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47,8 Kilometer lange Pionierleistung #

Jubiläumsjahr 2010 für eine der bedeutendsten Alpenrouten: Bereits 60 Millionen Besucher bewältigten die 36 Kehren#


Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus der Wiener Zeitung (Dienstag, 15. Juni 2010)

Von

Christian Mayr


2010: Vor 75 Jahren wurde die Großglockner Hochalpenstraße feierlich eröffnet. Was hinter dem Großprojekt steckte und warum es heute noch als Vorbild gilt.#

Glocknerstraße
Einzigartige Bergkulisse: 900.000 Besucher jährlich wollen ganz nah an den höchsten Berg Österreichs
© Wiener Zeitung / Foto: Grohag

Salzburg/Wien. Frohe Stimmung beseelt heute die Alpenbewohner. Hell leuchten ihre Augen und Stolz liegt in ihren Blicken, Stolz auf ihre schöne Heimat und Freude über das denkwürdige Fest der Arbeit, woran sie mit den offiziellen Gästen herzlichen und berechtigten Anteil nehmen. Heute dürfen sie Krampen und Spitzhacke aus den schwieligen Fäusten legen, denn heute ist nach der jahrelangen harten Arbeit froher Feiertag angebrochen.

In einer sechsseitigen Sonderausgabe berichtete die "Wiener Zeitung" am 4. August 1935 über ein für Österreich historisches Ereignis – die tags davor erfolgte Eröffnung der Großglockner Hochalpenstraße. 75 Jahre später – im Jubiläumsjahr der 47,8 Kilometer langen Alpenstraße – gilt diese immer noch als Pionierleistung heimischer Straßenbaukunst.

In der für damalige Verhältnisse rekordverdächtigen Bauzeit von nur fünf Jahren wurde die Straße von rund 4000 Arbeitern unter Extrembedingungen in die Hohen Tauern gemeißelt. Dies großteils mit bloßer Handarbeit – weil es kaum schwere Baumaschinen gab und man auf Scheibtruhe und Pferdefuhrwerk angewiesen war. Zum Teil wurde aber auch ganz bewusst auf Maschinen verzichtet, um so viele Arbeitsplätze wie möglich zu schaffen, erklärt Oskar Dohle vom Salzburger Landesarchiv: „Man hat im Ständestaat versucht, Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und den Sozialisten und Nationalsozialisten etwas entgegenzusetzen.“ Nicht zuletzt begründet sich die Existenz der Hochalpenstraße in der Weltwirtschaftskrise, die in Österreich damals zu einer Arbeitslosigkeit von 26 Prozent geführt hatte; deshalb gab es auf der Großbaustelle auch eine strenge Quote, wonach 80 Prozent der Arbeiterplätze für vorgemerkte Arbeitslose reserviert waren.

Großglocker Hochalpenstraße

Für Thomas Macoun, Verkehrplaner der TU-Wien, gilt die Glocknerstraße als „echte Pionieleistung“, die damals die auch heute noch gültigen Standards im Straßenbau gesetzt habe. „Sie ist so angelegt, wie wir heute Gebirgsstraßen machen würden. Die Minimalradien der Kehren betragen zehn Meter, die maximale Steigungen nur zehn Prozent.“

Vorbild für Olympia#

Daher gelte sie für moderne Gebirgsstraßen als Vorbild – etwa für die russische Olympia-Stadt Sotschi (Winterspiele 2014), wo Macoun als Berater tätig ist. „Zu den Starts bei den Alpinrennen sollen sogar Busse rauffahren können. Das geht mit den Dimensionierungen der Hochalpenstraße wunderbar – wenngleich die Russen etwas breiter bauen wollen“, erklärt der Verkehrsexperte. Im heutigen Vergleich geradezu billig nehmen sich die Baukosten aus: Laut aktuellem Geldwert kostete das Projekt rund 60 Millionen Euro; vor allem deshalb, da das Niveau der Baukosten damals ungleich niedriger war.

Außer zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sollte die Hochalpenstraße auch als Tourismus-Zugpferd fungieren: „Es galt, den damals schon aufkommenden Individualverkehr touristisch zu nutzen und die Schönheit der Alpen zu präsentieren“, erörtert Dohle. Mastermind hinter der Glocknerstraße war der Salzburger Langzeit-Landeshauptmann Franz Rehrl, der laut Dohle „Technikfreak und Autonarr“ war. „Er wollte den Tourismus diversifizieren: Nicht nur Festspiele, sondern auch für Autos.“ Aus diesem Grund stieg Rehrl – zusammen mit dem genialen Bauherrn der Straße, Franz Wallack, – bereits ein Jahr vor der Eröffnung in einen „Steyr 100“, um erstmals mit einem Automobil Hannibal-gleich den Alpenhauptkamm zu überqueren. Eine Inszenierung, die ganz im Dienst der damaligen österreichischen Autobau-Kunst stand, so Dohle.

Großglocker Hochalpenstraße
Fünf Jahre wurde unter Extrembedingungen gebaut
© Wiener Zeitung / Foto: Grohag

Heute hat der Reiz der Hochalpenstraße, die sich mit ihren 36 Kehren zwischen Bruck und Heiligenblut bis auf eine Höhe von 2571 Metern (Edelweißspitze) erstreckt, nichts an Faszination verloren. 900.000 Besucher kommen alljährlich, was sie unter die Top 3 der Attraktionen in Österreich reiht. Im heurigen Jubiläumsjahr soll der 60-millionste Besucher begrüßt werden – im Rahmen eines ganzen Festreigens mit unzähligen Veranstaltungen.

Geringe Opfer-Zahl#

Für die Republik fungiert die Großglockner Hochalpenstraßen AG mit jährlich rund sieben Millionen Euro als stete Einnahmequelle (Salzburg und Kärnten sind je zu 10,5 Prozent beteiligt). Eine Pkw-Tageskarte kostet heuer 28 Euro. Die Hochalpenstraße, die durch den späteren Nationalpark gebaut wurde, forderte aber auch ihre Opfer: 13 Menschen starben während der Bauarbeiten, acht weitere ließen bis 1991 ihr Leben auf der Straße. Eine eindrucksvoll geringe Zahl für eine derart vielbefahrene Alpenstraße – was auch auf die innovative Bauweise zurückzuführen ist.

Die Münze Österreich bringt anlässlich des Jubiläums im Juni 2010 die 5-Euro-Münze "75 Jahre Großglockner Hochalpenstraße" heraus.

--> www.grossglockner.at

Wiener Zeitung, Dienstag, 15. Juni 2010