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Die Redlichkeit der Stimme #

Axel Cortis Österreich war vielstimmig, geschichtsbewusst und grenzüberschreitend. Das zeigte er als Filmemacher, als Regisseur, als Radiostimme. Zum 20. Todestag. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 19. Dezember 2013

Von

Peter Pawlowsky


Axel Corti
Axel Corti. 7.5.1933 – 29.12.1993. Alle Zitate aus: Axel Corti. Von R. Neumüller, I. Schramm, W. Stickler, 2003.
Foto: © First Look / picturedesk.com

Am Stephanitag lief sein letzter „Schalldämpfer“ – über den Tod des Rabbi Hillel, dem es vergönnt war, noch einmal für ein paar Augenblicke zurückzukehren aus der anderen Welt. Drei Tage später, am 29. Dezember 1993, starb Axel Corti, ein halbes Jahr nach seinem sechzigsten Geburtstag.

Axel Corti, geboren in Paris, hatte deutsche, italienische und österreichische Wurzeln, musste 1943 aus Frankreich in die Schweiz fliehen, wurde nach dem Krieg aus der Schweiz ausgewiesen, lebte in Italien, England und Deutschland und landete schließlich in Innsbruck zum Studium.

Wer die Geschichte Österreichs kennt, weiß, dass die Zugereisten sehr oft die überzeugteren Österreicher waren als die hier immer schon Einheimischen. Sein Österreich war vielstimmig, geschichtsbewusst und grenzüberschreitend. In seinem wöchentlichen Radiokommentar „Der Schalldämpfer“, den er seit 1969 selber sprach, wurde diese Vielstimmigkeit in der Konfrontation mit aktuellen Ereignissen in seiner Stimme gegenwärtig. Eine vergleichbare Stimme und Kontinuität über ein Vierteljahrhundert hat es in der österreichischen Radiogeschichte kein zweites Mal gegeben.

Corti leitete von 1956 bis 1960 die Abteilung für Literatur und Hörspiel im ORF-Landesstudio Tirol. Aber er blieb nicht bei Wort und Ton. Er machte Regieassistenz im Burgtheater, an deutschen Theatern und in London und nahm schließlich selbst die Regie in die Hand, zuerst an der Wiener Staatsoper und dann im Film. Corti drehte die erste Show mit Adriano Celentano, inszenierte zweimal einen „Tatort“, wie zum Beweis, dass er das Alltagsgeschäft des Fernsehens keineswegs verachtete. Die Qualität einer Filmarbeit war für ihn bei Unterhaltung und Werbung ebenso ausschlaggebend wie bei anspruchsvollen Literaturverfilmungen. Das lehrte er zudem ab 1972 an der Wiener Filmakademie.

Nicht vergessen #

Auf zweifache Weise setzte Axel Corti die österreichische Vergangenheit ins Bild. 1972 war er der erste, der den „Fall Jägerstätter“ einem breiteren Publikum vor Augen führte und damit Kontroversen auslöste, lange bevor sich die Kirche entschloss, diesen Mann selig zu sprechen. Mit dem Film „Ein junger Mann aus dem Innviertel“ stellte Corti 1973 einen der ersten Hitler-Filme ins Fernsehprogramm. In der Trilogie „Wohin und zurück“ kommt Corti der Gegenwart noch näher. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Georg Stefan Troller geht er dem Schicksal des jungen Juden Ferry Wolf nach, der die Reichs-Pogrom- Nacht erlebt, nach Amerika flieht und nach der Kapitulation Hitler-Deutschlands als amerikanischer Soldat nach Salzburg und Wien zurückkehrt – enttäuscht vom Weiterleben der nazistischen Netzwerke und ihrer Kooperation mit der Besatzung. Sehr langsam und gegen starke beharrende Widerstände wurde in Österreich bewusst, dass dieses Land nicht einfach nur das erste Opfer Hitlers gewesen ist. Und „wenn wir schon den Ängstlichen,“ die damals mitgeschwommen sind, „Nachsicht walten lassen“, sagte Axel Corti in seiner Salzburger Rede zum Bedenkjahr 1988, „dann dürfen, dürfen wir die nicht vergessen, die nie Nachsicht erlebt haben, die ausgewiesen wurden, die abgeholt wurden in der Morgenfrühe, die umgebracht wurden wie Ungeziefer, die verhöhnt wurden, die sich familienweise in den Tod flüchteten.“ Die redliche Stimme dieser Rede hat nichts an Aktualität verloren.

Vergangenheitsbewältigung der anderen Art greift weiter in die Geschichte zurück. Axel Corti stützte sich dabei auf Werke der österreichischen Literatur. 1963 verfilmte er Fritz Herzmanovsky-Orlandos „Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter“, 1975 Peter Roseggers Roman „Jakob der Letzte“ und 1983 Gernot Wolfgrubers „Herrenjahre“; 1976 war „Der junge Freud“ sein Thema. Doch die beiden Höhepunkte waren „Eine blaßblaue Frauenschrift“ nach Franz Werfel in zwei Teilen (1984) und die Trilogie der „Radetzkymarsch“ nach Joseph Roth. Werfels Frauenschrift ist zwar eine Story, in der ein Mann zwischen zwei Frauen steht, aber sie spielt 1936, nach dem Juli-Abkommen Hitlers mit Schuschnigg, in einer Atmosphäre der Unsicherheit zwischen Anpassung und Widerspruch und des wachsenden Antisemitismus. Rosegger, Wolfgruber und Werfel liefern keine vordergründig politischen Vorlagen, sondern verraten etwas von Cortis sozialem Interesse in ganz verschiedenen sozialen Schichten. Corti machte österreichische Vergangenheit sichtbar, die vergessen oder nur für wenige lesbar ist, er gab der Redlichkeit des Wortes der Schriftsteller ein anschaubares Gesicht für die vielen, die kaum noch lesen, aber immer noch schauen.

Mahnender Weitblick#

„Radetzkymarsch“ ist Axel Cortis letztes Meisterwerk, das er selbst nicht mehr fertigstellen konnte; seine Leukämie war ins Endstadium getreten – sein Kameramann Gernot Roll vollendete den Film nach Cortis Tod. Der Film verfolgt nach Joseph Roths Roman Aufstieg und Niedergang dreier Generationen der Familie Trotta, und in ihrem Schicksal spiegelt sich der Untergang der Donaumonarchie. „Er hat nicht einen Augenblick die Krankheit als Hindernis akzeptiert,“ sagt Cecily Corti, seine Frau. „Obwohl er in den letzten Wochen mit über 39 Grad Fieber arbeitete. [...] Er hat weiter gearbeitet mit derselben Leidenschaft, der Liebe zum Stoff, zu den Schauspielern, zur Arbeit selber.“

Nicht nur beim Dreh für den „Redetzkymarsch“ in den feuchten Herbsttagen 1993 in Tschechien war Axel Corti unnachgiebig mit sich selbst. Er wusste: „Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage. Sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet.“ Sein klares Ethos benannte er in der Rede von 1988: „Fast alle, die wir hier sitzen, nennen uns Christen, zumindest vom Taufschein her. Wir sind also mit dem schwierigen Begriff der Erbsünde aufgewachsen. Wir wissen, dass wir eines Vergehens wegen, das wir nicht begangen haben, unser Leben tätiger, aktiver und, wenn Sie mir dieses Wort erlauben, auch büßender zu leben haben“.

Das ist Axel Corti, der Filmemacher, der in den Worten, die das Instrument seiner Stimme ausspielte, am persönlichsten präsent war. Unvergessen sind Cortis Moderationen des Club 2. Er war einer von denen, die den alltäglichen Lügen, an die wir uns schon gewöhnt haben, öffentlich widerstand. Axel Corti war die Ausnahmegestalt eines Österreichers, den die Begrenztheit des Landes nicht am Weitblick hindern konnte. Hat er aber die Begrenztheit des Landes öffnen können? Die Stadt Wien hat eine kleine Straße nach ihm benannt. In der Leopoldau, jenseits der Donau, wo er nie gelebt hat.

Der Autor ist freier Journalist und leitete die Religionsabteilung im ORF-Fernsehen

DIE FURCHE, Donnerstag, 19. Dezember 2013