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Gegen die akademische Job-Tristesse #

Arbeitslosigkeit unter Akademikern ist heute keine Seltenheit mehr. Mit dem neuen Akademikerzentrum will das Arbeitsmarktservice Wien dieses Problem anpacken. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 20. März 2014)

Von

Sylvia Einöder


Symbolbild: Lehren
Selbsthilfe. Wenn Akademiker in ihrem Ausbildungszweig keinen Job finden, arbeiten sie meist in anderen Branchen. Wirklich schwierig wird es erst für ältere Akademiker.
Foto: Shutterstock

Diese Aktivierungskurse beim AMS habe ich als wenig sinnvoll empfunden“, erzählt Lisa R. (Name von der Red. geändert). „Die Gruppen waren viel zu heterogen – da sitzt man neben Frauen, die seit 30 Jahren nicht gearbeitet haben – und viele haben sich logischerweise fadisiert“, erklärt die 42-jährige Wiener Betriebswirtin.

Ganz anders ist ihre Erfahrung mit dem Projektmanagement-Kurs des neuen Akademikerzentrums, den sie eben abgeschlossen hat: „Hier bin ich richtig gefordert worden und konnte mich weiter entwickeln.“ Sie ist froh, dass sie die zehnwöchige Fortbildung absolviert hat. „Jetzt kommen mehr Stellen für mich in Frage, ich bin für die Wirtschaft interessanter geworden.“ Lisa R. hatte viele Jahre im Sozialbereich gearbeitet, bis sie im Herbst im Zuge eines Mitarbeiter- Abbaus ihren Job verlor. Im Dezember hat sich durch das Akademikerzentrum in Wien-Donaustadt eine interessante Option aufgetan.

Wirtschaftskurse auf Uni-Niveau #

Dort haben als arbeitslos gemeldete Akademiker in Wien verschiedene Optionen: Sie können sich entweder für eine wirtschaftliche Fortbildung auf Uni-Niveau, eine siebenwöchige Coaching- und Orientierungsbegleitung oder eine externe Fachqualifizierung bei einem anderen Anbieter entscheiden. Oberstes Ziel ist es, einen ausbildungsgerechten Job zu finden. Die zehnwöchigen Kurse werden in den Fächern Controlling, Business Assistance, Vertriebsmanagement und Projektmanagement angeboten. Es sind eben jene Wirtschaftsbereiche, in denen es noch einige offene Stellen gibt. Das Angebot richtet sich an Leute mit Uni- Abschluss oder Führungserfahrung. Auch Menschen mit sehr guten Deutschkenntnissen, die im Ausland ihren Abschluss erworben haben, dürfen teilnehmen.

In Graz gibt es bereits seit 2010 ein Akademikerzentrum. Drei Monate nach Ende der jeweiligen Qualifizierung haben im Schnitt 55 Prozent der Teilnehmer einen Job gefunden. Nun hat man das Konzept in Zusammenarbeit mit der Universität Graz für den Standort Wien adaptiert. Vize-Rektor Martin Polaschek verweist auf die Verantwortung der Unis für die Zukunft der Absolventen: „Wir wissen, dass wir nicht alle optimal auf das Berufsleben vorbereiten können, aber wir wollen junge Leute nicht bloß mit ihrem Zertifikat hinausschicken.“

Die meisten Akademiker haben ein hohes Selbsthilfe-Potenzial. Arbeitslosigkeit betrifft vor allem die Älteren. Allein in Wien sind derzeit über 7000 Akademiker auf Jobsuche. Der 45-jährige Jurist Georg Spandl ist einer von ihnen. Er rechnet sich keine großen Chancen mehr aus, als Angestellter im Wirtschaftsbereich unterzukommen. Im Zuge der Krise hat er seinen Posten als Vertriebsdirektor in einer Finanz-Firma verloren. Nun will er aus der Not eine Tugend machen und sein Hobby Filmen zum Beruf. „Ich möchte Image-Videos für Hotels und Immobilienmakler anbieten“, erzählt er. Sein Arbeitslosengeld beträgt fast um die Hälfte weniger als sein bisheriges Einkommen. „Durch die Karenz meiner Frau ist es derzeit doppelt schwierig für uns. Wir müssen ja weiter für unsere zwei Kinder sorgen“, erklärt Spandl. Mit dem Projektmanagement-Kurs hat er nach Monaten der erfolglosen Jobsuche endlich eine passende Maßnahme gefunden: „Diese zehn Wochen waren sehr intensiv. So einen Kurs macht man nicht, um Zeit abzusitzen. Ich musste richtig büffeln für die Prüfungen.“ Als sehr hilfreich empfand Spandl auch die Einzel-Coachings im Akademikerzentrum: „Dort wird man wirklich individuell beraten.“

Beschwerden von Akademikern #

Dass sich Akademiker öfter über die Betreuung des AMS beschwert haben, räumt AMS Wien-Chefin Petra Draxl ein. „Unsere Berater hatten das dringende Bedürfnis, diesen Leuten endlich etwas Spezifisches anbieten zu können.“ Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) betont, dass das AMS sehr wohl lernfähig ist. „Bei jährlich 300.000 Teilnehmern von Schulungs- Maßnahmen können natürlich Fehler passieren.“ Ab November werden die umstrittenen AMS-Aktivierungskurse in Wien abgeschafft. „In den restlichen Bundesländern wird das wegen der unterschiedlichen Infrastruktur- Bedingungen noch etwas dauern“, so Hundstorfer. Er sieht besonderen Unterstützungsbedarf bei ArArbeitnehmern ab 50. Eine Investition von 100 Millionen Euro müsse nur noch vom Nationalrat abgesegnet werden.

Bis 2001 hatte das AMS eine spezielle „Akademikervermittlung“ und ein „Jungakademiker-Service“ im Angebot. Der Linzer Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich kritisiert die Abschaffung dieses Akademikertrainings. „Wir hatten am Kultur-Institut laufend Absolventen, die für ein halbes Jahr vom AMS finanziert wurden. Dann wurde das Ganze auf drei Monate verkürzt. Die Leute haben in der Zeit sehr viel Praktisches gelernt, erhielten sogar Coachings und Supervision“, berichtet der Kulturwissenschaftler. Die Teilnehmer dieser AMS-Maßnahme seien anschließend allesamt gut am Arbeitsmarkt untergekommen.

Fröhlich macht auch die desolate Lage an vielen Uni-Instituten verantwortlich für die Schwierigkeiten der Absolventen bei der Jobsuche: „Wenn die Leute zu hunderten am Boden sitzen oder in einem Saal zusammengedrängt stehen, was sollen sie da noch lernen? Bei uns quillen sogar die Seminare und Kurse über, nicht nur die Vorlesungen.“ Er ist ein Verfechter des „learning by doing“-Prinzips: „Aus den ÖH-Leuten etwa ist noch immer etwas geworden. Sie haben gelernt, sich zu organisieren, Kontakte geknüpft etc. Sowas kann man nicht in einem Kurs erlernen.“

Der Philosoph beobachtet unter Studierenden aber immer wieder das Phänomen der „Bildungssystem- Gefangenen“: „Es gibt Leute, die einen Abschluss an den nächsten reihen und nie aus der Lebensphase der Ausbildung rauswollen. Da wage ich zu fragen, ob das nicht auch psychische Hintergründe hat. Irgendwann muss man ins kalte Wasser springen.“

Familiäre Hilfe von Nöten #

Insgesamt ist der Anteil der Akademiker unter den Arbeitslosen mit 3,4 Prozent sehr niedrig. Auch deshalb, weil viele Hochschul-Absolventen in Branchen unterkommen, die nichts mit ihrem Studium zu tun haben. Viele scheinen auch nicht in der Statistik auf: Sie haben sich nicht beim AMS gemeldet, absolvieren Praktika, werden weiter von den Eltern finanziert oder machen Nebenjobs. „Zwischen Uni- Abschluss und Berufseinstieg ist meist weiter familiäres Kapital nötig, sowohl Beziehungen als auch Geld“, kritisiert Fröhlich.

Die Teilnehmergruppe des ersten Wiener Projektmanagement- Kurses war bunt gemischt – von Juristen über Geisteswissenschaftler bis hin zu Betriebswirten. Manche von ihnen sind bereits jahrelang auf Arbeitssuche. „Gerade für diese Leute war es wichtig, zu erkennen: Ich habe viel drauf und werde endlich wieder gefordert. Durch die Motivation der Gruppe haben sie neue Kraft gefunden, sich zu bewerben. Ihr Selbstbewusstsein und ihr Auftreten sind jetzt ein ganz anderes“, schildert Lisa R.

Inzwischen hat sie mit ihrem Projektmanagement- Zertifikat einen Job im Sozialbereich in Aussicht. Erstmals sogar in Leitungsfunktion. Dennoch muss sie jetzt schnell weiter zu einer Netzwerk-Veranstaltung. „Dort sind viele potenzielle Arbeitgeber. Sich da blicken zu lassen kann nie schaden.“

DIE FURCHE, Donnerstag, 20. März 2014