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Der Experimentator und Theatermann Ernst Wolfram Marboe ist tot#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 14./15. Jänner 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Engelbert Washietl


Der heitere bunte Vogel#

Der im Alter von 73 Jahren verstorbene Ernst Wolfram Marboe war eine Schlüsselfigur der modernen ORF-Ära und zugleich eine für die mediale Vermittlung von Kultur für alle Schichten der Bevölkerung. Natürlich ist man versucht, angesichts der aktuellen Turbulenzen des ORF zurückzublenden und nach einer Bestätigung der Hypothese zu suchen, damals sei alles besser gewesen. Pauschalurteile dieser Art sind von vornherein falsch und im Fall Marboes erst recht. Als ihn das ORF-Kuratorium 1993 nach neunjähriger Tätigkeit als Programmintendant auf Betreiben des ORF-Generalintendanten Gerd Bacher ablöste, wurde das in den Medien und von den Parteien als Moritat gespielt, der die einen mit großem Applaus, die anderen mit Zähneknirschen zusahen.

Aber darauf kommt es am Grab und in der Erinnerung nicht an. Wenn schon Vergleiche, dann ein anderer. Der ungemein kreative, schaffensfreudige Marboe wirkte in einer Zeit, in der man im ORF große Ideen nicht nur hatte, sondern verwirklichen durfte. Marboe holte Staatsopernaufführungen ins Programm, wagte Experimente in der Reihe „Kunst-Stücke" und brillierte mit dem „Cafe Central", einem regelmäßigen Kulturgespräch im Fernsehen.

Er gilt zu Recht als einer der Väter der karitativen Sendung „Licht ins Dunkel". Direkt erfunden hat er sie nicht, dieser Ruhm gilt dem damaligen Intendanten Kurt Bergmann, der 1973 mit dem Vehikel des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die Mildtätigkeit der Niederösterreicher mobilisierte. 1979 war es aber Marboe, der als Programmchef die ganze Potenz des ORF-Fernsehens aufbot und die Richtigkeit der These Gerd Bachers nachwies: Der ORF sei die größte Medienorgel des Landes. Heute wirkt „Licht ins Dunkel" angegraut, kommt aber unvermeidlich alle Weihnachten. Marboe hat das Volk an die Sendung und den ORF gebunden.

„Ruhestand" mit Raimund#

Ernst Wolfram Marboe wurde am 10. August 1938 in Wien geborene, absolvierte ein Regie- und Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar, lernte als Assistent und Inspizient das Burgtheater, die Bregenzer und Salzburger Festspiele und mehrere europäische Theaterhäuser kennen. Ab 1961 arbeitete er als Autor und Regisseur für den ORF, wurde Leiter der Abteilung Hörspiel und Literatur im Landesstudio Niederösterreich und 1976 dessen Intendant. 1978 wurde er Intendant von FS2, 1984 Fernseh-Programmintendant. Marboe schied 1993 aus dem ORF aus.

Von 2000 bis 2007 leitete er die Raimundspiele in Gutenstein, die er künstlerisch auf eine neue Basis stellte. Von 1996 bis 2005 war Marboe Vorsitzender des der ÖVP nahestehenden Österreichischen Akademikerbundes.

Ruft man sich einige Weggefährten Marboes wie Erhard Busek oder Jörg Mauthe in Erinnerung, so fällt noch etwas auf. Marboe gehörte einer Zeit an, in der es im intelligenten Teil der Reichshälfte rechts der Mitte manchmal noch heiter zuging. Bunte Vögel wurden ausgelassen oder entkamen. Würdigungen von allen Seiten zeigen Marboes Standing über alle Grenzen hinweg.

Wiener Zeitung, Sa./So., 14./15. Jänner 2012