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Minimierung von Konflikten#

Das Wiener "Universitätszentrum für Friedensforschung" (UZF) arbeitet seit 1973 an den Grundlagen des friedlichen Zusammenlebens der Völker.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung am Samstag, 25. Juli 2009 freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

Norbert Leser


Das Universitätszentrum für Friedensforschung (UZF) wurde 1973 gegründet, Gründungspräsident war der Philosoph Leo Gabriel, der aber auch ein Standbein an der katholisch-theologischen Fakultät hatte, an der das neue Institut bis 1995 (als ich Präsident wurde) angesiedelt war. Leo Gabriel ist in die Geschichte der österreichischen und der europäischen Philosophie als Vertreter eines als "Integralismus" – mit einer ihr korrespondierenden integralen Logik – bezeichneten Systems eingegangen.

Gabriels Integralismus war der Versuch, verschiedene Denkansätze zusammenzuführen und sich der Wahrheit, die ja der Zentralbegriff der Philosophie ist, durch konzentrierte und konzertierte Denkbemühungen anzunähern. Die christliche Philosophie war der geistige Hintergrund und Nährboden von Gabriels Denken, welches er in das von ihm aufgrund einer Initiative von Papst Paul VI. gegründete Institut einbrachte. Doch wies dieses Institut keine konfessionell verengte Struktur auf, sondern bemühte sich, vor allem den Dialog zwischen Christentum und Marxismus als zwei konkurrierenden, aber auch konvergierenden geistigen Mächten in Gang zu bringen.

Die anmaßende Macht#

Ähnlich wie die Paulusgesellschaft, die ein Parallelphänomen in den siebziger und achtziger Jahren war, veranstaltete das Institut zahlreiche Tagungen und Symposien, um deren Zustandekommen sich vor allem der Pastoraltheologe Rudolf Weiler verdient gemacht hat. Als dieser Dialog begann, schien der staatlich gestützte dialektische Materialismus noch alle Trümpfe in der Hand zu haben, trat der Marxismus doch von Anfang an mit dem Anspruch auf, die Zukunft für sich gepachtet zu haben.

Doch die proklamierte Unbesiegbarkeit der Macht war wie alles Menschenwerk trügerisch und anmaßend, war trotz staatlicher Förderung innerlich hohl und ist daher 1989 zusammengebrochen. Die Bemühungen um beiderseitiges Verständnis waren dennoch nicht vergeblich gewesen und vertan, wie ja der Geist in der Geschichte überhaupt auf Umwegen wirkt und nicht selten die von Hegel apostrophierte "List der Vernunft" offenbart. Auch das Diktum Hegels, dass die Eule der Minerva als Symbol der Vernunft erst in der Dämmerung ihren Flug beginnt, weist in diese Richtung.

War mit dem Wegfall des christlich-marxistischen Dialogs dem UZF zwar eine Form des Dialogs abhanden gekommen, konnte und kann sich aber die Friedensforschung über einen Mangel an Themen nicht beklagen. Das Institut konnte seine Forschungstätigkeit auch in den neunziger Jahren (als es zur Transferierung an die Grund- und Integrativwissenschaftliche Fakultät als eine der Nachfolgeorganisationen der alten Philosophischen Fakultät kam) und kann sie bis auf den heutigen Tag unter erschwerten Bedingungen fortsetzen. Diese Fortsetzung und Erweiterung der Perspektiven war nur möglich, weil sich Sigrid Pöllinger als Generalsekretärin tatkräftig für das Zentrum einsetzte und seine Aufrechterhaltung ermöglichte. Hofrätin Sigrid Pöllinger repräsentierte die internationale Vernetzung und Verflechtung des Zentrums. Sie ist seit 1973 immer wieder als Mitglied der Delegation des Heiligen Stuhls bei Weltkonferenzen der Vereinten Nationen in Wien eingesetzt worden, seit 1985 ist sie Mitglied der österreichischen Delegation der KSZE/OSZE, seit 2000 ist sie als Botschaftsrätin des Souveränen Malteserordens bei den Vereinten Nationen in Wien tätig, seit Jahrzehnten hält sie Lehrveranstaltungen an den Universitäten Wien und Klagenfurt, am York College in York, USA, an der Universität Kobe, Japan, und seit 2007 auch in Pressburg.

Die vom UZF – das übrigens bei den Vereinten Nationen in New York Konsultativstatus besitzt – durchgeführten Symposien und Tagungen waren einer Vielfalt von aktuellen Themen und Perspektiven gewidmet und fanden stets unter reger Beteiligung in- und ausländischer Wissenschafter und Politiker statt. (USA, Japan, die Niederlande und die BRD waren ständig vertreten.)

Der Friedensprozess, der die Welt der Idee vom "ewigen Frieden" (Immanuel Kant) nahe bringen soll, hat vor allem in Europa große Fortschritte gemacht. Die Gründung und Erweiterung der Europäischen Union hat dafür gesorgt, dass es wenigstens innerhalb Europas keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr gibt.

Ausgehend von der Beendigung des alten deutsch-französischen Konflikts, zunächst durch wirtschaftliche, später auch durch politische Konsultationen, hat sich Europa zu einem Gegenkonzept gegenüber den Erbfeindschaften der Vergangenheit entwickelt, das an Macht und Schlagkraft nur von den Vereinigten Staaten übertroffen wird – wenngleich neue Mächte wie China und Indien nun in den Vordergrund der Weltbühne drängen. Freilich gibt es auch in Europa noch immer virulente Probleme: Der nationale Egoismus ist auch durch die Existenz supranationaler Organisationen keineswegs obsolet geworden. Europa hat seinen eigenen Weg zwischen den Möglichkeiten eines Bundesstaates und eines bloßen Staatenbundes noch nicht gefunden und ist vor Rückschlägen nicht gefeit.

Jedenfalls gilt es, die internationalen Verbindungen aufrecht zu erhalten und zu pflegen. Gerade die gegenwärtige Finanzkrise macht deutlich, dass es weltweiter Strategien bedarf, um der neuen Situation Herr zu werden und der globalisierten Struktur der Weltwirtschaft Rechnung zu tragen. Die Symposien und Tagungen des UZF sind daher raum- und grenzübergreifenden Themen gewidmet, wie etwa der Sicherheitspolitik oder den Problemen einer globalisierten Welt und Wirtschaft.

So hat sich im Mai 2009 ein im "Haus der Industrie" veranstaltetes, international besetztes Symposium mit der "Krisenbekämpfung in einer globalisierten Welt. Auf dem Weg in eine neue Finanzordnung" befasst.

Publikationen#

Die eigentliche Visitenkarte einer Organisation ist und bleibt jedoch das Publikationsorgan, mit dem es an die Öffentlichkeit tritt. Im Falle des UZF sind es die vierteljährlich erscheinenden "Wiener Blätter zur Friedensforschung" – für die Redaktion ist seit mehr als 20 Jahren ebenfalls Sigrid Pöllinger zuständig, die zudem viele Beiträge geliefert hat. Diese Blätter sind eine Fundgrube fundierter Beiträge, die von Experten aus aller Welt verfasst wurden. Die Zeitschrift druckt die alljährliche Weltfriedensbotschaft des Heiligen Vaters ab, sowie eine Auswahl von auf verschiedenen Tagungen gehaltenen Referaten. Darüber hinaus gibt es ein breites Spektrum in- und ausländischer Persönlichkeiten, die sich zu Fragen von supranationaler Relevanz äußern.

Zu den markanten Persönlichkeiten des Inlandes, die in den "Wiener Blättern" immer wieder zu Worte kommen, zählt der bereits im Ruhestand befindliche, aber immer noch aktive Botschafter Helmut Liedermann, Zweiter Vorsitzender des UZF seit 1997, der heute noch als Botschafter des Souveränen Malteserordens bei den Vereinten Nationen in Wien tätig ist.

Gleich anderen ähnlichen Institutionen leidet das UZF unter der spärlichen finanziellen und ideellen Unterstützung durch staatliche Organisationen und private Sponsoren. Die aktuelle Finanzkrise und die dadurch ausgelöste neue Sparsamkeit erschweren es dem Institut, seine zahlreichen, vielseitigen Initiativen durchzuführen.

Es wäre schade, wenn kleinere, doch sehr aktive Vereine und Organisationen dem Sparstift zum Opfer fielen, denn es kann doch gar nicht genug geforscht und getan werden, um die auf der Hand liegenden Themen im Zusammenhang mit der Herausbildung einer internationalen Friedensordnung zu behandeln und ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Denn das Ende des Kalten Krieges und des Ost-West-Konflikts hat nicht zu einer weltweiten Durchsetzung des Friedensgedankens geführt, den "ewigen Frieden" wird es auf Erden wohl nicht geben (können). Doch sind wir alle verpflichtet, unseren Beitrag zur Minimierung von Konflikten und der Tilgung von politischen Brandherden zu leisten. Das Bewusstsein, dass wir seit geraumer Zeit in einer Welt leben und daher zusammenrücken müssen, muss vertieft und in allen Bereichen zur Geltung gebracht werden. Die neue Medienwelt kann der Errichtung dieses globalen Zieles förderlich sein, führt aber nicht automatisch zu internationaler Harmonie, wenn nicht der Wille zur Kooperation hinzutritt und die erweiterten Möglichkeiten auf sinnvolle Weise nützt.

Literaturhinweis#

2002 schrieb Patrick Horvath seine Diplomarbeit an der Universität Wien über das "Universitätszentrum für Friedensforschung".

Wiener Zeitung, Samstag, 25. Juli 2009