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Kein Frieden am Heldenplatz#

Ist über den Standort für ein Haus der Geschichte schon entschieden oder nicht? Die Kritiker stehen jedenfalls bereit.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 23. Juni 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Ina Weber


Der geschichtsträchtige Balkon soll laut Historiker Oliver Rathkolb das Zentrum des Hauses der Geschichte werden
Der geschichtsträchtige Balkon soll laut Historiker Oliver Rathkolb das Zentrum des Hauses der Geschichte werden. © apa/Hochmuth

Wien. Eine hitzige Debatte fand am Montagabend im zukünftigen Haus der Geschichte - Neue Burg - am Heldenplatz statt. Historiker Oliver Rathkolb stellte die neuesten Pläne und Konzepte für die Realisation vor, die Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) Anfang des Jahres in Auftrag gab. Im Publikum saßen weniger Befürworter als vielmehr Vertreter der in der Hofburg untergebrachten Sammlung alter Musikinstrumente, die aufgrund des geplanten Umbaus weichen müsste, Kritiker des Standortes und Bürger-Initiatoren, die rund 6000 Unterschriften gegen die neuen Pläne sammelten. Diese seien vom Minister und von Rathkolb einfach in den Papierkorb geschmissen worden, erzürnte sich ein älterer Herr.

Fertiges Konzept im Herbst#

Aber von vorne: Zur Veranstaltung im Weltmuseum - ehemaliges Völkerkundemuseum - lud die Österreich-Sektion des Museumsbunds Icom mit deren Präsidentin Danielle Spera. Historiker Rathkolb präsentierte den neuesten Stand der Planung: Der internationale Historiker-Beirat, der in den vergangenen Monaten von Rathkolb selbst zusammengestellt wurde, konkretisierte das Vorhaben. Das fertige Konzept soll dann im Herbst vorgestellt werden. Im Sommer gehe es nun vorwiegend darum, eine Grobschätzung der Baukosten vorzunehmen. Das aktuelle Konzept im Detail:

Die Republikanische Barriere 1918 wird durch die Perspektive 20./21. Jahrhundert ersetzt. Auch das späte 19. Jahrhundert soll beleuchtet werden. Es geht auch um erste Globalisierungsschritte. Der Gegenwartsbezug ist bei allen historischen Ereignissen wichtig.

Ort ist die Neue Burg. Es gibt aber noch offene und ungeklärte Raumfragen. Die Alte Musikinstrumentensammlung auf derzeit 1700 Quadratmetern soll für das neue Haus der Geschichte umgesiedelt werden. Teile des nun bereits redimensionierten Weltmuseums - das ehemalige Völkerkundemuseum - werden als Räumlichkeiten verwendet.

Für das geplante Haus der Geschichte soll eine Neuorganisation unter Federführung der Österreichischen Nationalbibliothek geschaffen werden.

Erstmals seit dem Jahr 1919 gibt es für das geplante Haus einen wissenschaftlichen Beirat mit internationaler Beteiligung.

Historiker Rathkolb
Historiker Rathkolb
© apa/Hochmuth

Das Haus der Geschichte kann auf keine eigene Sammlung zurückgreifen. Es ist auf Leihgaben anderer Häuser angewiesen. "Wir werden einen entsprechenden Weg finden", so Rathkolb dazu. "Wir sind uns bewusst, dass wir mit Kooperationspartnern arbeiten müssen."

Soweit die bisherigen Fixpunkte. Für Rathkolb ist der gewählte Standort in der Neuen Burg geeignet. Vor allem der geschichtsträchtige Balkon, auf dem Hitler im Jahr 1938 den Anschluss verkündete, sollte als zentraler Teil des Hauses der Geschichte fungieren. Das Bild vom Balkon aus zeige alles, was es für ein Haus der Geschichte braucht: die demokratiepolitische Achse - das Rathaus, das Parlament, der Heldenplatz. "Wir wünschen uns, dass der Balkon nicht mehr länger nur eine Filmkulisse ist", so Rathkolb.

Nicht alle Podiums-Diskutanten stimmten dem Historiker zu. Renate Goebl, Vize-Direktorin der KulturAgenda - das Kulturagenda Institut ist international ausgerichtet und unterstützt Museen und Kulturinstitutionen auf ihrem Weg -, hält von dem gewählten Standort nicht allzu viel. Ein Haus der Geschichte könne im ohnehin schon sehr chaotischen Konstrukt einer Hofburg keine eigene Identität entwickeln. Auch wäre der Standort für Jugendliche nicht besonders anziehend. "Der Standort ist am ungeeignetsten, um Demokratieentwicklung zu zeigen", so Goebl. Der Plan sei lediglich eine Fortsetzung der Kompromisse und Provisorien der vergangenen Jahrzehnte. Goebl plädierte für einen Neubau beispielsweise am Heldenplatz. Ein großer Teil des Publikums applaudierte bei ihrem Vorschlag. Andere riefen "Sicher nicht" dazwischen. Goebl schloss damit, dass die Kosten bei der Einrichtung in der Hofburg doch so hoch sein würden, dass man gleich einen Neubau errichten könnte. Das empfand der Historiker gar nicht so. Für ihn stand fest: "Wir gehören nicht auf die grüne Wiese." Und "fad für die Jugendlichen?" "Im Gegenteil", rief Rathkolb, die Nationalbibliothek sei hipp - da gehe man gerne hin, um zu lernen.

Weltmuseum-Chef Engelsman
Weltmuseum-Chef Engelsman
© apa/Hochmuth

Für einen Blick über die Grenzen Österreichs sorgte Hans-Martin Hinz, Präsident von Icom International. Hinz erzählte, wie es möglich geworden ist, dass es in Berlin und Bonn ein Haus der Geschichte gibt, die beide sehr gut funktionieren würden. "Der Bund stellte Infrastruktur zur Verfügung, ohne andere Einrichtungen zu belasten. Jedes Jahr gab er eine hohe Summe an Geld, damit die Häuser auch eine eigene Sammlung aufbauen konnten", so Hinz. Wichtig sei vor allem gewesen, dass sich die Politik bei der inhaltlichen Konzeption herausgehalten hat. Hier, in Wien, scheinen ihm jedoch noch einige Themen ungelöst zu sein.

Überall auf der Welt ist laut Hinz der zentrale Standort eines solchen Hauses der Geschichte in der Nähe des politischen Zentrums - ob in Ottawa, in Wellington oder in Berlin. Als negatives Beispiel wird Tokio genannt, wo das Haus der Geschichte in einem Vorort gebaut wurde, der eine Zugstunde von Tokio entfernt ist. Die Besucherzahl sei dementsprechend niedrig. Auch in Holland sei ein solches Haus auf der grünen Wiese weit weg von der Stadt gebaut worden. Es wurde bereits aufgegeben.

An jenem Abend schien es so, als stehe das Projekt auf wackeligen Beinen. Den Vorwurf des Publikums, dass die Politik über die Köpfe der Bürger entschieden habe, wies Rathkolb zurück. Ostermayer habe nichts entschieden. Der Vorschlag, das so zu machen, sei von Sabine Haag, der Direktorin des Kunsthistorischen Museums gekommen. Zum Leidwesen des Direktors der Hofjagd- und Rüstkammer und der Sammlung der alten Musikinstrumente des KHM Wien, Matthias Pfaffenbichler. "Warum müssen die alten Musikinstrumente weichen? Warum kann man nicht vorhandenen leeren Raum nutzen und das Internet?", so Pfaffenbichler.

Icom-Präsident Hinz
Icom-Präsident Hinz
© apa/Hochmuth

Pläne und Meinungen gibt es demnach viele. Ob die Pläne des internationalen Beirats rund um Historiker Rathkolb und schlussendlich des Kulturministers Ostermayer realisiert werden können, wird nicht zuletzt die Höhe der Baukosten entscheiden, die bis zum Herbst fixiert werden soll. Die kolportierten Schätzungen liegen zwischen 25 bis 60 Millionen Euro. Es brauche aber noch demnächst eine Entscheidung des Kunsthistorischen Museums über die Räumlichkeiten.

Bis zum Jahr 2022 soll eine neue Lösung für den Heldenplatz gefunden werden. Denn dann wird das Container-Dorf am Heldenplatz für das Parlament, welches saniert wird, wieder abgesiedelt sein. Vorschläge sind etwa der Bau einer Tiefgarage unter dem Platz. Auch der Umbau des äußeren Burgtors ist angedacht. Die dort untergebrachte Ehrenhalle hält noch genug Raumreserven bereit. Das Kunsthistorische Museum wünscht sich schon seit langem einen Besucher-Tunnel vom Maria-Theresien-Platz unter dem Burgring bis zur Hofburg. Die Österreichische Nationalbibliothek will einen Tiefenspeicher. Doch ein großes Konzept für den gesamten Raum gibt es nicht. Für Martin Fritz, Berater und Publizist in Wien, der ebenfalls am Podium saß, ist auch genau das der Haken bei der Sache. "Die Frage muss sein, wo geht man in fünf oder zehn Jahren hin?" Darauf brauche es eine Antwort. Denn die meisten Wiener würden nicht einmal wissen, was sich etwa hinter dem berühmten Balkon verbirgt. "Eigentlich geht es um ein zweites Museumsquartier", ergänzt der Direktor des Weltmuseums Steven Engelsman. Das sei vielmehr die Vision.

Wiener Zeitung, Dienstag, 23. Juni 2015