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Zwischen Wissenschaft und Gesellschaft #

Seit 164 Jahren ist die Österreichische Akademie der Wissenschaften eine fixe Größe der heimischen Wissenschaftsszene. Nun stehen der Institution radikale Reformen ins Haus. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 19. Mai 2011).

Von

Raimund Lang


Präsidium. Von einem 14-köpfigen Akademierat wird in Zukunft das Präsidium unterstützt werden. Aus 63 Forschungseinrichtungen sollen 53 werden., Foto (li.): © bearbeitung-und-recycling.at, Foto (re.): © OEAW.
Präsidium. Von einem 14-köpfigen Akademierat wird in Zukunft das Präsidium unterstützt werden. Aus 63 Forschungseinrichtungen sollen 53 werden.
Foto (li.): © bearbeitung-und-recycling.at
Foto (re.): © OEAW.

An der gebotenen Würde mangelte es keinen Moment lang, als vergangene Woche der gebürtige Wiener Walter Kohn, Nobelpreisträger für Chemie von 1998, zum Ehrenmitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gekürt wurde. Im Rahmen ihrer alljährlich stattfindenden „feierlichen Sitzung“ tat die Akademie das, was sie besonders gut kann: repräsentieren. Dieser Anhänglichkeit zur Tradition verdankt sich auch das Bild, das die nur peripher informierte Öffentlichkeit von der ÖAW hat. Es ist jenes eines liebenswerten, aber nicht mehr ganz aktuellen Vereins alter Männer, die einst gute oder sogar große Wissenschaftler waren. Tatsächlich aber betreiben zumindest Teile der ÖAW gegenwärtig hochkarätige Forschung am Puls der Zeit.

Handfeste Forschungsresultate#

Kapazunder wie Anton Zeilinger oder Josef Penninger erbringen in ihrer Tätigkeit als Direktoren von ÖAW-Instituten nicht weniger herausragende Leistungen als in ihrer Funktion als Universitätsprofessoren. Und die Weltraumorganisationen NASA und ESA lassen sich High-Tech-Messgeräte vom Institut für Weltraumforschung bauen. Trotzdem überstrahlt der Glanz prunkvoller Vergangenheit oft die Aktualität handfester Forschungsresultate. Es ist schwer abzuschätzen, ob die Akademie Österreichs überschätzteste Stätte der Wissenschaft ist oder die verkannteste. Die Gelehrtengesellschaft der ÖAW, gleichsam ihr bewahrender, harter Kern von Mitgliedern, gefiel sich in letzterer Rolle jedenfalls nie schlecht. Gemäß historischer Bestimmung versteht sie sich als Mittlerin zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Gleichzeitig als Beraterin des Staates. Und nun soll alles anders werden? So gebietet es jedenfalls der Sparwille der Regierung. Vergangene Woche gab das Präsidium der ÖAW seine Pläne für die Zukunft bekannt. Zumindest in groben Umrissen. Doch selbst diese reichen aus, um darin die Architektur einer radikalen Reform zu erkennen. „Es wurde klar, dass die Akademie sich bewegen muss“, sagt ÖAW-Präsident Helmut Denk im Interview (siehe Kasten). Die Unis haben ihr Universitätsgesetz samt Autonomie bereits 2002 bekommen, Seibersdorf seinen Sanierer Hannes Androsch. Den kleinen außeruniversitären Forschungseinrichtungen strich Ex-Ministerin Beatrix Karl gleich komplett das Budget. Die ÖAW verblieb als letzte Bastion, die sich dem Gebot der Leistungsmaximierung bei gleichzeitiger Budgetminimierung beharrlich verweigerte. Bis jetzt.

Nun erhält die ÖAW eine neue Organisationsstruktur. Künftig soll das Präsidium über mehr Entscheidungsbefugnisse verfügen. Bestehend aus Präsident Helmut Denk, Vizepräsident Arnold Suppan sowie den beiden Präsidenten für die philosophisch-historische und die mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse, Sigrid Jalkotzy-Deger und Georg Stingl, wird es als operative Entscheidungsinstanz die Geschicke der Akademie leiten. Dem Präsidium zur Seite steht der neu gegründete, 14-köpfige Akademierat. Seine Funktion umfasst beispielsweise Einspruchsrechte bei Errichtung oder Schließung von Instituten. Zusätzlich wurde ein Direktor für Finanzen und Administration bestellt, der als operativer und Finanzcontroller in Personalunion nach dem Rechten sehen soll. Die Gesamtsitzung, im Selbstverständnis vieler Akademiemitglieder quasi das Herz der ÖAW, wird nach offizieller Sprachregelung zwar nicht entmachtet. Sie bleibt in Zukunft aber auf Entscheidungen, die die „allgemeine Strategie“ betreffen, beschränkt.

Auch hinsichtlich der Forschungseinrichtungen ist eine Verschlankung angesagt. Aus derzeit 63 sollen 53 werden. Insbesondere werden die 33 Kommissionen geschlossen oder bestehenden Einrichtungen eingegliedert.

Geringe Frauenquote, hoher Altersschnitt#

Mit all dem kommt die Akademie Forderungen seitens des Ministeriums nach, die nicht neu sind. Ihre Diskussion reicht fast eine Dekade zurück. Auf der einen Seite haben sie vier Wissenschaftsminister, auf der anderen vier ÖAW-Präsidenten begleitet. Nun scheint es endlich ernst zu werden. Zugleich sind die Reformen Voraussetzung für die eigentliche Schlüsselmaßnahme, die neu gestaltete Finanzierung der ÖAW. Ihr Budget wird künftig nämlich, nach dem Vorbild der Universitäten, mittels Leistungsvereinbarungen für drei Jahre im Voraus mit dem Wissenschaftsministerium verhandelt. Heißt im Klartext: erfüllt die ÖAW vereinbarte Leistungen wie eine große Anzahl an Publikationen, ein modernes Qualitätsmanagement oder Verstärkung internationaler Kooperationen, dann gibt es mehr Geld. Wenn nicht, dann weniger. Helmut Denk wünscht sich für die erste Periode, 2012 bis 2014, jedenfalls eine Basisfi nanzierung von 120 Millionen Euro pro Jahr. Die Verhandlungen haben gerade erst begonnen. In der Vergangenheit musste das Budget der Akademie jedes Jahr neu ausverhandelt werden. Ein verstecktes Problem könnte hinter den Leistungsvereinbarungen dennoch lauern. Denn die weitaus meisten aktiv forschenden ÖAW-Wissenschaftler sind gleichzeitig an einer Universität beschäftigt.

Das könnte einen Interessenskonflikt bedeuten. Dergestalt, dass sich leitende Wissenschaftler entscheiden müssen, ob sie besonders vielversprechende Projekte an ihrer Heimuni oder an der Akademie durchführen wollen. Beide hätten natürlich großes Interesse daran, die späteren Forschungsresultate dem Ministerium als Leistungsbeleg vorweisen zu können.

Zwei strukturelle Merkmale, die sich wohl nicht so rasch ändern lassen, sind die geringe Frauenquote und der hohe Altersschnitt im engen Kreis der Akademie, jenem der „wirklichen“ Mitglieder. Nur 7,4 Prozent sind weiblich, dafür rund drei Viertel über 65 Jahre alt. Da es der Gelehrtengesellschaft zukommt, die künftige Forschungsstrategie der Akademie mitzubestimmen, ist die Frage gestattet, ob diese wirklich den aktuellen Status Quo der internationalen Wissenschaft repräsentiert. „Mehr Frauen“ und „jüngere Mitglieder“ lautet darauf die Antwort des Präsidiums als Ziel für die Zukunft. Ob es ihm gelingen wird, traditionelle Gelehrsamkeit und das moderne Verständnis von Wissenschaft als Brotberuf unter ein harmonisches Konzept zu bekommen bleibt gleichermaßen zu hoffen wie abzuwarten.

Interview #

„Die Akademie muss sich bewegen“#


ÖAW-Präsident Helmut Denk über Sinn und Zweck einer Gelehrtengesellschaft, bevorstehende Reformen und die niedrige Frauenquote in der Akademie.#


Helmut Denk
Helmut Denk
Foto: © APA / Schlager

DIE FURCHE: Der ÖAW stehen tief greifende Strukturreformen bevor. Dazu gehören eine schlanke Verwaltung und ein Entwicklungsplan. Warum kommen solche – eigentlich selbstverständlichen – Maßnahmen erst jetzt?

Helmut Denk: Die Akademie ist eine autonome Einrichtung. Wer autonom ist, wehrt sich naturgemäß lange gegen Veränderungen.

DIE FURCHE: Letzten Endes konnten Sie sich aber doch nicht gegen das Diktat des Ministeriums wehren?

Denk: Eines möchte ich klarstellen: Diktiert wurde uns nichts. Aber es wurde klar, dass die Akademie sich bewegen muss. Wir sehen durchaus selbst die Notwendigkeit, die Führung der Forschungsträgereinrichtung nach den Prinzipien eines modernen Managements zu organisieren.

DIE FURCHE: Die Finanzierung der ÖAW wird künftig nach dem Vorbild der Unis über Leistungsvereinbarungen für jeweils drei Jahre im Voraus ausverhandelt. Wie viel Basisbudget hätten Sie gerne vom Staat?

Denk: Ich kann Ihnen sagen, was wir unbedingt brauchen, um weiterhin Spitzenforschung betreiben zu können. Auf Basis unseres Entwicklungsplanes sind das etwa 120 Millionen Euro pro Jahr. Damit gehen wir in die Verhandlungen. Unabhängig von ihrer Höhe geben uns die Leistungsvereinbarungen endlich eine budgetäre Planungssicherheit für zumindest drei Jahre.

DIE FURCHE: Werden Sie Institute schließen, falls Sie diese Summe nicht bekommen?

Denk: Das wird die Evaluierung aller unserer Einrichtungen zeigen, die wir bis Ende 2012 durchführen. Einige unserer Einrichtungen haben große finanzielle Schwierigkeiten. Das betrifft besonders jene, die teure Infrastruktur benötigen. Zusätzlich gibt es Probleme mit der Baufinanzierung. An einigen Standorten müssen dringend neue Gebäude errichtet werden. Ich betone aber ausdrücklich: Eine eventuelle Schließung oder Ausgliederung bedeutet nicht notwendigerweise, dass die entsprechende Einrichtung wissenschaftlich mangelhaft wäre.

DIE FURCHE: Die ÖAW ist neben ihrer Funktion als Forschungsträger auch „Gelehrtengesellschaft“. Ist das noch zeitgemäß?

Denk: Ich vertrete ganz entschieden die Position, dass sich aktive Forschung und Gelehrtengesellschaft im Sinne einer Symbiose gegenseitig befruchten können. Die Gelehrtengesellschaft umfasst unsere gewählten Mitglieder, die über große wissenschaftliche Expertise verfügen. Dieses Wissen, diese Erfahrung fl ießt in die Erstellung der Forschungsstrategie ein.

DIE FURCHE: Die Frauenquote an der Akademie ist sehr gering. Unter den Mitgliedern beträgt sie nur knapp elf Prozent. Sieht Ihr Entwicklungsplan eine Anhebung des Frauenanteils vor?

Denk: Das ist nicht nur ein Problem von uns, sondern aller Akademien. Es liegt auch an der Struktur der Universitäten, von wo die meisten unserer Mitglieder ja kommen. Professorinnen sind dort ja noch immer in der Minderheit. Wir arbeiten jedenfalls aktiv daran, den Frauenanteil in der Akademie künftig zu erhöhen.

Helmut Denk. Der 1940 in Scheibbs geborene Mediziner wurde 1991 zum Mitglied der ÖAW gewählt und ist seit 1. Juli 2009 Präsident.

DIE FURCHE, 19. Mai 2011