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Ausgestopfte Vielfalt#

Musentempel und Mikrotheater des Lebens: Ein Streifzug durch das Naturhistorische Museum am Wiener Burgring, das seinen 125. Geburtstag feiert.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 27./28. September 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Pinter


Der rekonstruierte 'Terrorvogel
Der rekonstruierte "Terrorvogel" schmückt sich mit fremden Federn . . .
© Pinter

"Dem Reich der Natur und seiner Erforschung" - die Widmung des Naturhistorischen Museums (NHM) in Wien prangt in goldenen Lettern unter seiner Kuppel. Die prächtig geschmückte Fassade erinnert an Erfindungen wie Mikroskop oder Fernrohr, an Entdecker wie Magellan oder James Cook und an Wissenschafter wie Kopernikus oder Darwin. In einer Allegorie zieht die Forschung der Natur den Schleier weg. Von der Dachbalustrade blicken, zu Stein erstarrt, Aristoteles, Ptolemäus, Galileo Galilei oder Alexander von Humboldt herab.

Eigentlich sollte der Hamburger Gottfried Semper 1869 als Gutachter im Architektenwettbewerb fungieren: Doch dann legte er lieber selbst Pläne für die beiden Museen am Burgring vor. Man stellte ihm Carl von Hasenauer zur Seite, einen der ursprünglichen Kandidaten. Bald redeten die beiden nicht mehr miteinander. Als Semper 1876 abreiste, vollendete Hasenauer das Kunsthistorische und das Naturhistorische Museum alleine - das NHM etwas früher. Kaiser Franz Josef eröffnete es am 10. August 1889.

Dank der Arbeitszimmer und Labors fanden die Wissenschafter im neuen Musentempel beste Bedingungen vor. Noch heute sind 60 der 330 NHM-Mitarbeiter in der Forschung tätig. In den zen-tralen Laboratorien sind sogar DNA-Untersuchungen oder Analysen mit einem bis zu 300.000-fach vergrößernden Rasterelektronenmikroskop möglich. Die 39 Schausäle ermöglichten 1889 außerdem die systematische Präsentation eines großen Teils der Sammlung. Mittlerweile reicht der Platz nicht mehr aus. Die allermeisten der 30 Millionen Objekte verharren in einem vollklimatisierten Tiefspeicher.

Museum im Museum#

Die Besucher des Hauses - im Vorjahr waren es 726.000 - wandeln auf der breiten Marmorstiege in den ersten Stock hinauf. Am Hauptabsatz hält das großformatige "Kaiserbild" Franz I. Stephan beim Studieren von Sammlungsstücken fest. Dabei stehen ihm unter anderem der kaiserliche Leibarzt Gerard van Swieten und Johann Ritter von Baillou zur Seite. Von diesem Florentiner hatte der Kaiser den Grundstock der Naturaliensammlung im Jahr 1748 erworben: 30.000 Edelsteine, Muscheln und Fossilien. Nach Franz Stephans Tod öffnete Maria Theresia die damals noch in der Hofburg logierende Kollektion dem Publikum und schuf so ein richtiges Museum.

Auch jener "Edelsteinstrauß", den die Kaiserin ihrem Gatten 1764 als Morgengabe schenkte, wird im NHM ausgestellt: Er ist mit 2102 Brillanten und Diamanten besetzt. Im Hochparterre macht man den Gast aber auch mit Prosaischem vertraut, wie den verschiedenen Gesteinen der Erde: Der Bogen reicht vom Schwarzen Raucher aus der Tiefsee bis zum vier Milliarden Jahre alten Acasta-Gneis aus Kanada. Er ist der Methusalem unter den irdischen Gesteinen.

Das NHM kann sich gewissermaßen selbst ausstellen. Vieles hat der neuen Zeit getrotzt, wie etwa die stilvollen, aus dunklem Holz gefertigten Schaukästen und Vitrinen. In den Mineraliensälen beherbergen sie eine unglaubliche Vielfalt farbenfroher Exponate. In strengem Kontrast dazu stehen die meist grauen oder braunen Meteorite. Sie stammen von Dutzenden Kleinplaneten ab, vom Mond oder vom Mars. Zumeist 460 Millionen Jahre älter als selbst Acasta-Gneis, tragen sie die Erinnerung an die Geburtszeit des Sonnensystems noch in sich.

Mit 1100 Objekten weilt der Besucher hier in der größten und historisch bedeutendsten Meteoritenschausammlung der Welt. Nirgendwo sonst wäre er von so vielen Außerirdischen umgeben. Seit dem Umbau des Saals im Jahr 2012 verraten gut integrierte Medienstationen, wie man Meteorite aufstöbert oder wie sich irdisches Gestein beim Einschlag ("Impakt") besonders mächtiger Himmelsgeschosse verändert. Der Geochemiker Christian Köberl, seit 2010 Generaldirektor des NHM, ist einer der weltweit führenden Impaktforscher.

Die "Lehre vom Altseienden", die Paläontologie, nutzt Fossilien, um vorzeitliches Leben zu erforschen. Vor 3,8 Milliarden Jahren gab es erste einzellige Bakterien. Vielzeller traten anscheinend erst drei Jahrmilliarden später in Erscheinung. Allerdings zeigt eine Sonderschau im NHM noch bis zum 5. Oktober die Gabonionta - ein von der Natur viel früher gewagtes, aber mutmaßlich folgenlos gebliebenes Experiment mit der Vielzelligkeit.

Vor 25 Millionen Jahren trug der "Terrorvogel" seinen Kopf sehr hoch - und zwar bis zu drei Meter über dem Boden. Mit nicht mehr als dem fossilen Skelett als Vorbild schufen kunstfertige Mitarbeiter des NHM eine aufregende Rekonstruktion. Ein geschweißtes Stahlskelett trägt nun den Abguss des Originalschädels und stützt einen Körper aus Polyurethanschaum. Die Haut stammt von Sträußen, die Federn von Truthähnen und Kranichen, die Wimpern und Augenbrauen von Kasuaren. Fliegen muss das Modell nicht können, jagte doch auch das Original per pedes - allerdings mit 50 km/h!

Der aufrechte Gang#

Unser Wissen über die Dinosaurier gründet sich ebenfalls auf Fossilien. Im 2011 neu gestalteten Sauriersaal folgt das Auge dem langen, gar nicht enden wollenden Skelett eines Diplodocus. Der schwerste dieser Sauropoden hätte 20 Afrikanische Elefanten aufgewogen; doch die gab es vor 150 Millionen Jahren noch nicht.

Die Anthropologen (anthropos, griech.: Mensch) entreißen ihre Kostbarkeiten deutlich jüngeren Schichten des Erdreichs. Ihre beiden Schausäle wurden völlig umgestaltet und nach 16 Jahren Sperre im Jänner 2013 wiedereröffnet. Im Mittelpunkt stehen nun die Entwicklung des aufrechten Gangs und des menschlichen Gehirns.

Anfangs stellt sich der Proconsul als Botschafter einer längst ausgestorbenen Primatengattung vor. Später wandelt man buchstäblich auf jenen Spuren, die der Vormensch Australopithecus afarensis vor 3,6 Millionen Jahren in ostafrikanischer Vulkanasche hinterlassen hat. Lebensecht mutet die Weichteilrekonstruktion eines altsteinzeitlichen Jägers an. Ein virtuelles Skelett erlaubt es dem Besucher, Sterbealter, Geschlecht, Krankheiten und Todesursache mit "CSI-Methoden" zu ermitteln.

Für den Gast tabu, weil gerade in Umgestaltung begriffen, sind die drei urgeschichtlichen Schausäle. Ab dem kommenden Frühjahr wird sich einer davon den Funden aus Hallstatt widmen. Weil die Luft im ältesten aller Salzbergwerke keine Feuchtigkeit kennt, sind dort selbst organische Stoffe erhalten geblieben - Tragsäcke aus Rindshaut, Textilien oder Europas älteste Holzstiege: Vor 3300 Jahren schleppten Knappen das "weiße Gold" über sie hoch.

2015 erhalten auch zwei prominente Damen aus Niederösterreich ihr eigenes Kabinett: die unschätzbar wertvolle Venus von Willendorf und die noch 7000 Jahre ältere, wenngleich schlanker gebliebene Fanny vom Galgenberg. Spektakuläre Goldfunde, bisher großteils im Tiefspeicher verborgen, glänzen dann ebenfalls in bestem Licht. Solche Artefakte belegen, wie sehr der Mensch schaffen und gestalten will. Auch heute legen Künstler im NHM immer wieder ihre Sicht auf die Natur und die Museumsobjekte dar.

Die Schausäle im ersten Stock sind der Zoologie vorbehalten. In Gedanken darf man sich dort von Charles Darwin begleiten lassen, dessen Evolutionstheorie für das NHM nie in Zweifel stand. 1859 hatte der britische Forscher die Verwandtschaft der Arten sowie deren Entwicklung vor allem durch Mutation und natürliche Selektion erklärt. 1871 weitete er seine Überlegungen auf den Menschen aus. Viele Zeitgenossen empfanden es als Beleidigung, in die Verwandtschaft der Affen aufgenommen zu werden: Naturwissenschafter, Theologen, Philosophen protestierten. Das Fries im Sprengring der Museumskuppel erinnert daran: Dort bedeckt der Mensch die Augen, während ihm der Aff’ den Spiegel vorhält. Mittlerweile haben sich die Wogen gelegt. Die vom NHM gestaltete "Darwin-Schau" erwies sich 2009 als Publikumsmagnet.

Eine Million Fische#

Das ganze erste Stockwerk ist eine Ode an die Vielfalt des Lebens. Man startet im Mikrotheater: Dort zeigt ein Stereomikroskop etwa das Salzkrebschen, das so viele Beine wie eine Fußballmannschaft hat. Der Fischbestand des NHM umfasst eine Million Objekte; nur ein Bruchteil taucht in den Schausälen auf. Ein Viertel aller bekannten Vogelarten gibt sich dort ein lautloses Stelldichein. Dazu zählt der fast schon ausgestorbene neuseeländische Eulenpapagei: Er ist die Nummer 81 unter den 100 Top-Sehenswürdigkeiten, über die der entlehnbare Audioguide Näheres erzählt. Das Java-Nashorn wurde 1801 ausgestopft, mit Holz und Stroh. Heute überzieht man lieber Grundkörper aus Plastik mit Tierhäuten. So nehmen selbst übermannsgroße Säugetiere wie Giraffen oder Bären am musealen Leben teil.

Seit 125 Jahren schauen großformatige Ölgemälde auf die Exponate herab. Diese halten, und zwar äußerst naturgetreu, Landschaften wie die Badlands von Wyoming, Fundorte wie eine Smaragdgrube in Salzburg oder idyllische Szenen aus früheren Epochen der Erdgeschichte fest. 26 Künstler und eine unter männlichem Vornamen wirkende Künstlerin schufen den Zyklus einst. Dessen Motive stehen meist noch in direktem Bezug zu den Objekten des jeweiligen Saals und ergänzen die Schausammlung vortrefflich.

Die hochmoderne Version eines solchen Bilderreigens liefert das brandneue digitale Planeta- rium. Das NHM schenkt es sich selbst zum 125. Geburtstag. Unter seiner 8,5 Meter weiten Kuppel finden 60 Besucher Platz. Dank der Vollkuppelprojektion erlebt man packende Ausflüge in die Tiefsee, Flüge durch den Grand Canyon oder virtuelle Zeitreisen zurück bis zum Urknall.

Christian Pinter, geboren 1959, lebt als freier Journalist in Wien und schreibt seit 1991 regelmäßig - hauptsächlich über Astronomie - im "extra". --> www.himmelszelt.at

Wiener Zeitung, Sa./So., 27./28. September 2014