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"Beethovens Suppenteller"#

Porzellan mit "Wiener Muster" war lange Zeit sehr beliebt. Doch heute muss man lange danach suchen – und findet oft genug nur mehr Scherben.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 6. Februar 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Wolfgang Schleidt

Porzellan mit 'Wiener Muster'
Seit etwa 1780 dekorierte man Porzellan mit dem "Wiener Muster", also mit zwei oder drei blauen Bordüren, und verzichtete auf weitere Ornamente
© Wiener Zeitung/Foto: Schleidt

Sie wissen nicht, was das Wiener Muster ist? Nie gehört? Kennens’ ka bemmisch? Ich mein, können Sie nicht tschechisch? "Vídeòský dekor". Oder wenigstens englisch: "Viennese décor"? Im Prager Dorotheum (www.dorotheum.cz) weiß man, was darunter zu verstehen ist, und im Katalog dieses Hauses findet man immer wieder Porzellan mit Vídeòský dekor.

Erfunden wurde dieses Muster anscheinend von einem "Blaumaler" der "k.k. Ärarischen Porcellain Manufactur" in Wien um 1770, und es findet sich zunächst nur als Randverzierung des Dekors mit "indianischen Blumen und Insekten". Seit etwa 1780 dekorierte man Porzellan mit zwei oder drei Bordüren, und verzichtete auf Blumen und Insekten. Porzellan, das nur mit dem Wiener Muster bemalt war, erfreute sich bald großer Beliebtheit, besonders bei den wohlhabenderen Bürgern.

Auch andere Fabriken aus dem damaligen Kaiserreich begannen Porzellan und Steingut mit diesen hübschen, blau gemusterten Bordüren zu schmücken, in einem Rhythmus von Bögen und Punkten. Auch im Wiener Dorotheum finden sich gelegentlich "erlesene"Stücke mit dem Wiener Muster. Aber in Wien nennt man Porzellan mit diesem Dekor nur abfällig "Dienstbotenporzellan".

In "ordinärem" Blau#

Porzellan mit 'Wiener Muster'
Ein typisches Fundstück mit „Wiener Muster“.
© Wiener Zeitung / Foto: Schleidt

Nun war zwar das unter Glasur mit Kobaltblau bemalte Porzellan die billigste Form des "weißen Goldes": Ein "Speiseteller der Wiener Form mit ordinärem blauen Rande" kostete immerhin 22 Kreuzer, während man für einen "Speiseteller mit schwerem Dessin ohne Gold oder mit leichteren Dessein und Goldrand, oder mit breitem Goldrand" damals einen Gulden bezahlte. Umgerechnet entspricht ein Gulden etwa 20 Euro, wobei allerdings zu bedenken ist, dass "Dienstboten" damals allenfalls ein paar Gulden im Monat verdienten. Und auch für die "Herrschaft" waren 22 Kreuzer höchstwahrscheinlich zu teuer für einen Teller aus "weißem Gold", und sie verwendete deshalb für das Personal irdenes Geschirr oder die alten Zinnteller, die aus der Mode gekommen waren.

Aber wen interessiert heute noch, auf welchen Tellern vor zweihundert Jahren die Wiener Dienstboten oder der gute Kaiser Franz gegessen haben? Unter seiner Regierung hat die volkstümliche Vorstellung, dass der Kaiser und seine Familie immer von goldenen Tellern gegessen haben, ein trauriges Ende gefunden. Die goldenen Teller wurden nämlich eingeschmolzen und zu Dukaten geprägt, um die horrenden Ausgaben zu bezahlen, welche die seit der Französischen Revolution immer wieder aufflackernden Kriege verursachten, und man stellte sich auf Porzellan um.

Als man beim Wiener Kongress aus Repräsentationsgründen wieder "etwas Besseres" zeigen wollte, bestellte man von der Wiener Manufaktur vergoldete Porzellanteller für die Festtafel. Aber bei gewöhnlichen Hoftafeln ("Familientafeln") verwendete man – jedenfalls seit 1818 – das Tafelgeschirr "mit breitem Goldrand" (der Speiseteller um einen Gulden). Auf Tafelgeschirr mit solchem Design wird heute noch dem Bundespräsidenten das Mittagessen serviert – in unserem biedermeierlichen Wien.

Apropos Biedermeier: Das war die große Zeit des Porzellans mit dem Wiener Muster. Die Wiener Manufaktur hat damals Tafelgeschirr und "Caffee-Geschirr" mit dem "odinären blauen Rand" tonnenweise hergestellt, und das beliebte Muster wurde dann von anderen Herstellern übernommen: in Wien hat Hartmuth (der Österreichische Erfinder des Bleistifts) sein patentiertes Steingutgeschirr damit geschmückt, und auch in Wilhelmsburg und in Graz wurde dieses Dekor kopiert. In besonders großen Mengen aber wurde solches Geschirr in Böhmen und Mähren hergestellt.

Man kann wohl annehmen, dass Beethoven, Schubert und Grillparzer ihre tägliche Suppe aus Tellern mit dem Wiener Muster gelöffelt haben, und ihren täglichen Kaffee aus einer Kanne mit dem Wiener Muster in ein ebensolches Häferl gegossen haben, während das etwas wertvollere "Alt-Wiener" mit dem Roserl oder den Streublumen im Glaskasten gut verwahrt und nur zu heiligen Zeiten und für besondere Gäste in Gebrauch genommen wurde. Wie es halt früher so war.

Das Wiener Muster war also das Gebrauchsgeschirr der bürgerlichen Familientafel, vergleichbar mit der Beliebtheit des Meissener Zwiebelmusters hundert Jahre später. Das Zwiebelmuster gab es übrigens schon im 19. Jahrhundert, und es hieß damals in den Preislisten – genau wie in Wien das Geschirr mit dem unter Glasur kobaltblauem Randmuster – "blau ordinär". Als aber der Siegeszug des Zwiebelmusters begann (diese Bezeichnung findet sich in den Meissener Preislisten erst seit 1866), war das Wiener Muster längst unmodern geworden, und die Wiener Manufaktur wegen Unrentabilität geschlossen.

Neuzeit-Archäologie#

Wie kann man solche Behauptungen nachprüfen? Ganz einfach: mit "Neuzeit-Archäologie". Mir fiel nämlich auf, dass sich Scherben von Porzellan oder Steingut mit dem Wiener Muster auf Äckern, in Weingärten und bei den Ausgrabungen der Stadtarchäologen im Zuge des U-Bahnbaus sehr viel häufiger finden als Scherben von bunt bemaltem oder rein weißem Porzellan.

Die Dokumente der Wiener Manufaktur im Österreichischen Staatsarchiv bestätigen den hohen Anteil des Porzellans "mit ordinärem blauen Rande".

In einer Quelle heißt es: "In den Jahren 1816 u. 1817 verkaufte die Fabrik, obschon sie weder in der Stadt Wien noch in den Provinzen Lager auf eigene Rechnung hält, um mehr als eine Million von Ihren Produkten, die grösstentheils in Tafel- und Kaffehgeschirren bestehen. Von ersteren hat die Fabrik schon in manchen Jahren acht hundert vollständige Service für zwölf bis sechzig Personen verkauft, von denen der größte Theil blau ordinär, vielleicht der vierte Theil leicht verzieret, über fünfzig aber reich vergoldet und bemahlt waren."

In Prozenten ausgedrückt heißt dies, dass während der Blütezeit des Biedermeiers 69 Prozent der Produktion "blau ordinär", also mit dem Wiener Muster verziert waren, hingegen nur etwa sechs Prozent der Produktion "reich vergoldet und bemahlt". Trotzdem war bei den diversen Biedermeierausstellungen der letzten Jahre kein Exponat mit dem Wiener Muster zu sehen.

Das einzige Stück mit dem Wiener Muster, das eine gewisse Prominenz erlangt hat, verdankt diese nicht etwa seiner hervorragender Schönheit, sondern in erster Linie wohl dem Ruhm seiner Besitzerin, nämlich der zweiten Frau von Napoleon Bonaparte. Es handelt sich hier um eine eher unscheinbare, kleine Kanne von 1808, zu sehen im Palazzo Pitti in Florenz, und sie stammt aus dem Besitz der Marie Louise von Österreich, von 1810 bis 1821 Gattin von Napoleon und Mutter dessen einzigen Sohnes und Erben: Napoleon II., auch als "Herzog von Reichstadt" bekannt.

Nicht vergessen sei jedoch die Porzellansammlung des Stiftes St. Florian, in der sich ebenfalls Tafelporzellan mit dem Wiener Muster erhalten hat: "Hier finden sich allerdings nicht die kostbarst dekorierten Service, wie sie für die Aristokratie und das reiche Großbürgertum geschaffen wurden, sondern vorwiegend Stücke mit bescheidenem und zurückhaltendem Dekor, der dem modernen Empfinden näher steht. In ihnen kommt das ungemein feine Formgefühl dieser Periode, das schon dem undekorierten Gefäß hohen ästhetischen Reiz verlieh, besonders zur Geltung", schrieb Rudolf Distelberger vor 25 Jahren in seinem Bericht über die Neuaufstellung der Glas- und Porzellansammlung des Stiftes St. Florian.

Ich finde, dass das Wiener Muster den hohen ästhetischen Reiz der revolutionär einfachen Formen noch akzentuiert und "das ungemein feine Formgefühl dieser Periode" besser ausdrückt als die protzige "Pracht-Waare, reich vergoldet und bemahlt".

Im Rahmen einer Untersuchung über Unterglasurblaumalerei der Wiener Porzellan-Manufaktur zwischen 1718 und 1864, insbesondere der Verbreitung des „Wiener Musters“, aber auch anderer Motive, suche ich nach weiteren Beispielen in den Beständen öffentlicher und privater Sammlungen. Besonders interessieren mich "überdekorierte" Stücke über Fels und Vogel oder über dem Wiener Muster. Für Hinweise bin ich dankbar: wolfgang.schleidt@univie.ac.at.


Wolfgang Schleidt

Wolfgang Schleidt, Universitätsprofessor, Biologe mit besonderer Berücksichtigung der Verhaltensforschung und Sinnesphysiologie. Seit 1992 im Ruhestand und als Scherbensammler tätig.

Wiener Zeitung, Samstag, 6. Februar 2010