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Ist China ein erwachender Wirtschafts- und Politriese?#

Otmar Höll

Seit dem Reformparteitag der kommunistischen Partei Chinas im Jahr 1978 hat ein rasanter Prozess der Modernisierung im Inneren und der kontinuierlichen Öffnung Chinas nach außen eingesetzt. Das Ergebnis dieses Reformkurses war ein überdurchschnittlich starkes und anhaltendes Wachstum der chinesischen Wirtschaft, das zwischen 1985 und 2005 durchschnittlich knapp 10 % jährlich ausmachte; ein scheinbar unaufhaltsamer Aufstiegsprozess scheint damit in Gang gesetzt.

China wurde – nicht zuletzt wegen seiner geringen Lohnrate und niedrigen Umweltstandards – zu einem der bevorzugtesten Investitions- und Produktionsstandorte weltweit. Anders als in Russland ist mit dem Wachstumsprozess aber auch eine tief greifende Restrukturierung der Wirtschaft in Gang gekommen. Der Anteil der Landwirtschaft ist deutlich zurückgegangen, der Anteil der Industrie leicht gesunken und der Anteil des Dienstleistungssektors hat stark dazugewonnen.Die Außenhandelsverflechtung ist v. a. mit der Europäischen Union, den USA und Japan enorm angestiegen.

Seit 2001 WTO-Mitglied, hat sich China auch den Zugang zu ausländischen Märkten, ausländischem Finanzkapital und Knowhow gesichert. Mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern ist China innerhalb weniger Jahre zum bedeutendsten neuen Absatzmarkt für ausländische Produkte geworden.

Die rasch wachsende Wirtschaft Chinas hat gleichzeitig zu einer starken Nachfrage nach Rohstoffen, v. a. nach Energie, Eisenerzen und Metallen geführt. China ist daher auch an stabilen Verhältnissen in jenen Regionen interessiert, aus denen es Energie bezieht. Die wachsende Bedeutung des Landes führte zu einer gewaltigen Steigerung der politischen Rolle Chinas nicht nur in der Region Süd-, Südost- und Ostasien, sondern hat China den Ruf als zukünftige neue Super- oder Hegemonialmacht in Ostasien eingebracht.

Dieses wirtschaftliche Erstarken ist aber auch mit einer steigenden militärischen Aufrüstung verbunden, die in Nordostasien und bei den Nachbarn Indien, Pakistan und Japan zu einer gewissen Besorgnis geführt hat.

Die sozio-ökonomische Modernisierung Chinas birgt allerdings auch die Gefahren einer gewissen inneren Destabilisierung in der Zukunft in sich. Nicht nur erfolgt das Wachstum des BIP in einem hohen Ausmaß asymmetrisch, es hat auch zu sozialen Verwerfungen und regionalen Ungleichgewichten und zu wachsenden Einkommensunterschieden zwischen Stadt und Land, v. a. aber den Küstenregionen rund um Shanghai und Hongkong einerseits und der zentralchinesischen Region andererseits, mit hoher Arbeitslosigkeit und zunehmender Korruption, geführt. Ob unter diesen Vorzeichen die Autorität des kommunistischen Parteiapparates nachhaltig aufrecht erhalten werden kann oder ob China von zentrifugalen Tendenzen bedroht ist, wird sich zeigen. Das Verhältnis Chinas gegenüber Russland, Indien, Japan, aber auch den in der Region präsenten USA wird nur dann nicht zu erhöhten Spannungen oder Konflikten führen,wenn alle Seiten bereit sind, einen gewissen Machtausgleich und multilateralen Konsens zu finden.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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