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Die Tradition erblüht von Neuem#

Die ältesten Traditionsunternehmen Wiens waren bereits für Kaiserin Sisi unersetzlich#


Von der Wiener Zeitung, (Donnerstag, 7. Februar 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Katharina Thalhammer


Neuer Trend geht immer mehr Richtung Tradition.#

Traditionsbetriebe
Die älteste Tageszeitung der Welt hat sich auf die Suche nach den drei ältesten gewerblichen Traditionsbetrieben in Wien gemacht - und ist am Graben fündig geworden.
© Urban

Wien. Die Schnelllebigkeit und das kaum noch überblickbare Angebot an Waren minderer Qualität zum günstigeren Preis haben die Wiener Traditionsbetriebe in den vergangenen Jahren immer mehr in Vergessenheit geraten lassen. Dass die meisten Wiener die noch existierenden Traditionsbetriebe als selbstverständlich erachten und gleichzeitig immer mehr neue Betriebe gegründet werden, erleichtert die Aufrechterhaltung der Wiener Tradition nicht unbedingt. Doch sind es gerade diese Betriebe, die jene unverkennbare Tradition widerspiegeln, die in Wien als einzigartig gilt. Deshalb findet auch gerade wieder eine Rückbesinnung statt.

Die älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt (die "Wiener Zeitung" gibt es seit 1703, Anm.) hat sich deshalb auf die Suche nach den drei ältesten gewerblichen Traditionsbetrieben gemacht - und ist am Graben in der Wiener Innenstadt fündig geworden.

Klein, aber fein erscheint das Traditionsunternehmen "Zur Schwäbischen Jungfrau". Die Hochzeitsliste, auf die im Schaufenster hingewiesen wird, hindert vor allem gerne weibliche Passanten am Vorbeischlendern. Bereits Kaiserin Elisabeth ließ sich von der "Schwäbischen Jungfrau" einkleiden. Das seit 1720 bestehende Traditionsunternehmen mit ihrer Filiale am Graben 26 ist das älteste Wäscheausstattungsunternehmen Wiens.

Liebe zum Detail#

Tisch-, Bett- und Frotteewäsche kann man im Geschäft üblich erwerben oder auch individuell anfertigen lassen. Der Unternehmenskomplex bestehend aus drei Stöcken strahlt von außen wie auch von innen eine heimelige Atmosphäre aus. Die Besitzerin Hanni Vanicek empfängt und berät die Kunden. "Seit nun 53 Jahren leite ich das Unternehmen. Auf beste Qualität und erstklassigen Service habe ich stets geachtet, damit Tisch-, Bett-, und Frotteewäsche von Generation zu Generation weitergegeben werden kann", erklärt die Geschäftsführerin im Interview. Die Liebe für das Detail und der damit verbundene Zeitaufwand, sind die Zutaten des Geheimrezeptes von der "Schwäbischen Jungfrau". Aufgrund ihrer treuen Kundschaft, der familiären Betreuung und ihres internationalen Engagements war es Hanni Vanicek fortan möglich, das Unternehmen erfolgreich weiterzuleiten.

In der goldenen Mitte des Grabens befindet sich wiederum das älteste Porzellanfachgeschäft Wiens mit dem Namen "Albin Denk". Das Traditionsunternehmen war zu Beginn k.u.k. Hoflieferant. Das Geschäft wurde im Jahr 1702 von Johann Friedrich Böttger gegründet, dem es gelang, das erste europäische Porzellan herzustellen. Die heutige Geschäftsleitung obliegt Ilsebill Lillie und ihrer Tochter Martina Lillie, die ihr Geschäft zwar traditionsbewusst betreiben, aber auch versuchen, am Puls der Zeit zu bleiben. Das Erfolgskonzept des Unternehmens wird von Martina Lillie daher auch als "innovative Tradition" definiert. Dieses Konzept soll die mögliche Vereinbarkeit von Modernisierungsprozessen und Traditionsunternehmen verdeutlichen.

Das Unternehmen scheint von außen wie ein bescheidenes Porzellangeschäft, doch im Inneren erwartet einen ein Aufgebot an funkelnden Kristallen sowie an farbenfrohem und klassischem Porzellan. "Den Kunden hat schon immer unser abwechslungsreiches Angebot gefallen und der Eindruck, ein Stück Geschichte zu erleben, wenn sie unsere Produkte betrachten", erzählt Martina Lillie, wenn sie auf ihre langjährige Erfahrung zurückblickt.

Gegenüber vom ältesten Porzellanfachgeschäft befindet sich auch die älteste Schusterei Wiens. Die mit Altholz ausgestattete Schusterei "Rudolf Scheer" spiegelt mit dem dazugehörigen Holzgeruch die urtümliche gewerbliche Tradition wider, wie sie damals nicht anders vorzufinden war. Im Jahr 1816 wurde das Unternehmen von Rudolf Scheer gegründet. Heute befindet sich das Unternehmen bereits in der achten Generation unter der Leitung von Markus Scheer, der zugleich als Meister der ehemaligen k.u.k. Hofschuhmacherei gilt.

Familiengeführte Schusterei#

Trotz der beinahe 300-jährigen Tradition setzt das Unternehmen zugleich auf Innovation und passt auf diese Weise sein Sortiment an die Bedürfnisse der Kunden an. Die familiengeführte Schusterei kann vor allem jetzt, in Zeiten, in denen Diskontprodukte reißenden Absatz finden, mit Qualität und Perfektion punkten. Die Rückbesinnung auf die Tradition längst vergangener Zeiten dürfte in den neuen Qualitätsansprüchen der Konsumenten begründet sein. "Die Traditionsunternehmen in Wien dürften deswegen auch weiter erhalten bleiben. Der Trend geht eindeutig Richtung Ursprung zurück", sagt etwa eine Mitarbeiterin. Den Erfolg verdankt das Unternehmen eigenen angaben zufolge vor allem seiner Loyalität, Authentizität und der innovativen Weiterentwicklung der vorhandenen Produkte.

So ist in Summe ein neuer Trend zu beobachten: Traditionsfirmen gewinnen offensichtlich immer mehr Kundschaft zurück. Der Grund: Die garantierte Qualität und der zuvorkommende Service animieren die Konsumenten dazu, wieder "traditionell" einzukaufen. Und auch das Preis-Leistungs-Verhältnis dürfte im Gegensatz zu früher immer mehr zugunsten der Traditionsbetriebe ausfallen.

Das Phänomen der Rückbesinnung findet im Übrigen auch bei der Wiener Wirtschaftskammer Beachtung. "Kunden schätzen das besondere Image, das mit einem Traditionsbetrieb verbunden ist. Unabhängig davon, ob es sich um traditionelle Produkte oder hochmoderne handelt. Viele dieser Betriebe sind nach wie vor im Familienbesitz und halten dem Standort Wien seit Generationen die Treue", erklärt Wirtschaftskammerpräsidentin Brigitte Jank.

Aus diesem Grund wurde von der Wirtschaftskammer auch eine eigene Plattform für Wiener Traditionsbetriebe errichtet, um eine internationale Präsenz der Produkte zu ermöglichen:

--> www.wienproducts.at

Wiener Zeitung, Donnerstag, 7. Februar 2013