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Splitter des Grauens#

Das Jüdische Museum zeigt Postkarten aus dem Getto Litzmannstadt.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 1. Oktober 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Auch das Spiel der Kinder bleibt nicht unberührt: Statt 'Räuber und Gendarm' spielen sie Gettopolizei.
Auch das Spiel der Kinder bleibt nicht unberührt: Statt "Räuber und Gendarm" spielen sie Gettopolizei. © Henryk Ross/AGO, Toronto

Das Essen wäre schmackhafter, könnte sie mit Zwiebel und Knoblauch kochen, schreibt eine Frau mit dem Vornamen Irene an Lotti Fried. "Inhalt unzulässig" stempelt der Beamte der NS-Zensurbehörde darauf und markiert die Wörter "Zwiebel" und "Knoblauch". Niemand soll etwas erfahren über die Versorgungslage im Getto Litzmannstadt. Nur sehr versteckt können sich die auf engstem Raum unter unmenschlichen Bedingungen zusammengepferchten Juden auf den Postkarten äußern. Man muss die Beschönigungen verstehen, mit denen man das Grauen an den Augen der Zensurbehörde vorbeischmuggelte.

Die Ausstellung "Post41" im Jüdischen Museum ist jenen 5000 Juden (und auch den 5000 Sinti und Roma) aus Wien gewidmet, die während des NS-Regimes vom heute abgerissenen Aspangbahnhof aus in das Getto Litzmannstadt deportiert wurden: in Häuser ohne Kanalisation und Wasser, ausgesetzt dem Hunger, der Kälte, der willkürlichen Gewalt durch die nationalsozialistischen Besatzer. Die meisten der 5000 österreichischen Juden starben entweder im Getto oder wurden in Vernichtungslager verschleppt und dort ermordet.

Dokumente aus dem Abgrund Die Nationalsozialisten setzten einen "Judenrat" zur Verwaltung des Gettos ein, der selbstverständlich keine Befugnisse hatte, die gewalttätige Willkür der Besatzer zu verhindern. Dennoch versuchte der Älteste dieses "Judenrats", Chaim Rumkowski, das Getto, etwa durch Fotos jüdischer Fotografen, die, unter Wahrung der Würde der abgelichteten Menschen, auch dunklere Seiten festhielten, als funktionierenden Stadtteil zu dokumentieren in der Hoffnung, dadurch das letzte Grauen abwenden zu können. Es misslang. (Rumkowski selbst wurde am 28. August 1944 mit seiner Familie in Auschwitz ermordet.) Doch die von ihm initiierte Gettochronik ist ein einzigartiges Dokument, ein kollektives Tagebuch, das Aufzeichnungen über das Leben und Sterben von mehr als 200.000 Juden enthält. Die hastige Räumung des Gettos ermöglichte es, sowohl die Chronik als auch die Postkarten der Vernichtung durch die Nationalsozialisten zu entziehen.

Die Postkarten waren im Getto zuerst aufgrund einer Postsperre liegengeblieben. Nach deren Aufhebung konnte die Menge der plötzlich anfallenden Post - jetzt wollte jeder schreiben, und sei es nur, um ein Lebenszeichen von sich zu geben - nicht bewältigt werden. Auf solche Weise sind durch die Postkarten Splitter von Biografien auf uns gekommen.

Postkarten mussten es sein, Briefe waren verboten. Die offenen Karten erleichterten den Zensurbeamten den Zugriff. Die Schrift ist mitunter unsicher - da schreiben wohl auch Kinder; Tinte und Bleistift finden sich als Schreibutensilien. Die Schriften sind zumeist eng, bis an den Rand der Karte geführt. Da will vieles gesagt werden im Bewusstsein des begrenzten Platzes. Oft knappe Fragen, etwa "ob Du meine Emma gesehen hast. Bin sehr um sie besorgt." Mitunter verzichtet der Schreiber auf Satzzeichen, um noch ein paar Buchstaben unterbringen zu können - ein wertvolles Wort mehr.

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Buch begleitet, das die Materialien so akribisch wie gut lesbar aufarbeitet. Die Ausstellung ist ein EU-gefördertes österreichisch-polnisch Projekt, das auch zu einer besonderen Sprachregelung führte: So wird vom Getto Litzmannstadt gesprochen, nicht von Getto Łódz, um das Getto eindeutig im Nationalsozialismus zu verorten. Und es wird, entgegen dem polnischen Sprachgebrauch, von der nationalsozialistischen Besatzung gesprochen, nicht von der deutschen, um Österreich, das bei den Peinigern durchaus vertreten war, nicht die Flucht in die Opferrolle zu ermöglichen.

Eine unbedingt sehenswerte Ausstellung, die emotional berührt und die Kehle zuschnürt.

Information#

Ausstellung: Post41. Berichte aus dem Getto Litzmannstadt. Angelika Brechelmacher (Projektleitung). Jüdisches Museum. Bis 6. März

Wiener Zeitung, Donnerstag, 1. Oktober 2015