich mit ihnen! Es erklärt auf ganz einfache Weise das Handeln gegenüber den Piusbrüdern. Dort, wo man sich in Zukunft niederlassen will, soll eine erträgliche Situation hergestellt werden, nämlich ein Frieden zwischen den konkurrierenden Konservativen. Aber diese Rechnung wird wohl nicht aufgehen. Man hat sich für den nur scheinbar bequemeren Weg in sichere Gefilde entschieden, nicht aber zum schwierigen aber aussichtsreichen gemeinsam mit den um den Fortschritt Ringenden.

Auf die Reformer kann man ja verzichten#

Wenn man sich dies alles vor Augen führt, erklärt es nicht nur das für viele rätselhafte Verhalten des Papstes im Verhältnis zu den Traditionalisten sondern auch zu den Kräften der Erneuerung. Man hat diese längst einfach abgeschrieben. Man lässt sie sogar irgendwie gewähren, denn man nimmt an, dass sich das Problem von selbst erledigen wird. Angesichts der Erfolglosigkeit ihres Handeln würden die Progressiven sicher erlahmen. Ihr überwiegender Teil, der noch vom Vatikanum inspiriert wurde, wird ja auch älter und tritt allmählich ab. Und die Jugend hat keine Lust, an dieser Front zu kämpfen. Ein Teil von ihr ist sogar beeindruckt von den Konservativen, die Halt in einer unsicher gewordenen Welt bieten könnten.

Die Strategie des bewussten in Kauf Nehmens des Verlustes der Erneuerungswilligen zu erkennen, bedeutet, auch sonst vieles zu verstehen. Das Auftreten Benedikts in Deutschland etwa. Er markierte an dieser ganz wichtigen Stelle wieder seine abgehobenen Positionen, aber von einen Bemühen um „verlorene Schafe“ war nichts zu spüren. Unschwer ist so auch das Verhalten der Bischöfe zu erklären. Wie sie taktieren und lavieren, oft verlegen oder sogar verlogen, entspricht einfach der Vorgabe des Chefs: Einigermaßen mit Anstand über die Runden zu kommen, bis die Unruhestifter alle weg sind und nur mehr übrig bleibt, wer keinen Ärger macht.

Viel ließe sich dazu sagen, wie sehr dies dem Willen Jesu widerspricht. Aber auch dazu, welche Konsequenzen die Reformkräfte daraus zu ziehen haben. Da muss endlich ganz bewusst werden, wie sinnlos alle Versuche sind, zu argumentieren und zu überzeugen, etwas zu bewegen oder bei der kirchlichen „Obrigkeit“ zu erreichen. Ist doch diese strikt an eine unerschütterliche Order gebunden: Wir marschieren in die Zukunft einer kleinen Kirche, die das bewahrt und verteidigt, was sie sich in alten Zeiten so schön zurechgerichtet hat.

Sprach da nicht jemand von „Ungehorsam“?