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"Erquickender Erholungsort"#

Der Wiener Stadtpark feiert sein 150-jähriges Bestehen. Ein Rückblick auf Kaiser, Bürgertum und auf einen "Kreuzzug gegen die moderne Kunst", der 1954 im Stadtpark inszeniert wurde.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 2. Juni 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Hlavac


'Donauweibchen'
Die Skulptur "Donauweibchen" im Stadtpark, Kopie aus 1948.
© Christian Hlavac

Im Vergleich zu anderen Großstädten Europas wurde die mittelalterlich strukturierte Residenz- und Reichshauptstadt Wien relativ spät entfestigt. Diese räumliche "Sprengung" Mitte des 19. Jahrhunderts war nicht nur der Beginn der städtebaulichen Verbindung der Stadt mit den Vorstädten, sondern ermöglichte die Errichtung von großen Park- und Gartenanlagen am Rande der dicht bebauten Stadt. Obwohl diese Park- und Gartenanlagen am ehemaligen Befestigungsgürtel offiziell vom österreichischen Kaiser initiiert wurden, stehen sie für das immer größer werdende Selbstbewusstsein des Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die erste Parkanlage Wiens, die auf Kosten der Gemeinde eigens für die breite Öffentlichkeit errichtet wurde, war der Stadtpark am Parkring, der im Sommer 2012 sein 150-jähriges Bestehen feiert. In den wesentlichen Grundzügen bis heute gut erhalten, stellt der Stadtpark mit dem angrenzenden Kinderpark als früheste kommunale Parkanlage ein wichtiges Zeugnis der Gartenkunst der expandierenden Stadt Wien und der Stadt als eigenständige Kommune dar.

"Es ist mein Wille, daß die Erweiterung der inneren Stadt Wien mit Rücksicht auf eine entsprechende Verbindung derselben mit den Vorstädten ehemöglichst in Angriff genommen und hiebei auch auf die Regulirung und Verschönerung Meiner Residenz- und Reichshauptstadt Bedacht genommen werde. Zu diesem Ende bewillige Ich die Auflassung der Umwallung und Fortifikationen der inneren Stadt, so wie der Gräben um dieselbe." Mit diesen Worten beginnt das "Allerhöchste Handschreiben" von Kaiser Franz Joseph I., datiert mit 20. Dezember 1857. Mit diesem Beschluss der Schleifung der Wiener Befestigungsanlagen wurden auch neu zu planende Grünflächen als teilweiser Ersatz für das vor der Stadt Wien liegende, unverbaute, teilweise vom Militär und von der Bevölkerung als Erholungsfläche genützte Glacis vorgesehen.

"Zur Zierde gereichend"#

Die erste dieser neuen öffentlichen Grünanlagen war der Stadtpark auf der Fläche des ehemaligen "Wasserglacis". Die Gemeinde Wien erhielt 1860 die Fläche links des Flussufers der "Wien" unter der kaiserlichen Bedingung, dass "auf diesem Raume ein der Residenz zur Zierde gereichender öffentlicher Garten auf Kosten der Stadtgemeinde möglichst schnell angelegt" und "daß dieser Garten zu keiner Zeit seiner Widmung für die Bevölkerung entzogen werde."

Der Stadtpark als erster öffentlicher Park im Wirkungskreis der Stadtverwaltung Wien sollte alle Funktionen des einstigen Erholungsgebietes am Wasserglacis übernehmen. Als Ersatz für die 1862 geschleifte, namensgebende "Mineralwassertrinkanstalt" errichtete man 1865 bis 1867 im Stadtpark den noch heute existierenden Kursalon als prachtvolles Festgebäude.

Mit August 1861 lagen der Stadterweiterungskommission mehrere Entwürfe von eingeladenen Fachleuten für den Stadtpark vor, wobei bereits im Vorfeld die Anlage eines Parks nach "englischer Manier" festgelegt worden war. Dem Gemeinderat wurde eine Planskizze des österreichischen Landschaftsmalers Joseph Selleny (1824-1875) zur Annahme empfohlen. Es gab jedoch gegen einzelne Details Bedenken. Man beschloss daher, die Skizze durch mehrere Tage öffentlich auszustellen, um das "Urtheil des Publicums und der Journale zu hören", wie es in einem zeitgenössischen Zeitungsbericht heißt. Die Suche nach einem "allen Wienern gehörenden Volksgarten" wurde hiermit in eine eingeschränkte Öffentlichkeit getragen.

Bürgerlicher Stolz#

Wie aus einem Ende 1861 erschienenen Feuilleton deutlich wird, wollte das Bürgertum - und vor allem seine politischen Repräsentanten - sein neues Selbstbewusstsein auch im Garten sehen: "In Wien gibt es mehrere dem Publicum geöffnete Gärten - aber sie gehören einzelnen Familien oder dem Staate; das Publicum athmet darin mit hoher Erlaubnis Luft und Duft ein. Der Wiener wollte deshalb selbst einen Garten haben, mit seinem Gelde erbaut, wo er sagen konnte, hier bin ich bei mir."

Nach intensiven Debatten akzeptierte der Wiener Gemeinderat den Entwurf Sellenys unter der Bedingung, einige Änderungen vorzunehmen. Der erfahrene deutsche Gärtner Rudolph Siebeck (1812-1878) erstellte auf Sellenys Grundlage neue Entwurfspläne. Im Wesentlichen wurde von ihm der Plan Sellenys an die räumlich begrenzten Möglichkeiten angepasst. Er reduzierte das zu dichte Wegenetz und fügte eine Sichtachse als Durchblick und mehrere Rasenflächen ein.

Der größte Teil der Bauarbeiten im Stadtpark lief im Jahr 1862 an. Verwirrung herrscht um eine allfällige offizielle Eröffnung des Stadtparks. Laut mehreren Sekundärquellen soll am 21., 22. August oder 1. September 1862 der nördliche Teil des Stadtparks eröffnet worden sein. Berichte über eine solche offizielle Eröffnung vor und nach diesem Ereignis fehlen jedoch in den damaligen Tageszeitungen. Nachdem sich bisher keine Belege für eine offizielle Eröffnung nachweisen lassen, dürfte es sich hierbei um eine "urban legend" handeln.

Flucht in die Natur#

Trotz der heftigen Diskussionen im Vorfeld der Planung wurde die Grünanlage in den darauffolgenden Jahren von den betroffenen Wienern positiv rezipiert. Drei Jahre nach Übergabe der Grünanlage meinte der Autor eines Architekturbuches: "Die Anlage ist ein vielbesuchter Ort der Wiener geworden, welche sich aus allen Stadttheilen dahin flüchten, um den Park als erquickenden Erholungsort zu geniessen."

Der Stadtpark wurde als "Sanatorium" für die Menschen in der Natur gesehen. Während am Beginn vor allem das männliche Großbürgertum und "die Frauen der Bankdirektoren, Großindustriellen, Verwaltungsräte und erfolgreichen Börseaner" - den Stadtpark nutzten, ruhten sich nach der Jahrhundertwende während der Mittagsstunden auch "die ‚Stellenlosen‘ ein wenig von den Strapazen aus, die ihnen das stundenlange Stehen und bange Warten auf dem improvisierten ‚Stellenmarkt‘ in der Schulerstraße und den umliegenden Gäßchen verursachen", wie Arthur Roessler 1909 berichtete.

Die Stadt passte das Angebot im Stadtpark an die Moden an. Ab dem Winter 1867/68 wurde der Teich im Stadtpark als Eislaufplatz freigegeben. Später nutzte man auch den Wienfluss als Eislauffläche. Die 1903 erbaute "Milchtrinkhalle" (heute Meierei) im 1863 eröffneten Kinderpark am rechten Wienflussufer enthielt Zugänge zum inzwischen regulierten Wienfluss, damit man dort im Winter eislaufen konnte. So wurde das Gewässer nach Fertigstellung der Wienflussregulierung und der Wienflusseinwölbung (1898-1907) wieder in das Freizeitangebot des Stadtparks einbezogen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich wurde sehr rasch der Aktionsradius von Bewohnern jüdischen Glaubens im öffentlichen Raum eingeschränkt. Wie stark, das zeigt ein Bericht in der "Volks-Zeitung" vom 28. Juni 1938, der mit der Überschrift "Stadtpark ohne Juden" versehen ist: "Den Juden ist bekanntlich der Aufenthalt in einigen Wiener Parkanlagen, unter anderm im Stadtpark verboten worden. Nichtsdestoweniger gibt es immer noch einzelne Juden, die der Ansicht sind, das Verbot gelte zwar für alle übrigen Rassegenossen, für sie selbst aber nicht. So kommt es, daß sich Juden vereinzelt immer noch im Stadtpark - und wohl auch in andern ihnen verschlossenen Parkanlagen - einfinden, in der Annahme, sie würden in der Menge verloren gehen, und man werde sie nicht bemerken. Sie haben sich in einem Irrtum befunden. Sonntag machten in den Nachmittagsstunden SA- und SS-Männer im Stadtpark einen Rundgang [...]. Von der Mehrzahl der Juden wird das Verbot respektiert, und sie wagen es nicht, den Park zu betreten."

Östlich vom Kursalonparterre fand 1883 ein Wetterhäuschen aus Metall Aufstellung. Im April 1914 wurde das baufällige Wetterhäuschen abgetragen, da der Platz für die Errichtung des (später weltberühmten) Johann-Strauß-Denkmals vorgesehen war. Als Ersatz wurde bereits 1913 das noch heute bestehende, aus Steinguss gefertigte Wetterhäuschen errichtet. Es war das größte in der österreichisch-ungarischen Monarchie und wies ein Normalthermometer, ein Hygrometer, ein Barometer und ein "Sonnenstrahlthermometer" auf.

Das vor allem durch Kriegseinwirkungen desolate Wetterhäuschen wurde 1966 restauriert und mit neuen Anzeigen ergänzt: Nun gab es eine Anzeige der Mondphasen und eine Weltzeituhr. Eine besondere Attraktion war die Wettervorhersage, die direkt von der "Hohen Warte" dreimal täglich durchgegeben wurde.

Sau an Schuberts Hals#

1954 fand erstmals die Veranstaltung "Plastiken im Stadtpark" zu beiden Seiten des Wienflusses im Stadt- bzw. Kinderpark statt. Ziel war "ein breites Publikum mit den Tendenzen moderner Kunst vertraut zu machen." Bereits Anfang Juli 1954 musste das Rathaus in einer Pressemitteilung von Vandalen im Stadtpark berichten: In der Nacht hatten unbekannte Täter bei ihrem "Kreuzzug gegen moderne Kunst" drei Skulpturen durch Eisenstangen und Spitzhacken beschädigt. Das Rathaus vermeldete damals: "Eine besonders empörende Sache leisteten sich diese Leute, indem sie die Schrifttafel zu Alexander Wahls Plastik ‚Die Muttersau‘ der Statue Franz Schuberts um den Hals hängten." Vier Polizisten bewachten seit diesem Vorfall "bei Tag und Nacht die Ausstellung". Statt Zerstörungen tauchten Flugzettel mit der Ankündigung weiterer Zerstörungsaktionen unter dem Titel "Was habt ihr denn sonst erwartet für diesen Schund?" auf.

Christian Hlavac ist Gartenhistoriker und Publizist. Mitherausgeber des Buches "Historische Gärten und Parks in Österreich" (April 2012).


Wiener Zeitung, 25. Mai 2012