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Ethnographisches Museum geschlossen#

"Fenster in den Osten" ist nun geschlossen#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 18. Oktober 2008)


Das ethnografische Museum Kittsee schließt die Pforten. Sammlungen sollen aber nicht im Keller verrotten.

Kittsee. (aka) Lebensgroße Hexenpuppen, mächtige Bienenstöcke, bunt bemalte Friedhofskreuze – nach 34 Jahren Aufenthalt im Batthyány-Strattmann-Barockschloss Kittsee im Burgenland wandern die Ausstellungsstücke in ein Depot des Wiener Volkskundemuseums. Das Ethnografische Museum Kittsee schloss am Wochenende endgültig seine Pforten mit der Finissage „Les adieux Kittsee“. 1974 aktivierte Volkskunde-Museumsmitarbeiter Adolf Mais die „Ost-Sammlung“, mit der nach dem Zweiten Weltkrieg das Wiener Volkskundemuseum nichts anfangen konnte oder wollte. „Auf der Suche nach einer neuen Identität Österreichs nach den Kriegen wollte man sich auf das verbliebene Österreich konzentrieren“, erläutert Margot Schindler, Geschäftsführerin des Ethnografischen Museums Kittssee und Direktorin des Museums für Volkskunde in Wien. In den Jahren des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs entwickelte sich das Kittsee-Museum zu einem „Fenster in den Osten“. Man arbeitete, direkt an der damaligen Außengrenze zwischen Ost und West, mit dem ganzen früheren galizischen Raum – bis nach Tirana – zusammen, während in der Politik Eiszeit zwischen den Systemen herrschte. Gezeigt wurden Sammlungen aus Ost- und Südost-Europa, die bis in die Monarchiezeit zurück gehen. 87 Ausstellungen in 34 Jahren, 15.000 bis 18.000 Besucher pro Jahr: „Damit hatten wir einen wirtschaftlichen Deckungsgrad von 30-40 Prozent, was für Bundesmuseen sehr hoch ist“, sagt Volkskundlerin Schindler.

Geld wurde zu knapp#

Trotzdem ist nun Schluss. Man habe keine Investitionen mehr machen können, weil das Jahresbudget von Bund, Land Burgenland und Gemeinde Kittsee mit 346.000 Euro zu knapp war. Die zusätzlich pro Jahr erforderlichen 260.000 Euro wollte nämlich keiner mehr aufbringen. „Irgendwann geht‘s nicht mehr“, bedauert Schindler. „Der Bund zieht sich schon seit dem Jahr 2000 langsam zurück. Alle Gespräche und Interventionen verliefen negativ“, so Schindler. Das Land Burgendland lehnte Schindlers Stufenkonzept für einen Relaunch des Museum letztendlich auch ab. Ein bis zwei Jahre hätte sie das Haus ohne Erneuerungen gerade noch „weiterschleppen“ können, vermutet Schindler. „Ohne ordentliches Programm will ich aber nicht weitermachen“, erklärt sie. Fünf Mitarbeiter und zwei Teilzeit-Reinigungskräfte werden nun teils in die Pension verabschiedet, teils als Bundesbedienstete anderswo eingesetzt. Die Sammlungen gehen vorerst in ein Depot, in den nächsten drei bis sechs Jahern will Schindler ein Konzept für eine Europa-Sammlung im Volkskundemuseum entwickeln, in die auch die Kittseer Sammlungen eingebunden werden sollen. Dann hätten auch jene, die es nicht rechtzeitig nach Kittsee geschafft haben, eine Chance, die volkstümlichen und historischen Gegenstände aus Osteuropa zu Gesicht zu bekommen. „Entlang des ehemaligen eisernen Vorhangs gibt es keine vergleichbare Einrichtung“, sagt Schindler. Sie weint vor allem über die vertane Chance, mitten im neuen Mitteleuropa ein ausbaufähiges Zentrum für Begegnung zu schaffen.

Wiener Zeitung, Samstag, 18. Oktober 2008