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Doppelaxt und Lockenring#

Das Kunsthistorische Museum zeigt "Das erste Gold und das älteste Goldbergwerk Europas".#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 7. März 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Frühe Kunstfertigkeit: Das KHM widmet sich den ersten bekannten Goldarbeiten des Menschen
Frühe Kunstfertigkeit: Das KHM widmet sich den ersten bekannten Goldarbeiten des Menschen.
Foto: © KHM

Vor zehn Jahren wurde am bulgarischen Ada Tepe im Rhodopengebirge das bisher älteste Goldbergwerk Europas entdeckt und von Hristo Popov ausgegraben. Es gilt als die wichtigste Rohstoffquelle für die sagenhaften Goldschätze von Mykene und Troja, innerhalb des heutigen Bulgariens und von den Griechen als Thrakien bezeichneten Gebiets, aber möglicherweise aber auch für den Norden Europas. Große Distanzen wurden schon ab 3000 vor unserer Zeit von Kaufleuten und Künstlern überwunden, erst mit dem Untergang Trojas um 1000 wurden das Bergwerk aufgelassen und zwei nahe Besiedelungen verlassen.

Ob es an der fehlenden Nachfrage, den entdeckten ägyptischen Minen oder an den Einfällen der sogenannten Seevölker lag, bleibt ungewiss; das Bergwerk hat jedenfalls noch Ressourcen mit bis zu sieben oder acht Kilo Gold pro Tonne Gestein. Als wichtiger Kulturaustausch zwischen Bulgarien und Österreich läuft neben der Ausstellung "Das erste Gold" im Kunsthistorischen Museum und einer Gegengabe der Antikensammlung ab März nach Sofia eine wissenschaftliche Kooperation der Akademien der Wissenschaften von Sofia und Wien zur Erforschung der Schatzfunde, wobei das Curt-Engelhorn-Zentrum von Mannheim die archäometrischen Faktenerstellung übernommen hat. Dabei wird das Gold, auch früherer berühmter Funde, auf seine Herkunft vom Ada Tepe untersucht.

Kurator Popov hat mehr als 300 Gold-, Silber- und Bronzeexponate aus 14 bulgarischen Museen zum Thema aus zwei Jahrtausenden, erstmals versammelt. Im Ausland waren die verschiedenen Schatzfunde noch nicht zu sehen. Die sensationellen Goldmasken, Tiaras und Goldperlenketten aus einigen Fürstengräbern wie den Grabhügeln von Svetica und Svetari, die in den vergangenen Jahrzehnten ausgegraben wurden, sind vereint mit dem bekannten Schatzfund von Vălčitrăn von 1924 mit besonderen goldenen Kultgefäßen und dem Silberschatz von Petrič.

Raub und Plünderungen#

Manche Funde stammen aus Plünderungen oder Raubgrabungen, der Hortfund von umen geht auf die Zerstörung eines türkischen Befestigungssystems zurück, das einen Grabhügel mit einbezogen hat. Die 13 Objekte für einen frühen Kult aus Vălčitrăn wurden von Hauseigentümern in geringer Tiefe gemacht und ohne Verständnis behandelt, sogar zum Teil zerschlagen, um sie in Teilen an Goldschmiede zu verkaufen. Erst durch Beschlagnahmung kamen sie in die Hände der Archäologen des Nationalen Museums von Sofia.

Die Gegenstände bestehen zum Teil aus mehreren Kilo Gold, Elektron und Bronze. Ein Kantharos wiegt über vier Kilogramm Gold. Eine besonders interessante Entdeckung zur Verarbeitung des geschmolzenen Edelmetalls machten Bauern in einem Acker bei Mogilica nach 1980; es handelt sich um ein Ensemble von Gussformen aus Stein (Gneis-Schiefer) für eine Werkstatt, die wie die Gussformen von Pobit Kamak bronzezeitliche Schwerter, Barren, Messer und Appliken für verschiedene Schmuckgegenstände fertigte.

Auch die Tongefäße der Besiedelungen um diese Fundstellen, vor allem jene um das älteste Goldbergwerk zeigen Techniken, die eng mit den Kenntnissen der Künstler und Handwerker von Mykene zusammenhängen. Nicht nur Spiralen als Muster, sondern auch eine besondere Verzierungsform der Haare spielte dabei eine große Rolle: Man schloss die geflochtenen Strähnen mit goldenen Spiralröllchen ab, es gibt aber auch dickere Lockenringe.

Reichtum wurde nicht nur im Alltag demonstriert mit Armreifen und Halsringen (Torques) aus Gold, sondern das sonnengelbe Gold war besondere Gabe für das Jenseits, was einen Glauben an eine weitere und höhere Existenz voraussetzt; so wurde Goldschmuck vor allem in Gräbern und in Hortfunden entdeckt. Die Horte bilden eine besondere Art der Göttergabe. Das Vergraben von Kultwaffen gab es in dieser Zeitepoche in ganz Europa. In Bulgarien fand man darin Sicheln und Beile aus Bronze.

Bis heute bleibt jedoch rätselhaft, wofür ein dreiteiliges Gefäß aus Vălčitrăn mit zusammen montierten blattförmigen Schalen aus Gold und Elektron verwendet wurde, das im Stil an Jugendstilarbeiten der Wiener Werkstätte erinnert. Der Vergleich ist nicht zufällig: Wiener Secessionskünstler wie Gustav Klimt und Josef Hoffmann ließen sich von mykenischen Goldfunden um 1900 anregen.

Wiener Zeitung, Dienstag, 7. März 2017