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Neubeginn in kalten Räumen#

In der unmittelbaren Nachkriegszeit herrschten an der Wiener Universität Mangel und Kälte, aber es grassierte auch ein unbändiger Bildungshunger. Persönliche Erinnerungen an die Studienjahre 1946 bis 1950.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 7./8. Februar 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Friedrich Weissensteiner


Blick auf das beschädigte Hauptgebäude der Wiener Universität (1945)
Blick auf das beschädigte Hauptgebäude der Wiener Universität (1945).
© Votava/Imagno/picturedesk.com

Die Dämmerung hat bereits ihren grauen Schleier über die Stadt gebreitet, als mein Freund, den ich seit Kindheitstagen kenne, und ich an einem eiskalten, frühen Märztag des Jahres 1946 nach stundenlanger Fahrt in einer verschmutzten, überfüllten Eisenbahngarnitur auf dem Wiener Nordwestbahnhof ankommen. Inmitten einer drängenden Menschenmenge treten wir durch die hässliche Bahnhofshalle auf die Straße hinaus und halten Ausschau nach der nächsten Straßenbahnhaltestelle.

Ringsum bietet sich uns ein trostloser Anblick: zu Eisklumpen gefrorene Schneehaufen am Straßenrand, eine Häuserfront mit blickleeren Fenstern, Bombenruinen. Nach längerem Warten bimmelt endlich eine Straßenbahn heran. Wir steigen ein. Nach mehrmaligem Umsteigen erreichen wir das angepeilte Ziel: Wieden, Margaretenstraße 34. Russische Besatzungszone. Ein altes, verrostetes, schmiedeeisernes Haustor, ein schmaler, langer Gang, ein Innenhof, ein zweiter Trakt, rechts, erster Stock. Wir sind angekommen.

Wohnen in der Enge#

Ich betätige die Klingel. Drinnen sind ein paar schlurfende Schritte zu hören, die Tür wird einen Spalt geöffnet. Eine alte Frau blinzelt heraus. "Guten Abend, Frau Trampusch, wir sind die neuen Untermieter", sage ich. "Guten Abend, kommen Sie weiter", böhmakelt sie zischend durch ein schlecht sitzendes Gebiss und zeigt uns unsere Unterkunft.

Es ist ein enger Raum, etwa zwölf Quadratmeter klein. Das altmodische Mobiliar besteht aus je einem Messingbett an den beiden Längsseiten, einem Hängekasten mit einer Ablage für die Leibwäsche und die Schuhe, einem Tisch, zwei Sesseln, einem Waschtisch und einem schadhaften Kachelofen. Das einzige Fenster schaut auf einen Innenhof und gibt den Blick frei auf ein kleines Stückchen Himmel. Fließwasser und Toilette sind im Vorzimmer. In dieser Studentenbude werden wir die nächsten vier Jahre verbringen. Wir packen unsere spärlichen Habseligkeiten aus.

Am nächsten Tag führt mich mein erster Weg hinüber in die Linke Wienzeile, wo eine Tante in der Nähe des Theaters an der Wien mit ihrem Mann ein kleines Gasthaus führt. Sie heißt mich herzlich willkommen. Der Onkel, den ich zum ersten Mal sehe, reicht mir die Hand und sagt: "Aha, der Student aus dem Waldviertel ist da". Ich darf jeden Morgen zwischen sieben und halb acht Uhr frühstücken kommen. Später versorgt man mich auch mit einem Mittag- und Abendessen. Es ist eine unschätzbare Unterstützung, die mich großer materieller Sorgen enthebt.

Die Universität, meine zukünftige Bildungsstätte, ist für mich eine Terra incognita. Ich benötige Orientierungshilfe. "Geschichte und Englisch wollen Sie studieren? Geradeaus weiter, dann rechts, über die Stiegen hinauf zum philosophischen Dekanat", weist mich der Pedell ein. Ich stelle mich am Ende einer langen Schlange an, weise dann zur Immatrikulation meine Papiere vor: Geburtsurkunde, Identitätsnachweis, Maturazeugnis.

Das NS-Regime hat sich meiner Wehrkraft bedient und mich nach der Absolvierung der sechsten Klasse am 1. August 1943 zum Luftwaffenhelfer gemacht. Ich wurde dual ausgebildet, schulisch und militärisch. An den Vormittagen versuchten uns alt gediente Professoren in Offiziersuniform, immer wieder und immer öfter von Fliegeralarm unterbrochen, in einer zum Klassenzimmer umfunktionierten Baracke in einigen Unterrichtsfächern (Englisch ist nicht darunter) den Leerstoff, pardon, den Lehrstoff der siebenten Klasse nahe zu bringen.

An den Nachmittagen übten wir an einer 8,8 cm Flugabwehrkanone, wie man feindliche Bomber abschießt. Für meine kargen schulischen Leistungen als Flakhelfer erhielt ich ein Luftwaffen-Abgangszeugnis mit einer Reifeprüfungsklausel, die zum Studium an der Hochschule berechtigt. Mein Wissenspegel bei der Inskription ist so seicht wie der Tiefstand eines Flusses nach einer längeren Trockenperiode. Aber ich habe einen unbändigen Bildungshunger.

Über die Studienbedingungen informiert mich in groben Zügen eine freundliche Sekretärin im Institut für Geschichte. Ich muss ein paar Proseminare absolvieren, danach Seminare, Pflichtvorlesungen besuchen. Ich erstelle für das erste Semester (später auch für alle übrigen) einen Arbeitsplan. Welcher Professor, in welchem Hörsaal, zu welchem Zeitpunkt über welches Thema liest, ersehe ich aus zumeist handgeschriebenen Anschlägen. Die einzelnen akademischen Veranstaltungen müssen in einem Studienbuch festgehalten werden. Hierauf wird die jeweilige Studiengebühr vorgeschrieben. Im Hörsaal 41 erlebe ich im März 1946 meine erste Vorlesung auf akademischem Boden. Der Saal ist zum Bersten voll. Professor Pivec muss sich den Weg zum Vorlesungspult bahnen. Er liest einen Text mit klarer, gut vernehmbarer Stimme monoton aus seinem Manuskript ab. Geschichte des Mittelalters.

Mit Stift und Schulheft#

Ich habe rechtzeitig einen Sitzplatz ergattert und halte, zwischen meinen Nachbarn eingezwängt, stenographisch mit Bleistift in einem linierten Schulheft fest, was mir wichtig erscheint. Die Niederschrift lese ich in der Bude mehrmals durch, versuche mir manches einzuprägen, rekapituliere die ganze Vorlesung am Semesterende und lege ein Kolloquium darüber ab. Das ist mein Rezept, das ich bis zum Ende meines Studiums durchziehe. Skripten kann ich mir nicht leisten.

In den Proseminaren und Seminaren werde ich wissenschaftlich ausgebildet, lerne den Umgang mit historischen Quellen, werde in die Anfangsgründe der Paläographie, der Urkundenlehre, der Heraldik und Numismatik eingeführt. In den Vorlesungen über griechische, römische, österreichische und neuere Geschichte stopft man unsere Köpfe mit Detailwissen voll. Nach der schiefen Schlachtordnung der Spartaner in der Schlacht bei Leuktra, der Persönlichkeit und dem Werk Thomas Ebendorfers, einem Lieblingsthema von Professor Alfons Lhotsky, und der Bedeutung der jungtürkischen Revolution in der Annexionskrise des Jahres 1908 kräht im Geschichtsunterricht am Gymnasium dann kein Hahn. Zeitgeschichte wird nicht gelehrt. 1908 ist historische Endstation.

In der Anglistik ist die Ausbildung praxisbezogener. Ich erhalte eine ausgezeichnete phonetische Ausbildung, es gibt Sprech- und Übersetzungsübungen, ein Praktikum für Sprach- und Realienkunde. Der Lehrstuhl ist vakant. Erst im Wintersemester 1948 wird die Professur besetzt. Professor Hibler hält seine Literaturvorlesungen in englischer Sprache. Ein bemerkenswertes Novum.

Die pädagogische Ausbildung beschränkt sich auf die Darbietung wissenschaftstheoretischer Erziehungsfragen. Es fehlt jeder Bezug zur erzieherischen Praxis. Das wäre ja noch schöner, wenn ein Gymnasiallehrer auch noch pädagogisch ausgebildet werden soll. Lediglich im siebenten Semester darf ich am Bundesgymnasium in der Schottenbastei ein bisschen Schulluft schnuppern.

Die Lebensverhältnisse sind trist und verschlimmern sich im Wintersemester 1946/47 sogar noch. Neben den alliierten Machthabern regiert General Frost das Land. Es herrscht ein ungeheurer Mangel an Brennstoffen und Lebensmitteln, aber ich muss keinen Hunger leiden. Unter dem Erbsen- und Kartoffelpüree, das mir die Tante mittags serviert, ist ab und zu ein Stückchen Wurst oder Fleisch verborgen. Auch bekleidungsmäßig bin ich gut gerüstet. Die Mutter hat mir einen Wintermantel besorgt. Er ist vollkommen altmodisch. Aber es kümmert mich nicht. Hauptsache, er wärmt. Ich bin mit Hut, Schal, Ohrenschützern, Fäustlingen, langen Unterhosen und alten Militärschuhen ausgestattet. Dunkelgrüne amerikanische Militärhemden und eine khakifarbene Hose vervollständigen mein Outfit.

Da die Hörsäle nicht oder schlecht beheizt sind, lege ich nur Hut und Fäustlinge ab und mache meine Notizen. Der Körper friert, aber der Geist ist wach. Auch in der Bude geben sich die Eisbären ein Stelldichein. Ich sitze auch dort vollkommen bekleidet beim Tisch und "studiere" meine Niederschriften. Das wenige Brennmaterial, das wir aufgetrieben haben, wärmt den Raum für ein paar Stunden nur notdürftig.

Auch dieser harte Winter geht zu Ende. Ich setze mein Studium in den nächsten Jahren unbeirrt und zielorientiert fort. Freizeitvergnügungen gehe ich nicht nach. Ich habe keine Zeit dazu und könnte sie mir auch gar nicht leisten. Der Vater ist 1948 arbeitslos. Ich muss mein Studium so rasch wie möglich abschließen. Trotzdem entschließe ich mich dazu, auch noch das Doktorat zu machen. Das erfordert zusätzliche Arbeit, auch wenn mir von der Universitätsbehörde im "Zuge der Wiedergutmachung als Kriegsteilnehmer ein Semester erlassen wird". Ich muss die Dissertation am Ende des siebenten Semesters einreichen. Diesen Termin muss ich einhalten.

Geistige Wärmestuben#

In den letzten drei Studiensemestern suche ich für die Vorbereitung der Abschlussprüfungen in der Anglistik nun oft das British Council und das Amerikahaus auf, die als geistige Wärmestuben vorzüglich geeignet sind. Für die Abfassung der Dissertation sind Archive und Bibliotheken meine Arbeitsstätten. Nach deren Approbation und nach Ablegung der Rigorosen werde ich am 27. Jänner 1950 im Auditorium maximum zum Doktor der Philosophie promoviert. Ich trete bei diesem Festakt zum ersten Mal an der Universität in einem Anzug auf. Der Tag hat sich natürlich in meine Erinnerung eingegraben. Die Promotionsurkunde, die mir ausgehändigt wird, tituliert mich, durchgehend in lateinischer Sprache, als einen "Vir clarissimus".

Von meinen Familienangehörigen und Verwandten kann niemand an der akademischen Feier teilnehmen. Es gibt keine Blumen und kein Festessen. Es ertönt kein Gaudeamus igitur. Als ich zum Mittagessen komme, sagt der Onkel: "Na also, der Herr Doktor ist da." Ich gehe hinüber in die Margaretenstraße und krieche ins Bett. Das wärmt. Vir clarissimus.

In den nächsten drei Wochen lege ich rasch hintereinander meine Lehramtsprüfungen ab. Jetzt macht es sich bezahlt, dass ich so viele Kolloquien abgelegt habe. Am 20. Februar 1950 stellt mir das Dekanat der Philosophischen Fakultät der Wiener Universität das Absolutorium aus.

Friedrich Weissensteiner, geboren 1927, war Direktor eines Wiener Bundesgymnasiums und ist Autor zahlreicher historischer Bücher, u.a. "Große Herrscher des Hauses Habsburg", "Berühmte Österreicher".

Wiener Zeitung, Sa./So., 7./8. Februar 2015