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Faust und die Informatik#

von Wolfgang Eichhorn
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Graz, 6. 11. 2007, anlässlich der Feier 30 Jahre Informatik (und Hermann Maurer in) Graz

Lieber Hermann, meine sehr verehrten Damen, meine Herren, meinem Freund Hermann Maurer trau’ ich alles zu.

Das Schlimme ist nur, dass er mir auch alles zutraut. Deshalb wollte er mir die Schlussworte geben . „Ick fühlte mir jeehrt.“

Weil sein Institutsname das Wort Information enthält, bot ich ihm als Thema an: Information, satirisch betrachtet.

Heute morgen las ich im Programm: Wolfgang Eichhorn: The future of computer science.

Wie gesagt, er traut mir alles zu. Ich traue ihm alles zu, vor allem auch zu diesem Thema zu sprechen, mir leider nicht.

Da steh’ ich nun, ich armer Tor.

Lassen Sie mich’s mit Spott und Hohn versuchen ...

Begleiten Sie meinen Freund Hermann Maurer gedanklich auf (oder besser: ) nach einer Fahrt von Graz nach Karlsruhe. Er will mich besuchen und mit mir am Abend ins Badische Staatstheater gehen: Faust I (Faust II ist uns zu schwer!)

Zunächst hält er aber einen Vortrag in dem von ihm 1971 gegründeten Karlsruher Institut für Angewandte Informatik und Formale Beschreibungsverfahren. Wir Karlsruher Kollegen sind immer begeistert von seinen Vorträgen (und von ihm!). 1971 hatten wir ihn trotz eines BEST TEACHING AWARDs in Calgary von Calgary nach Karlsruhe berufen können. Er blieb 7 Jahre.

Seit 1971 blüht und gedeiht das Institut. Wenn ich ab – sagen wir – 1975 von Z.z.Z. in den USA und Kanada war und dort Computer Science-Kollegen traf und Karlsruhe erwähnte, hörte ich stets: Ach, sind da nicht Maurer und Goos? Später hörte ich auch häufig einige der Namen Ottmann, Beth, Deussen, Studer, Stucky und Albert. Als Karlsruher hatt’ ich meine Freude dran.

Apropos Teufel.

Also, Hermann und ich sitzen ja gerade im Faust I und Mephistopheles wird gleich die Bühne betreten. Gerade hören wir Faust:

Er will das heilige Original aufschlagen,
um’s in sein geliebtes Deutsch zu übertragen.

Er sagt:

„Geschrieben steht: im Anfang war das Wort.
Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?“

Ich denke: Das Wort kann Träger von Information sein, und seh’ mir Hermanns Gesicht an. Was denkt er gerade? Wozu am Anfang WORT und INFORMATION? Es gibt ja noch keine Menschen, warum soll Gott Wort und Information schon jetzt in die Welt bringen? Am Anfang befasst sich Gott vielleicht mit der Vorbereitung des URKNALLS, es gibt noch keine Masse, Energie und keinen Raum. Stellen Sie sich bitte vor:

Am Anfang

ist nur EIN STEIN,
unendlich klein,
unendlicher Masse,
doch kein Raum, keine Trasse.

Dann knallt’s: Der unendlich kleine Stein explodiert, unendliche Energie wird frei, Licht und Raum entstehen, und dabei dröhnen die WÖRTER:
E ist gleich m mal c im Quadrat
E ist gleich m mal c im Quadrat ...

Die WÖRTER braucht’s nicht. Es gibt ja noch keine Köpfe, keine Knallköpfe, die sie deuten, verarbeiten können. Während ich solche oder ähnliche Gedanken hinter Hermanns Stirn lesen möchte, fällt mir ein: Faust will ja das Neue Testament übersetzen. Da ist ja der Mensch schon da und empfänglich für das WORT, die INFORMATION. Aber was soll er damit anfangen, wenn er weder den Kontext noch den Inhalt ahnt?!

In diesem Moment hören wir Faust weitersprechen:

„Ich kann das WORT so hoch unmöglich schätzen,
ich muss es anders übersetzen,
wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin,
geschrieben steht: im Anfang war der Sinn."

Die ersten beiden Menschen, Adam und Eva,überleg’ ich, sprachen sogleich miteinander,sie verstanden die Wörter und deren Sinn, und sie wollten damit auch imponieren. Bei ihrer ersten Begegnung soll Adam auf Eva zugegangen sein:
MADAM ‘I’ M ADAM:

Eva beeindruckte es, dass er sich gleich vorstellte, noch dazu mit einem Palindrom. Sie antwortete knapp und präzise:
EVE.

Sie zeigte ihm, dass sie ihm gewachsen war. Und, denk’ ich bei mir, sie hatte die Kraft, vom Baum der Erkenntnis und der Fruchtbarkeit zu essen, obwohl ihr das von Gott, dem Herrn, verboten war. Während ich so denke, sagt vorne auf der Bühne Faust gerade zu sich selbst:

„Bedenke wohl die erste Zeile,
dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die KRAFT.“

Mit großer innerer Kraft, denk’ ich,schritt Eva zur Tat: Sie führte Adam zum Baum der Erkenntnis und Fruchtbarkeit. Führte sie ihn? Sie verführte ihn. Was für eine Tat!

Schon hör’ ich Faust sagen:

„Doch indem ich dieses niederschreibe,
schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat:
Und schreib getrost: Im Anfang war die TAT.“

Ich denke mir: Wer’s kann, tut es: Er/sie schreitet zur Tat. Aus den USA hab’ ich mitgebracht den Witz:

Who can, does.
Who cannot, makes administration.
Who is not good in administration, works in the information business.
Who is unsuccessful in the information business, teaches. (Das habe ich selbst hinzugefügt)
Who cannot teach, teaches teachers.
Who cannot teach teachers, makes research.

Lehren wird z. B. schlechtgemacht durch den Witz:

Student zu Professor: „Denken Sie nur, kürzlich hab’ ich von Ihrer Vorlesung geträumt.“ Der Professor freut sich über diese Information. Dann wieder der Student: „Und als ich aufwachte, saß ich tatsächlich drin.“

Für uns hier freilich ist mit den Wörtern:
TUEN
VERWALTEN
INFORMATIONEN NUTZEN
LEHREN
FORSCHEN

ein Gefühl des Aufsteigens verbunden.

Das geht recht gut hervor aus der folgenden Definition von WISSEN: WISSEN ist die Fähigkeit Informationen
– zu erkennen,
– einzuordnen,
– zu verarbeiten und zu veredeln (Wissensmanagement)
– zu vermitteln, in einen Gesamtzusammenhang zu stellen und im Kontext auftretende Fragen zu beantworten (Lehre)
– zu gewinnen (Experimente, Forschung),
– zu neuen Informationen zu verknüpfen, bzw. zu transformieren (Forschung, Wissensmanagement)

Übrigens: Dabei können auch Fehler/Irrtümer auftreten, was aber nicht unbedingt bedeutet, dass dann kein wissenschaftlicher Fortschritt eintritt.

Hierzu Erich Kästner:

Irrtümer haben ihren Wert,
jedoch nur hie und da,
nicht jeder, der nach Indien fährt,
entdeckt Amerika.
Zum Schluss nur ein Wort zur FUTURE OF COMPUTER SCIENCE. Sie kennen sie nicht, ich kenne sie nicht. Eine Prognose will ich aber doch machen und von ihr sogar behaupten, dass sie sicherer ist als die von Hermann Maurer, dass es 2030 auf dem Mond kommerziell genutzte Hotels geben wird.

Meine Prognose befasst sich mit dem Endknall. (Vorhin begann alles mit dem Urknall). Eine Art Endknall wird ja schon von Einigen prognostiziert. Sie sagen: Wenn das Wissen weiter so wächst, also in je sich halbierender Zeitspanne verdoppelt, also jede vorgegebene Größenordnung in immer weniger wachsender Zeit überschreitet, dann explodieren die zunehmend überlasteten Gehirne und Nervensysteme: ENDKNALL.

Meine Prognose: Diesen Endknall wird es nicht geben, weil:
a) Nur Wenige den Wunsch des Famulus Wagner haben werden: „Zwar weiß ich viel, doch möcht’ ich alles wissen.“ b) Weil Viele damit zufrieden sein werden, in einem immer kleiner werdenden Ausschnitt eines Wissensgebietes immer tiefer zu bohren (und hoffentlich Einige – von einzelwissenschaftlichen Details abstrahierend - Gesamtzusammenhänge durchdenken).
c) Weil Viele sich vor der Informationsüberflutung schützen werden durch ABSCHALTEN und durch ZURÜCK ZUR NATUR, zu Wald, Wind und Wasser mit Kontaktunterbrechung zum World Wide Web. Während der URKNALL ALLE(S) umfasst, wird ein ENDKNALL nur auf WENIGE explodierende Köpfe beschränkt sein, KNALLKÖPFE eben …