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Zweimal Brexit Continental #

Nach der Schlacht bei Castillon mussten die Engländer das europäische Feld räumen. Nach dem Brexit- Entscheid tun sie das abermals. Persönlich-aquitanische Perspektiven einer verzwickten Beziehung. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 7. Juli 2016).

Von

Martin Haidinger / Bordeaux


Anti-Brexit-Demo
Graus vor dem Raus. Der Brexit spaltet das Land. Vielen Briten graut vor den Konsequenzen eines EU-Austritts. Sie sehen sich wie 1453 mit einem Ergebnis konfrontiert, das auch am Ende des Hundertjährigen Krieges stand: Leave the Continent!
Foto: AFP /J. Tallins (1); Shutterstock (1); Wikipedia (1)

General John Talbot ist für seine Zeit beachtliche 69 Jahre alt, als er am Dienstag, den 17. Juli 1453 von einem französischen Bogenschützen unter seinem gefallenen Pferd hervorgezerrt und erschlagen wird. Mit der Niederlage der Armee des englischen Heerführers bei Castillonsur Dordogne geht die letzte Schlacht des Hundertjährigen Krieges zu Ende, und die Engländer verlieren, bis auf Calais ganz hoch droben im Norden, allen Besitz auf dem französischen Festland; ein Brexit, der mehr als 4000 Todesopfer kostet. 1953 wird die 3000Seelengemeinde im Département Gironde im Gedenken an dieses weltgeschichtliche Ereignis in Castillon la Bataille umbenannt. Die Franzosen hatten noch nie Scheu davor, ihre Schlachten zu feiern wie sie fallen …

Ein unauffälliges Gedenken #

„Da ist es!“ Professor Jeanpierre Lavandier hält am Rand der Landstraße Richtung Bergerac, und parkt seinen Renault in einer Wiese. Wir gehen ein paar Meter flureinwärts. Was, hier? An diesem unspektakulären Ort soll sich das Denkmal des Brexits von 1453 befinden? Tatsächlich, nur eine von hohem Gras umwucherte, schlichte Mariensäule samt Gedenktafel erinnert an die Todesstelle des unglücklichen Talbot und an seine Mannen. Jede zweite steinerne Würdigung von Bürgermeister Dimpfelmoser oder Pampelhuber oder sonstigen lokalen Eisheiligen in irgendeinem österreichischen Straßendorf ist mitunter pompöser ausgefallen. Mein Gastgeber, der Germanist und Kulturhistoriker Lavandier, ist Professor an der Universität Bordeaux, und hat sich auf Österreich im 18. Jahrhundert spezialisiert. Gespannt wartet die Fachwelt auf seine Edition bislang unbekannter Briefe Maria Theresias, die zum 300. Geburtstag der Kaiserin im kommenden Jahr erscheinen soll. Zuhause ist der so wienerische Franzose dennoch im alten Aquitanien. Nach kurzem Verweilen beim Monument fahren wir weiter ins nahe Perigord und besichtigen dort das Schloss Michel de Montaignes, des Schöpfers der Essayistik, und wenn man so will, ersten Schriftstellers modernen Typs.

Mitten in den blutigen Konfessionskriegen des 16. Jahrhunderts hat der Katholik Montaigne heranstürmende Protestanten auf seinem Schloss mit einem großzügigen Buffet verblüfft und besänftigt. Der alte Skeptizist durchschaute früh das Wesen der Menschen. In seinem Dichterturm hat er altgriechische und lateinische Sinnsprüche an die Deckenbalken des Arbeitszimmers pinseln lassen, deren markantester die Sentenz von Terenz, „Ein Mensch bin ich, nichts Menschliches ist mir fremd.“, bleibt. Der letzte Satz von Montaignes „Essais“ lautet: „Wir trachten nach einem anderen Los, weil wir das unsre nicht zu nützen wissen, und wollen über uns hinaus, weil wir nicht begreifen, was in uns ist.“

Am Freitag, dem 24. Juni 2016 erzählt Jeanpierre Lavandier beim Frühstück in seinem im 13. Jahrhundert erbauten Haus in Castillion: „Im Radio machen sie schon die ersten Witze darüber, wie sie den Engländern bald nur mehr die letzten Essensreste hinüberschicken werden, und dass sich die französischen Grenzer darauf freuen, die englischen Touristen künftig an der Grenze langwierig zu kontrollieren …“.

Und dann waren die Briten weg #

Nur ein paar Stunden ist es her, dass die Briten dafür gestimmt haben, die Europäische Union zu verlassen. Ich mache den Fehler, ins Internet zu gehen, und finde auf deutschen und österreichischen Seiten Fluten an Hasspostings und abfälligen Bemerkungen über die dumpfen Proleten aller Länder, die man am besten nicht mehr befragen sollte. Ich denke an satte CyberspaceKinder und an Ströme von realem Blut, die in vergangenen Jahrhunderten für das Wahlrecht der so verachteten Proleten vergossen wurden ...

Tags darauf in Pezuls, einem kleinen Dorf im DordogneTal. Wir sind zu einer abendlichen Sonnwend-Feier samt Feuer eingeladen, und viele sympathische Ortsbewohner haben sich zum Schmaus versammelt. Zum köstlichen Schweinsbraten trinken wir einen Chateau Singleyrac Rosé Demisec aus Bergerac, Jahrgang 2014, und einen roten Grand Vin von „Les Guinots“, Jahrgang 2011. Für ein Zeltfest wahrscheinlich einzigartig auf der Welt, aber das sind halt die Tropfen der Gegend, die hier ebenso preiswert zu haben sind, wie daheim bei uns der Poysdorfer Säuerling. „Ich bin einfach nur traurig“, sagt eine ältere Dame. Sie ist eine der vielen, während der warmen Jahreszeit in Pezuls lebenden Engländerinnen, und macht sich Sorgen über ihren künftigen Aufenthaltsstatus im Ausland, das ihr Heimat geworden ist. Gerade für Pensionisten, meint sie, könne das zum Problem werden. Die eine oder andere denke daran, die Staatsbürgerschaft zu wechseln, und Französin zu werden. So billig wäre der alte Talbot wohl auch gerne dem Brexit vor 550 Jahren entkommen, hätte er eine Wahl gehabt … Es ist eine gemischte Gesellschaft, hier in Pezuls, Franzosen, Engländer, ein paar Deutsche; und friedlicher als anderswo, schildert eine Bewohnerin die aus dem Elsaß stammt, und das hinreißend klare Deutsch der zweisprachig Aufgewachsenen spricht: Hier im Weinzelt säße immerhin auch ein einheimisches Ehepaar, das politisch „rechts“ eingestellt sei. Einzigartig, meint sie, denn die Franzosen sind mittlerweile auch auf dem Land derartig polarisiert, dass Weltgewandte in anderen Dörfern mit „solchen“ Leuten eher keinen Verkehr pflegten …

Eine Ansammlung von Sonderfällen #

Die Probleme der polyglotten Pensionisten in Pezuls mögen Sonderfälle sein, aber besteht Europa nicht zur Gänze aus einer Ansammlung von Sonderfällen? In Aquitanien sind die Schicksale von Engländern und Franzosen besonders eng miteinander verflochten, und der Brexit könnte sich da in jeder Gemeinde ganz handfest auswirken – zum Schaden aller Beteiligten. Wenn indes die Engländer abziehen, stehen sicher schon reiche Russen bereit, um das eine oder andere prächtige Chateau zu übernehmen. Dann wüchse Europa anders zusammen, als es die Gewaltigen auf den Thronen der EU beabsichtigt haben. Wie konnten sie es nur so weit kommen lassen?

A propos Thron: Meine Urlaubslektüre ist Stefan Zweigs „Marie Antoinette“, und inmitten der malerischen alten Gemäuer und zahllosen Weinstöcke des Dordognetals liest sich die Biografie der unglücklichen Österreicherin an der Seite des schwachen Königs Louis XVI. noch tragischer, als sie durch die Worte des Meistererzählers Zweig ohnehin schon erscheint. „Versailles hat sich durch seine exklusive und lässige Haltung derart ahnungslos von dem wirklichen Frankreich abgeschnürt, daß es der neuen Strömungen, die das Land bewegen, überhaupt nicht gewahr wird.“ Das war 1780 ff.. Gerade versuche ich vergeblich, mir die Damen und Herren Juncker, Schulz, Cameron und Merkel in Rüschen und mit Allongeperücken vorzustellen, da sticht mir der Untertitel von Zweigs biografischem Sittengemälde ins Auge: „Bildnis eines mittleren Charakters.“ Mittelmaß. Darin liegt wohl nicht nur im 18. Jahrhundert das meiste Unglück begründet …

DIE FURCHE, Donnerstag, 7. Juli 2016