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Hat die Nahost-Frage eine Chance auf friedliche Lösung?#

Otmar Höll

Der Nahost-Konflikt reicht mit seinen historischen Wurzeln weit in das Osmanische Reich zurück. Andererseits ist er eng mit der zionistischen Einwanderung in Palästina im Verlauf des 20. Jahrhunderts verknüpft.

Grund für diese Einwanderung war das jahrhundertealte Problem der Unterdrückung und teilweise blutigen Verfolgung von in der Diaspora lebenden Juden in Europa, welche schon auf das erste nachchristliche Jahrhundert zurückgeht. Vor mehr als hundert Jahren hatte der Wiener Journalist Theodor Herzl das Ziel der Errichtung eines eigenen jüdischen Staates in die Wege geleitet. Diese Einwanderung erfolgte in Form von Landnahme durch Kauf, wobei die dort lebenden palästinensischen Bauern auch vertrieben wurden, und bildete die Grundlage für den ersten Konflikt zwischen den Siedlern und den dort ansässigen Palästinensern.

Nach dem Ende des britischen Mandats über Palästina und dem gescheiterten UN-Teilungsvorschlag in einen arabischen und einen jüdischen Staat, wobei Israel etwa 57 Prozent des Territoriums zugestanden wurden, kam es zum ersten Krieg im Jahr 1948, dem noch weitere folgen sollten. Nach vielen gescheiterten Friedensversuchen, nach zwei Volksaufständen (die erste Intifada von 1987 bis 1992 und die zweite ab Herbst 2000), dem offensichtlichen Scheitern der so genannten Roadmap des Nahost-Quartetts USA, UNO, EU und Russland, die die Etablierung eines unabhängigen Palästinenser-Staates bis 2005 vorsah, und der nicht enden wollenden Gewalt von beiden Seiten scheint auch heute die Frage einer friedlichen Lösung weiter entfernt denn je. Da der Nahost-Konflikt aber in seiner Bedeutung die internationale sicherheitspolitische Großwetterlage in enormem Ausmaß beeinflusst, muss eine derartige Lösung im Interesse aller Staaten sein.

Die Schwierigkeit einer wirksamen Lösung liegt letztlich auch darin, dass im israelisch-palästinensischen Konflikt einander widersprechende gesellschaftliche Narrative (wörtlich „Erzählung“, entspricht etwa „Tradition“) zweier Gesellschaften aufeinander treffen, die, jede in ihrer besonderen Art traumatisiert, Anspruch auf dasselbe, ihnen durch die Vorsehung „verheißene“ Territorium stellen.

Beide halten wechselseitig die andere Seite für die alleinige Ursache und daher schuldig für das eigene Leid, wobei beide das unsägliche Leid der anderen Seite vollständig negieren bzw. ausblenden.

Eine nachhaltige Lösung dieses vielschichtigen Konflikts scheint nur durch eine langsame, aber nachhaltige Veränderung dieser Narrative und durch einen komplexen Prozess der Versöhnung auf allen gesellschaftlichen Ebenen, die den Einsatz der internationalen Staatengemeinschaft erforderlichmacht, möglich zu sein. Darüber hinaus könnte es von Vorteil oder sogar notwendig sein, eine politisch nachhaltige Lösung in einem multinationalen integrativen Prozess anzusteuern, der arabische Nachbarstaaten in einen umfassenden, wirtschaftliche und (sicherheits-)politische Dimensionen berücksichtigenden Prozess, ähnlich dem europäischen, mit einbezieht.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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