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Kika geht nach Afrika#

Arbeitsplätze in Österreich bleiben#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 27. Juni 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Sophia Freynschlag


Möbelhändler wird von südafrikanischer Steinhoff-Gruppe übernommen.#

Kika und Leiner
Nicht mehr in Familienbesitz: Der Möbelhändler wurde in vierter Generation geführt.
© apa/Fohringer

St. Pölten. Der zweitgrößte Möbelhändler des Landes ist bald in südafrikanischer Hand: Die Kika/Leiner-Gruppe wird zu 100 Prozent von der in Johannesburg börsenotierten Steinhoff-Gruppe übernommen. Aufsichtsratspräsident Herbert Koch bestätigte am Mittwoch, was im April als Gerücht die Runde machte. Die Verträge wurden bereits unterzeichnet, nun müssen noch die europäischen Kartellbehörden dem Eigentümerwechsel zustimmen. Das Closing wird in zwei bis drei Monaten erwartet. Der Kaufpreis soll laut Bankenkreisen 500 bis 600 Millionen Euro betragen.

"Als in diesem Land groß gewordenes Familienunternehmen war es für uns auch entscheidend, dass mit dem neuen Eigentümer der Erhalt der Marke, Kontinuität und Sicherheit für die Arbeitsplätze gegeben sind", sagt Herbert Koch. Die Kika/Leiner-Gruppe "wird auch zukünftig ihre eigenen Einrichtungshäuser mit starken lokalen Marken führen", teilt Steinhoff-Chef Markus J. Jooste mit. Kündigungen haben die 7500 Mitarbeiter laut PR-Berater Wolfgang Rosam nicht zu befürchten. Genauso wenig seien hierzulande Standorte in Gefahr.

"Kein Sanierungsfall"#

Kika hat zuletzt stark in Osteuropa expandiert, die Erwartungen haben sich dort aber nicht erfüllt: Im Geschäftsjahr 2012/13 (per Ende Februar) schrieb der Möbelhändler elf Millionen Euro Verlust. Bei Leiner ist das Ergebnis von fast 14 Millionen auf 5,4 Millionen Euro gesunken. Mit 73 Standorten in sieben Ländern machte das Unternehmen zuletzt 1,2 Milliarden Euro Umsatz.

"Kika/Leiner ist kein Sanierungsfall", betont der für das Unternehmen tätige PR-Berater Rosam. Die Familie stand demnach vor der Entscheidung, viel Geld für eine Expansion nach Westeuropa in die Hand zu nehmen, oder ein "attraktives Angebot eines finanzstärkeren und börsenotierten Partners" anzunehmen.

"Der Möbelhandel ist längst global geworden, und mit der Steinhoff-Gruppe ist Kika/Leiner nun wesentlicher Teil einer vielversprechenden Expansions-Strategie", sagt Herbert Koch, der selbst aus dem Traditionsunternehmen ausscheidet. Sohn Paul Koch, der den Familienbetrieb in vierter Generation führt, bleibt unter dem neuen Eigentümer Geschäftsführer, ebenso wie Peter Kickinger. Zwei der zuvor vier Manager sind vor kurzem aus dem Unternehmen mit Sitz in St. Pölten ausgeschieden.

Auf Einkaufstour in Europa#

Die Steinhoff-Gruppe baut seit 2000 ein Möbelimperium in Europa auf, durch den Kauf der französischen Möbelgruppe Conforama 2011 zählt das Unternehmen mit deutschem Ursprung neben Ikea zu den führenden Anbietern in Europa. Steinhoff erwirtschaftet mit weltweit 80.000 Mitarbeitern zwei Drittel seiner Erträge aus dem Möbelhandel und ein Drittel unter anderem aus Möbelproduktion und Logistik. Bei einem Jahresumsatz von zuletzt 6,8 Milliarden Euro betrug das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit 585 Millionen Euro.

Kika/Leiner-Statistik
© Wiener Zeitung

Als Möbelhändler war Steinhoff bisher in Österreich nicht präsent, seit rund 20 Jahren beliefert das Unternehmen allerdings Kika/Leiner. Durch die Übernahme rechnet die Möbelkette mit besseren Einkaufskonditionen.

Laut Rosam stehen die Zeichen auf Expansion - möglicherweise auch in Westeuropa. Der heimische Marktführer Lutz verfügt beispielsweise seit Jahren über Filialen in Deutschland. Zu Leiner gehören in Österreich 18 Geschäfte, Kika hat 32 Einrichtungshäuser in Österreich und 23 Standorte in sechs südosteuropäischen Ländern: Ungarn, Tschechien, Slowakei, Kroatien, Serbien und Rumänien. Kroatien bleibt weiterhin das Sorgenkind für die Möbelkette, in den übrigen südosteuropäischen Ländern ist der Umsatz laut Rosam zuletzt gestiegen, und auch in Österreich laufe es gut.

Flaute im Möbelhandel#

Im heimischen Möbelhandel sind keine großen Sprünge zu machen. Der Branchenumsatz von 4,4 Milliarden Euro bewegt sich kaum vom Fleck, das Welser Unternehmen Lutz mit seinen Marken XXXLutz, Mömax und Möbelix sowie der Branchenzweite Kika/Leiner teilen sich 55 Prozent des Marktes auf. Als Dritter folgt mit Abstand das schwedische Einrichtungshaus Ikea. Stark expandieren derzeit Wohnaccessoire-Anbieter wie Butlers, Depot und seit kurzem auch H&M Home. Um am Geschäft mit Dekoartikeln mitzuverdienen, bieten auch klassische Möbelhändler zunehmend Accessoires und Pflanzen an.

Information#

1910 wurde das erste Leiner-Haus in St. Pölten von Rudolf Leiner sen. gegründet. Nach seinem Tod 1940 übernahm Sohn Rudolf das Unternehmen. Die Idee zur Gründung von Kika kam 1973 von Schwiegersohn Herbert Koch. 2008 übergab er die Führung an seinen damals 30-jährigen Sohn Paul und zog sich in den Aufsichtsrat zurück.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 27. Juni 2013