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Wohin geht der Reichtum Afrikas?#

Otmar Höll

Afrika ist traditionell ein reicher Kontinent. Reich an Menschen, reich an Bodenschätzen, reich an Wäldern, Mineralien, Edelsteinen und energetischen Ressourcen. Dass dieser „Reichtum“ des Kontinents in der Geschichte immer wieder von Nicht-Afrikanern vermarktet wurde, hat jahrhundertelange Tradition.

Man könnte nach all dem, was wir nach vielen Jahren der Kolonialisierung, des Sklavenhandels und der Ausbeutung des Kontinents durch Europäer, Amerikaner, Araber und anderen wissen, annehmen, dass die Armen Afrikas nicht ausschließlich deshalb arm sind, weil sie faul sind oder weil ihre Regierungen korrupt sind, sondern weil andere sich ihrer Reichtümer bemächtigt haben, weil es meist andere waren, die den Reichtum des Kontinents für sich in Anspruch nahmen.

Wer davon profitierte, waren vor allem die Europäer, genauer gesagt die Kolonialmächte, die ohne die Zerschlagung der indischen Textilindustrie und ohne die Übernahme des Gewürzhandels, ohne den Handel an indigenen Völkern bzw. die Sklaverei in Afrika, ohne die Nutzung des Dreieckshandels zwischen Afrika, Europa und Asien nicht in der Lage gewesen wären, die industrielle Revolution in Europa und den USA so rasch und effizient zu schaffen. Es war nicht zuletzt die Übernahme der Rohstoffe und der Märkte in Afrika, die den Wohlstand des Nordens mit geschaffen hat und gleichzeitig die Armut des afrikanischen Kontinents begründete.

Gleichzeitig mit der Anhäufung von Reichtum im Norden hat die Ausbeutung des Kontinents Tod, Armut und Umweltzerstörung verursacht. Hauptsächlich war und ist das Geschäft mit den Reichtümern des afrikanischen Kontinents, sei es im Bereich von Erzen, von Diamanten, von Rohöl oder von kostbaren exotischen Hölzern, in der Hand europäischer, japanischer oder US-amerikanischer Konzerne. Ähnliches gilt für die Vermarktung von Frühgemüse, von Baumwolle, Erdnüssen oder anderen in den heißen Gegenden besonders gut gedeihenden Obstund Gemüsesorten, auch sie sind im Eigentum westlicher Konzerne. Das Diamantengeschäft in den Minen Südafrikas, Botswanas oder anderer Staaten ist meist in den Händen niederländischer, belgischer oder US-amerikanischer Eigentümer. Wo Gewinn und Reichtum lockten, dort wurden von den europäischen Kolonialmächten Infrastrukturen wie Bahnen oder Straßen errichtet. Man denke an Staaten wie Mosambik, Liberia oder Niger, bei denen gerade dies in Form von „Stichbahnen“ und „Stichstraßen“ zutrifft.

Die Ausbeutung der Rohstoffe steht im Vordergrund, die Infrastruktur, die für die Entwicklung von Menschen zuständig ist, wurde sträflich vernachlässigt. Die andere Seite der Medaille sind hunderte Millionen von Armen, Hungernden und Besitzlosen, die nicht arm sind, weil sie kein Geld haben, sondern weil sie keinen Zugang zu Ressourcen erhalten. Wenn es den reichen Staaten wirklich ernst wäre, die Armut nachhaltig zu bekämpfen, müssten sie daran gehen, jene ungerechten und brutalen Systeme der Reichtumserzeugung zu beenden, die auch noch heute bestehen und von denen der Norden weit mehr profitiert als die Staaten und Menschen Afrikas.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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