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"Mit jedem Menschen, der stirbt, stirbt auch ein Stück Geschichte und Erinnerung"#

Ernst Wolfram Marboe#

Nachruf in "morgen" 1/12#

Er war kein einfacher Mensch. Er war ein Schwieriger: Für seine Mitarbeiter, seine Familie, seine Frau, seinen Sohn und seine drei Töchter. Er war schwierig, auch für sich selbst. Er hat gelitten, an seinen eigenen Widersprüchen, an den hohen Ansprüchen, die er an sich stellte und an alle, die ihm nahestanden. Er lebte, arbeitete, wirkte mit Leidenschaft, er schenkte seine Kraft und forderte Kraft. Nur Menschen mit Ecken und Kanten können etwas schaffen. Ernst Wolfram Marboe hatte die Kraft zum (Er)Schaffen. Er inszenierte seine Welt, er dirigierte seine Welt, er spielte in seiner Welt. Sie war bunt und voll Phantasie.

Als Student am ReinhardtSeminar, als Regisseur, Dramaturg leitet er ab 1962 das "Wiener Studententheater". Er engagiert sich im Vorbereitungskomitee für die erste Nationalfeiertagsfeier 1968. Es sind bewegte Zeiten, die Jugend sucht die Konfrontation mit der Kriegsgeneration.

Der ewige Regisseur#

Der im Sternzeichen des "Löwen" Geborene führt Regie, ein Leben lang. Er führt Menschen, setzt sich durch, hat Autorität. Er selbst empfindet diese Gabe als "Stigma". 1978 erhält er von Gerd Bacher im und mit dem ORF seine große Bühne. Er nützt sie, mit allen Möglichkeiten, die er erforscht, die er erfindet. Er ist ein ständig Unruhiger, ein Fordernder, ein Ideenspender, der oft maßlos übers Ziel schießt, aber einer, der immer an Neuem interessiert ist, Neues schafft. Er ist ein bürgerlicher Revolutionär, der Entwicklungen vorwegnimmt. Er träumt vom "interaktiven" Fernsehen, bei dem das Publikum Programm machen kann. Er nützt die neuen technischen Möglichkeiten der Elektronik. Sein FernsehSchauspiel "Der Barometermacher auf der Zauberinsel" von Ferdinand Raimund lotet die Grenzen des in Österreich technisch Machbaren aus.

Das Ergebnis ist schillernd, farbenprächtig, verspielt, immens teuer und beim Publikum nicht erfolgreich. Im Rückblick sind es Meilensteine der österreichischen Fernsehgeschichte. Marboe lässt aus dem Wiener Stephansdom das Mozart-Requiem erstmals im damals neuen HD-Verfahren übertragen, zwei Jahrzehnte, ehe "High Definition" zum neuen Standard der Bildqualität wird. Er experimentiert mit dreidimensionalen Programmen und erfindet ein wöchentliches Fernsehspiel. "Die liebe Familie" wird von großen Schauspielern im Stegreif gespielt. Mit der Diskussions-Sendung "Café Central" eröffnet sich Marboe ab 1979 eine neue Bühne. Neun Jahre lang prägt er den Diskussionsstil im Lande. Es gibt niemanden von Rang, der nicht im "Café Central" Platz nimmt.

Unkonventionelles TV#

Auch das Sterben lädt Ernst Wolfram Marboe ins Fernsehen. Der todkranke Wiener Schriftsteller Jörg Mauthe spricht über sein nahes Ende. Marboe leitete das Gespräch so ein: "Mit jedem Menschen, der stirbt, stirbt auch ein Stück Geschichte, ein Stück Erinnerung und ein Geheimnis."

Seit damals ist Ernst Wolfram Marboe mit dem "morgen" eng verbunden: Er macht Vorschläge, schreibt selbst und diskutiert. Er ist Niederösterreicher, Perchtoldsdorfer, Österreicher … zahllose Geschichten, Anekdoten und Legenden machen die Runde. Sein Leben und das seiner Familie werden ohne seinen katholischen Glauben in wienerischer Ausprägung, ohne das katholische Vereinswesen, ohne den Cartellverband, nur unzureichend beschrieben.

Marboe ist ein zutiefst politischer Mensch, ein österreichischer Patriot. Er leidet an den Unzulänglichkeiten derer, denen er sich nahe fühlt. Streit scheut er nicht. Er glaubt an die produktive Kraft des Konflikts. 1993 muss Ernst Wolfram Marboe den ORF im Konflikt mit Gerd Bacher verlassen. Es ist ein brutaler Einschnitt in seinem Leben. Er kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Der frühere Reinhardt-Seminarist leitet die Raimund-Festspiele im niederösterreichischen Gutenstein. Er fühlt sich seit Kindestagen daheim in der Geister und Feenwelt des österreichischen Dichters, in der "großen Kraft der Melancholie in unserer Seele".

Ernst Wolfram Marboe wusste von seiner Krankheit. Er hatte Zeit, sich auf den Tod vorzubereiten. "Was ist das Gegenteil von Sünde?", wollte er von einem Freund wissen. "Buße? Bravsein?" Die Antwort hieß: "Glaube". Den hatte er. Sein Weggehen wurde ihm nicht leicht gemacht. Er starb daheim, umgeben von den Menschen, die er liebte. Sie haben den Starken getragen, ein Leben lang.