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Zwei Kuppeln über Ottakring#

Vor 125 Jahren wurde die Kuffner-Sternwarte eröffnet. Früher ein Forschungszentrum, ist sie heute - nach wechselvoller Geschichte - eine Institution der Wiener Volksbildung.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 12. November 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Pinter


Zwei-Kuppeln-Ottakring.jpg
Der Hauptgebäudetrakt der Sternwarte. Links die durchbrochene Fassade des Meridiankreissaals.
Foto: Pinter

Moriz von Kuffner will hoch hinauf: Der 1854 in Ottakring geborene Industriellensohn bezwingt einen Viertausender Europas nach dem anderen. Sein Vater Ignaz, eingewandert aus dem mährischen Lundenburg, hat die Ottakringer Brauerei erworben und zweimal als Bürgermeister amtiert. Er ist ein angesehener Wohltäter und wird schließlich in den Adelsstand erhoben. Als Ignaz 1882 stirbt, erbt Moriz die elterlichen Unternehmen, Immobilien und Sammlungen.

Moriz interessiert sich für Na-tionalökonomie, Philosophie und Literatur. Beim Studium der Technischen Chemie lernt er den Olmützer Geodäten und Astronomen Norbert Herz kennen. Der will die Präzision der irdischen Vermessungskunst hinauf an die Himmelskugel tragen. Herz inspiriert den reichen Moriz, ein privates Forschungsinstitut dafür zu gründen. Als Standort wählt Kuffner eine Liegenschaft auf dem Gallitzinberg, oberhalb des Ottakringer Friedhofs. Später wird man die bergauf führende Steinhofstraße in Johann Staud-Straße umbenennen.

Zweijährige Bauzeit#

Moriz wendet sich an den zehn Jahre jüngeren Architekten Franz von Neumann. Der hat, teils im Auftrag der Familie Kuffner, schon die Arkadenhäuser beiderseits des Wiener Rathauses realisiert. Auch die Rathäuser der nordböhmischen Städte Reichenberg und Friedland werden auf Neumanns Zeichenbrett entstehen, ebenso die Antonskirche in Favoriten und die Donaufelderkirche in Floridsdorf. Mit einer Sternwarte hat es der Architekt aber zum ersten Mal zu tun.

Neumann entwirft einen zweckorientierten, jedoch reizvollen Sichtziegelbau, zweigeschoßig und mit recht flachem Dach. Im Zentrum versteckt er einen 16 Meter hohen Kegel. Um Erschütterungen zu vermeiden, berührt der das restliche Gebäude nirgendwo. Neumann weiß: Darauf soll später das Hauptinstrument ruhen, geschützt von einer Drehkuppel mit sechseinhalb Metern Durchmesser. Säle für Spezialinstrumente, Arbeits- und Wohnräume sowie eine Dunkelkammer runden seinen Entwurf ab. Nach zweijähriger Bauzeit ist die Sternwarte im Herbst 1886 fertig.

Die ausgeklügelte Mechanik ihrer Instrumente stammt aus der Hamburger Traditionswerkstatt "Repsold und Söhne". Die Optik kommt aus dem ebenso gerühmten Münchner Haus "Steinheil". Herzstück ist der dreieinhalb Meter lange Große Refraktor. Sein 27 Zentimeter weites Objektiv sammelt zweitausendmal mehr Licht ein als das freie Auge.

großer Refraktor
Hölzerne Handräder steuern die Feinbewegung des großen Refraktors. Hier der Okulareinblick.
Foto: Herbert Raab

Dach und Fassade des weiten Meridiansaals werden von einem verschließbaren Spalt durchbrochen. Darunter wartet der beste Meridiankreis im ganzen Kaiserreich auf die Nacht. Dieses Spezialteleskop mit 13 cm Öffnung lässt sich nur in einer Richtung drehen, das jedoch mit äußerster Präzision: Norbert Herz, nun Direktor des Instituts, stoppt damit, wann Sterne exakt die Nord-Süd-Richtung passieren. Genau dann lesen seine Assistenten auch die jeweilige Sternhöhe an den fein gravierten Geräteskalen ab, und zwar unter Einsatz von Mikroskopen. Passagezeit und Höhe verraten ihnen letztlich die beiden Koordinaten eines jeden angepeilten Gestirns.

8500 Sternpositionen#

Mehrere Observatorien in Europa und in den USA haben sich zu einer groß angelegten Himmelsvermessung verschworen. Der Kuffner-Sternwarte fällt dabei eine ringförmige Zone südlich des Himmelsäquators zu, immerhin acht Vollmonddurchmesser breit. Somit visiert Herz auch die Fußsterne im Orion an, oder Sterne im "Schild des Sobieski": Dieses Sternbild ist eng mit der Wiener Stadtgeschichte verwoben, erinnert es doch an das Ende der zweiten Türkenbelagerung. Fast 8500 Sternpositionen werden in Ottakring vermessen. Das Mammutprojekt sichert der Kuffnerschen Privatsternwarte internationales Ansehen.

1890 erhält Neumann einen weiteren Auftrag: Er zieht nun einen romantisch anmutenden Turm von acht Metern Innendurchmesser hoch. Darin verbirgt sich ein hohler Pfeiler, der von einer ringförmig angelegten Bibliothek umkränzt wird. Auf dem stumpfen Pfeilerkopf ruht die schwere Montierung des weltgrößten Heliometers. Die 22 cm weite Frontlinse dieses Spezialteleskops ist durchschnitten. Verschiebt man die Hälften gegeneinander, lassen sich die Abbilder zweier benachbarter Sterne zur Deckung bringen. Das macht noch präzisere Winkelmessungen möglich.

Ein außergewöhnlich naher Stern, so erklärt man Neumann, zeichnet im Jahreslauf scheinbar eine winzige Ellipse an die Himmelskugel - in Widerspiegelung der Erdbewegung um die Sonne. Je näher der Stern, desto größer fällt dieser perspektivische Effekt aus. Damit war es 1838 in Königsberg gelungen, die allererste Sterndistanz auszuloten. Allerdings ist die Arbeit am Heliometer delikat, da die Verschiebung der beiden Linsenhälften auf einen Tausendstel Millimeter genau bestimmt werden muss.

An der Kuffner-Sternwarte nimmt man sich allein drei Jahre Zeit, um das neue Spitzeninstrument zu justieren. Dann steuert man damit 16 Sterndistanzen bei. Das ist recht viel, liegen weltweit bis 1908 doch nicht einmal hundert solcher Resultate vor. Ottakring, mittlerweile im 16. Wiener Gemeindebezirk integriert, schreibt somit Astronomiegeschichte.

Gründungsdirektor Norbert Herz hat die Sternwarte längst wieder verlassen. Der Himmelsmechaniker Leo de Ball ist ihm 1891 nachgefolgt. Auch etliche junge Assistenten stammen aus Deutschland. Mehrere von ihnen machen nach dem Wiener Gastspiel in ihrer Heimat Karriere. So wird Johannes Hartmann in Potsdam später das Spektrum des Sterns Delta im Orion mustern und dabei erstmals Gas im Abgrund zwischen den Sonnen nachweisen. In Kiel fällt Carl Wirtz ein seltsamer Zusammenhang zwischen dem Erscheinungsbild von Spiralnebeln und ihrer spektralen Rotverschiebung auf: Je lichtschwächer und kleiner die Nebel anmuten, desto höher ist offenbar deren Fluchtgeschwindigkeit. Da man das Wesen und die Distanzen dieser Gebilde noch nicht kennt, stößt Wirtz’ Befund auf wenig Resonanz. Schade - er hätte bereits die Expansion des Kosmos verraten!

Ein zweites Teleskop#

1890 montiert man ein Zweitteleskop am Großen Refraktor, eine Art schlankes "Teleobjektiv". Mit diesem Astrographen bannt der Frankfurter Karl Schwarzschild das Licht der Sterne auf Fotoplatten. So will er deren Helligkeit möglichst exakt bestimmen. Doch zwischen der Schwärzung und der Belichtungszeit existiert kein einfacher, linearer Zusammenhang. Vielmehr reagieren die Platten zunehmend träge, je länger man sie dem schwachen Sternenlicht aussetzt.

Die Wiener Aufnahmen gestatten es Schwarzschild später, diesen Effekt zu ergründen und so das Fundament für die fotografische Helligkeitsmessung zu legen. Sie wird es dem US-Amerikaner Edwin Hubble später ermöglichen, auch die Distanzen der Spiralnebel auszuloten.

An der russischen Front berechnet Schwarzschild außerdem den Radius Schwarzer Löcher, obwohl diese damals nur "auf dem Papier" existieren. Er stirbt 1916, im gleichen Jahr wie Direktor Leo de Ball. Dessen Tod besiegelt auch das Ende der Kuffner-Sternwarte als Forschungseinrichtung. Der Erste Weltkrieg, die schwierige Nachkriegszeit, der nachlassende Enthusiasmus des alternden Mäzens, die Weltwirtschaftskrise und der wachsende Antisemitismus: All das lässt die Sternwarte in einen Dornröschenschlaf versinken. Die Nazis zwingen die jüdische Familie Kuffner schließlich, ihren Besitz weit unter Wert zu verkaufen. Ein einstiger Bergkamerad verhilft Moriz zur Flucht in die Schweiz, wo er am 5. März 1939 stirbt.

Wachgeküsst wird das einst so geschätzte Institut erst nach dem Zweiten Weltkrieg, und zwar unter der Schirmherrschaft der Volkshochschule Alsergrund. 1947 drehen sich die Kuppeln wieder: Mitarbeiter der Universitätssternwarte und der zerbombten Urania machen hier die Wiener Bevölkerung mit den Wundern des Himmels vertraut. Walter Jaschek, Professor der Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt, leitet die Volksternwarte bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahr 1980. Drei Jahre zuvor ist das in den Besitz einer Wohnbaugenossenschaft gelangte Gebäude unter Denkmalschutz gestellt worden. Doch die Volkshochschule sieht sich außer Stande, die kostspieligen Renovierungsarbeiten mit zu tragen - und kündigt 1982 den Mietvertrag.

Jetzt retten die ehrenamtlichen Mitarbeiter ihre Volkssternwarte selbst. Sie gründen einen Verein und leisten mit dem neuen Direktor Werner W. Weiss, Astronom der Wiener Uni-Sternwarte, Zigtausende unbezahlter Arbeitsstunden. Sie halten den Führungsbetrieb aufrecht und begleichen Rechnungen. Vor allem aber verankern sie die Kuffner-Sternwarte wieder im Bewusstsein der Wiener: Bis zu 7000 Besucher zählt man jährlich. Auch die Zeitungen berichten.

1987 erwirbt die Stadt das Gebäude und lässt es ebenso wie die historischen Instrumente restaurieren - um die Sternwarte 1995 wieder der institutionalisierten Erwachsenenbildung zu übergeben.


Information#

Führungen, Vorträge

Sie wird heute von der Wiener Volkshochschulen GmbH betrieben, zu der auch das Planetarium und die Urania-Sternwarte zählen. Der verdiente "Verein Kuffner-Sternwarte" bietet dort aber ebenfalls Führungen und Vorträge an. In jedem Fall wird der Gang durch die Räumlichkeiten zur Zeitreise durch die Astronomiegeschichte. Bei klarem Himmel visieren die Besucher mit dem Großen Refraktor jetzt den Riesenplaneten Jupiter an, den Uranus oder die Berge des Mondes. Die konnte selbst Moriz Kuffner nur mit den Augen bezwingen.



Christian Pinter, geboren 1959, lebt als Fachautor in Wien und schreibt seit 20 Jahren astronomische Artikel für die "Wiener Zeitung".

--> www.himmelszelt.at

Wiener Zeitung, 12. November 2011