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Die Faszination der Schaufenster#

Die Wiener Fotografin Trude Lukacsek hat ein Faible für Auslagen und Alltagsgegenstände: Ihre Bilder verleihen auch leblosen Dingen Vitalität und Würde.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 13./14. November 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Susanne Breuss


Schaufenster - Friseur
Trude Lukacsek: Friseur – Wien 5.
© Wiener Zeitung

Eine Zeit lang führten mich meine Wege durch Wien regelmäßig durch die Margaretenstraße. Auf der Höhe der Hausnummer 35 hielt ich stets kurz an, um nach einem Bekannten zu sehen. Ein stattlicher Mann, zwar nicht mein Fall, dennoch einnehmend mit seinem verschmitzten Lächeln, auch wenn ich manchmal den Verdacht hegte, dass es womöglich eher ein schmieriges Grinsen sein könnte.

Zur Rede stellen konnte ich ihn aber nicht, denn er bestand nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus bemalter Modelliermasse. Es handelte sich um eine etwas in die Jahre gekommene Schaufensterfigur, die in der Auslage der Maßschneiderei Huber & Pichler stand. Je nach Jahreszeit trug er unterschiedliche, immer gut geschnittene Anzüge, seiner Figur schmeichelnd. Beste Reklame für die im Geschäft angebotene Schneiderhandwerkskunst also.

Irgendwann geriet die Margaretenstraße aus meinem Blickfeld, „der Dicke“ jedoch, wie ich ihn insgeheim respektlos nannte, kam mir nicht völlig abhanden. Ich begegnete ihm erneut, allerdings nicht in natura, sondern auf einer Fotografie. Die Aufnahme stammte von der Wiener Fotografin Trude Lukacsek und porträtierte ihn derart treffend und unverkennbar, dass ich ihn augenblicklich zu identifizieren vermochte (siehe nebenstehende Abbildung). Solche Erlebnisse sind, lässt man sich auf das Bilderuniversum der Trude Lukacsek ein, keineswegs ungewöhnlich. Sie fotografiert zwar keine Menschen, dennoch versteht sie sich als Porträtfotografin. Was sie mit großer Leidenschaft und mit präzisem Blick fotografiert, sind Dinge, vermeintlich „tote Materie“, wie es oft abfällig heißt. Mit der geläufigen Meinung, das Fotografieren von Menschen sei als eine Königsdisziplin der Fotokunst zu verstehen, kann sie wenig anfangen: „Man spart den Menschen ja nicht aus, wenn man Dinge fotografiert, die dingliche Welt ist ja vom Menschen gestaltet“.

Diese Zugangsweise lässt nicht nur die von ihr aufgenommenen Schaufensterfiguren merkwürdig lebendig und individuell erscheinen, auch vermeintlich uniforme Massenprodukte wie Kunststoffblumen oder Haushaltsartikel entfalten solcherart ein Eigenleben und beginnen unversehens zu leuchten. Selbst die unbeholfenste Auslagendekoration erzählt vom jeweiligen Gestaltungswillen des Geschäftsinhabers oder bringt die Persönlichkeit der Dekorateurin zum Ausdruck.

Neben der Materialität von Dingen interessiert Trude Lukacsek besonders deren Arrangement. Gerade daraus spricht ästhetisches Empfinden, und das macht auch vor Plunder nicht Halt. Geradezu rührend erscheinen einem viele Vitrinen mit Inszenierungen von teilweise bereits vergilbten, angestaubten Waren, die Lukacsek auf ihren Streifzügen gefunden und mit der Kamera festgehalten hat.

Poesie der Auslagen#

Seit die Fotografin denken kann, ist sie von Schaufenstern und den in ihnen ausgestellten Gegenständen fasziniert. Dabei ist es nicht die Faszination der potentiellen Konsumentin, die sie immer wieder vor die Auslagen kleiner, eigenwilliger Läden treibt, sondern die Faszination für das, was dort an visuellen Eindrücken und Überraschungen geboten wird. Die vielfältigen Farben und Formen haben es ihr angetan, die Muster, die sich durch eine bestimmte Zusammenstellung ergeben, die Szenerien, die oft ganze Romane erzählen und nicht selten wie unbeabsichtigte Kunstinstallationen wirken. Der Blick für die Poesie der materiellen Umwelt und das Wunderbare in der Alltäglichkeit war bei der 1955 geborenen Künstlerin schon früh ausgeprägt. Als Kind schnitt sie aus Illustrierten und Prospekten Bilder von Dingen aus, die ihr gefielen. Die Tätigkeit ihrer Mutter, die Schneiderin war, machte sie mit der Verschiedenartigkeit textiler Strukturen, mit einer Fülle an Mustern und Farbwirkungen vertraut. Ihre Mutter war es auch, die auf Spaziergängen und Besorgungswegen die Aufmerksamkeit der Tochter auf Details im Stadtbild und Besonderheiten vor allem der nächsten Umgebung lenkte und so deren Blick auch für Verborgenes schärfte, und ihr eine Welt von unerwarteten Sehenswürdigkeiten eröffnete.

Das Fotografieren wiederum war Trude Lukacsek von ihrem früh verstorbenen Vater her vertraut, einem begeisterten Freizeitfotografen. Als sie mit 17 Jahren die erste Kamera geschenkt bekam, empfand sie dies als Offenbarung: „Dieser Fotoapparat war das Instrument, das ich dringend gebraucht habe“. Nun konnte sie sich ihre Bildgegenstände selbst aussuchen, und blieb nicht mehr auf das Sammeln bereits publizierter Bilder beschränkt.

Später kam die Begegnung mit den Werken von Künstlern und Fotografen aus dem Umfeld des Hyperrealismus sowie der New Colour Photography hinzu, mit Werken also, die alltägliche und urbane Phänomene in den Mittelpunkt rückten und die Frage nach dem Wesen der Dinge stellten. Im Hinblick auf die österreichische Fotografie nennt sie den unermüdlichen Alltagschronisten Franz Hubmann, der ihr ein Vorbild sowohl als Fotograf wie auch als Mensch gewesen ist. Trude Lukacsek ist nicht Jägerin, sondern Sammlerin, sie triumphiert nicht über spektakulären Fänge, sondern freut sich an kleinen und zufälligen Funden. Sie schießt ihre Entdeckungen nicht ab, sondern will sie möglichst liebevoll bildlich bewahren, in ihrem besten Licht zeigen. Sie gehört zu jenen Fotografen, die Objekte nicht bloßstellen, sondern ihnen so etwas wie Würde zugestehen. Das wird besonders bei ihren Fotos von schäbigen, abgenutzten und billigen Dingen spürbar, indem sie es vermeidet, diese als Ramsch zu diskreditieren.

Keine Nostalgie#

Schaufenster - Maßschneider
Trude Lukacsek: Maßschneider – Wien 4.
© Wiener Zeitung

In Unkenntnis ihres Werkes könnte man versucht sein, ihr einen Hang zur Idylle oder eine „typisch weibliche“ Vorgangsweise zu attestieren. Davor bewahren sie jedoch einerseits ihr starkes Interesse für Strukturen und ihr nie an der Oberfläche verharrender Blick. Andererseits aber auch ihr Verzicht auf eine lediglich nostalgische Perspektive. Selbst wenn sie sich durchaus ein gewisses Rettungsbedürfnis eingesteht, fotografiert sie Relikthaftes und Verschwindendes nicht deshalb, weil ihr das Alte näher oder wertvoller erscheint als das Neue, sondern vor allem deshalb, weil ihr für das Fotografieren des Neuen ja noch Zeit bleibt, weil sie sich dafür nicht beeilen muss. Trude Lukacsek möchte das Alte zwar bildlich festhalten, bevor es endgültig verschwindet, aber sie trauert ihm nicht nach. Keineswegs kommen ihr mit dem Wandel und dem Vergehen ihre Sujets abhanden, denn „es wächst ja genug Neues nach“ – und darauf ist sie viel zu neugierig, als dass sie es hinter eine wie auch immer geartete Vergangenheitsseligkeit zurückstellen würde.

Ob Schaufensterpuppen, Leuchtreklamen, Geschäftsschilder, Espressolokale, Ringelspiele, Strandbäder, Wandmalereien oder Schriftzüge – all das ist nur eine kleine Auswahl jener Dinge, die Trude Lukacsek mit ihrem Fotoapparat bisher gesammelt hat. Entstanden ist dabei ein mittlerweile mehrere zehntausend Bilder umfassendes Archiv der Alltagskultur und des anonymen Designs.

Auf die Frage, wie ihre Fotos entstehen, antwortet Trude Lukacsek zunächst einmal so: „Gehen, gehen, gehen. Schauen, schauen, schauen“. Sie besitzt einen ausgeprägten Erkundungs- und Erforschungswillen, der sie durch das vertraute Wien ebenso führt wie durch fremde Städte und Gegenden. Egal, wo sie unterwegs ist – und das ist sie häufig, sie hält ständig die Augen offen und macht sich Notizen. Später begibt sie sich dann erneut an einen dieser Orte, die ihr aufgefallen sind, und geht von dort aus einfach los, ist offen für das, was ihr sonst noch alles begegnet. Oft kommt es auch vor, dass sie bestimmte Orte immer wieder aufsucht, um allfällige Veränderungen zu beobachten. Da etwa Schaufensterfiguren immer wieder ihre Kleidung wechseln, sieht Lukacsek hin und wieder nach, was sie Neues tragen und wie sie darin aussehen. So kann es durchaus vorkommen, dass über einen längeren Zeitraum hinweg ganze Porträtserien von ein und derselben Figur entstehen.

Bei einer so ausgeprägten Sammlerpersönlichkeit wie Trude Lukacsek verwundert es kaum, dass sie nicht nur fotografierend sammelt. Ihre Wohnräume gleichen einem Gesamtkunstwerk, zusammengesetzt aus Unmengen von Gesammeltem. Da gesellen sich historische und gegenwärtige Alltagsgegenstände, wie etwa kleine Keksautomaten oder bunte Siphonflaschen aus den fünfziger Jahren, zu einer enormen Vielfalt an Papierenem: Bedruckte Servietten, Notizhefte und Blumenprospekte finden sich ebenso wie Billets, Einwickelpapiere oder Bonbonhüllen. Nicht zu vergessen die Stoffe und Kleidungsstücke, oft aus Restbeständen und auf Flohmärkten erstanden, offensichtlich ein Echo auf die textile Welt ihrer Mutter. Das Besondere an diesen Sammlungen ist, dass die Dinge nicht einfach nur gehortet und angehäuft, sondern in wechselnden Arrangements gleichsam als endloses privates Ausstellungsprojekt sichtbar gemacht und zum Sprechen gebracht werden. Auch hier wird deutlich: Nicht um das Besitzen, sondern um das Schauen und Zeigen geht es Trude Lukacsek.

Susanne Breuss geboren 1963 ist Kulturwissenschafterin und Kuratorin im Wien Museum.

Wiener Zeitung,, Samstag/Sonntag, 13./14. November 2010