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Nur noch eine kleine Insel im Atlantik?#

Brexit bereitet Diplomaten und außenpolitischen Experten in Großbritannien Kopfzerbrechen.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 8. Juli 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher


Flagge von Großbritannien und den USA
Durch einen Bund mit den USA zu alter nationaler Größe zurückzufinden, davon träumt das Pro-Brexit-Lager. Doch die Realität sieht anders aus.
© afp/Robert Harding

London. Wenn die Briten sich erst einmal aus der EU verabschiedet hätten, meint etwa Mary Dejevsky, außenpolitische Kommentatorin des Londoner "Independent", wären sie für Großmächte wie die USA oder China "ein wiewohl gut vernetztes, so doch kleines und relativ unproduktives Land, das seine großen Ambitionen einschrumpfen müsste, um sie seinen begrenzten Mitteln anzupassen". Der "Guardian"-Kolumnist Simon Tisdall warnt davor, seine Heimat, "die einmal das größte Empire aller Zeiten darstellte", drohe sich in "eine kleine, überbevölkerte und nicht sonderlich wichtige Insel im Nordatlantik" zu verwandeln.

Schon jetzt sieht Tisdall Großbritannien "in einem Niemandsland gestrandet". In der EU, hat immerhin Außenminister Philip Hammond eingeräumt, habe das Vereinigte Königreich schon jetzt, seit dem Referendums-Entscheid, "kein Gewicht mehr". Hammond hatte, wie Premierminister David Cameron, prophezeit, dass mit einem britischen EU-Austritt auch Londons Bedeutung in der Welt zwangsläufig geringer werde.

Mittlerweile befürchten Insel-Diplomaten, dass Britannien per Brexit sogar seinen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat aufs Spiel gesetzt haben könnte. Sollte auch noch Schottland abspringen, werde es bei den G7 höchstens noch ein Juniorpartner sein.

Aus Washington sind schon enttäuschte Stimmen zu hören, die ihren engsten europäischen Verbündeten in der EU missen - und sich anderweitig umsehen. Dass Großbritannien künftig keine Brücke zwischen EU und Nato mehr sein könne, meint Malcolm Chalmers vom Royal United Services Institute, werde außerdem "den britischen Einfluss auf die Nato vermindern".

Sogar aus dem Commonwealth, dem Erbe des alten britischen Kolonialreichs, kommen Klagen darüber, dass nun London "nicht mehr für den Commonwealth sprechen kann in Brüssel". Wenn gewisse Politiker in London zudem glaubten, künftige Einbußen aus dem EU-Geschäft durch Commonwealth-Handel ausgleichen zu können, sei das reine "Phantasie", erklärt Lord Marland vom Unternehmens- und Investment-Rat des Commonwealth.

Falsche Verspechen#

Genau das aber, eine "neue, globale Rolle" für ihr Land, "losgelöst von den EU-Ketten", hatten die Wortführer des Brexit stets versprochen. Als eigenständige Nation sollte Großbritannien eine eigenständige Stimme haben, sich in der "Anglosphere" mit US-Amerikanern, Kanadiern und Australiern eng zusammenschließen und mit "wirklich wichtigen" Ländern wie China und Indien schwunghaften Handel betreiben.

Diese Idee, "noch einmal auf einer Art Bühne des 19. Jahrhunderts herumzuspazieren", ist nach Ansicht Mary Dejevskys von Anfang an "eine archaische und unrealistische Vorstellung" gewesen: "Dass ein unabhängiges Vereinigtes Königreich mit Großmächten bilaterale Handelsverträge zu beiderseitigem Nutzen unterzeichnen und im Fall von Streitigkeiten ein bisschen Kanonenboot-Diplomatie betreiben würde", sei schon von den vorhandenen Ressourcen her eine völlig verfehlte Vision.

Vor allem der hartnäckige Glaube, "den Europäern" den Rücken kehren zu können, weil die USA den Briten gewiss einen Platz an ihrer Seite einräumen würden, war ja zu Beginn der Brexit-Kampagne immer wieder laut geworden. Umso bitterer war die Enttäuschung über Barack Obamas "Dämpfer" in London, als der US-Präsident die Briten drängte, ihren Sitz am EU-Tisch nicht aufzugeben.

Angloamerikanische Träume#

Es war eine andere Haltung als die seines Vorgängers George W. Bush, der noch ganz zufrieden war, im Irak-Krieg einen einzigen europäischen Alliierten - Tony Blair - an seiner Seite zu wissen. Bezeichnenderweise hatte Blair nur vier Jahre vorher, beim Empfang des Aachener Karlspreises für Frieden in Europa, seine Landsleute dazu aufgerufen, ihre historische "Ambivalenz" gegenüber Europa zu überwinden.

Bekanntermaßen hielt diese Neuorientierung nicht lange. Im Zusammenhang mit 9/11, Afghanistan und dem Irak-Krieg verlor Blair alles Interesse an europäischer Gemeinsamkeit. Wie der diese Woche veröffentlichte Chilcot-Report dokumentiert, entschuldigte sich Blair zum Zeitpunkt der Irak-Invasion bei Bush dafür, dass andere EU-Regierungen "eine lächerliche und verzerrte Sicht der USA" hätten und sich im Einzelfall "sehr dumm" über Washington äußerten.

Im Kontrast dazu hatte Tony George schon im Sommer zuvor bedingungslose Treue geschworen: "Ich stehe zu dir, komme, was da wolle." Sechs Tage nach Invasionsbeginn sandte er Bush eine Notiz über seine große Kriegs-Vision: "Dies ist der Moment, an dem wir internationale Politik für die nächste Generation definieren können - die wahre Weltordnung nach der Ära des Kalten Krieges." Ehrgeiz der Briten und Amerikaner müsse es sein, "eine globale Tagesordnung zu schaffen, um die herum wir die ganze Welt vereinen können", so Blair damals. Gedacht war, dass "die Europäer" sich dem Projekt reuig anschließen. Stattdessen erwiesen sich Blairs Visionen, Chilcot zufolge, als eine Katastrophe. Das hält viele, die den Bruch mit der EU wollten, aber nicht vom Weiterträumen ab.

Wiener Zeitung, Freitag, 8. Juli 2016