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Land der Äcker #

2015 war das Internationale Jahr der Böden. Was wird nun aus all den Vorsätzen, den horrenden Flächenfraß in Österreich einzudämmen? #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 21. Jänner 2016).

Von

Reinhard Seiß


Umgerechnet über 30 Fußballfelder werden täglich für Wohnhäuser, Supermärkte, Büro- und Gewerbebauten, Freizeitanlagen, Straßen und Parkplätze der Landschaft entzogen
Umgerechnet über 30 Fußballfelder werden täglich für Wohnhäuser, Supermärkte, Büro- und Gewerbebauten, Freizeitanlagen, Straßen und Parkplätze der Landschaft entzogen
Foto: © R. Seiß

Unsere Städte und Dörfer entstanden nicht von ungefähr inmitten der fruchtbarsten Böden: Bis ins frühe 20. Jahrhundert lebten die meisten Orte von der unmittelbaren Nähe zu den Wiesen und Feldern, die Arbeit und Nahrung boten. Mit dem Bedeutungsverlust der Landwirtschaft und dem gleichzeitigen Aufkommen der Automobilisierung verlor diese räumliche Bindung schlagartig ihre Bedeutung. Zunehmender Wohlstand und ökologische Sorglosigkeit führten zu einer raschen Ausdehnung unserer Siedlungsräume – fatalerweise genau auf jenen Flächen mit der höchsten Bodengüte. Laut Umweltbundesamt haben wir in den letzten 50 Jahren rund 300.000 Hektar landwirtschaftlichen Grundes für unsere Siedlungstätigkeit in Anspruch genommen – was der gesamten Agrarfläche Oberösterreichs entspricht.

Europameister in Sachen Bodenverbrauch #

Wer nun meint, dies sei eben der Zug der Zeit, hat nur bedingt recht: Während hierzulande per anno 0,5 Prozent der bäuerlichen Produktionsflächen verschwinden, sind es in Deutschland und der Schweiz nur halb so viel. Österreich ist Europameister in Sachen Bodenverbrauch! 20 Hektar Grünland oder umgerechnet über 30 Fußballfelder werden tagtäglich für Wohnhäuser, Supermärkte, Büro- und Gewerbebauten, Freizeitanlagen, Straßen und Parkplätze der Landschaft entzogen – Jahr für Jahr also 7300 Hektar, mehr als das Stadtgebiet von Salzburg. Zwar beschloss die Bundesregierung 2002 in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie eine drastische Reduktion des täglichen Bodenverbrauchs bis 2010 auf 2,5 Hektar pro Tag – tatsächlich nahm er seither aber um weitere 22 Prozent zu.

Dieser Umgang kann nicht mehr nur als verschwenderisch bezeichnet werden, er ist in hohem Maße verantwortungslos. Das Bevölkerungs- und Wohlstandswachstum in den Agrarexportländern der sogenannten Zweiten und Dritten Welt, zunehmende Ernteausfälle infolge des Klimawandels und steigende Transportkosten aufgrund von Energieknappheit werden es mittelfristig immer teurer machen, Lebensmittel aus allen Teilen der Welt zu beziehen. Anstatt daher – wie zum Beispiel die Schweiz – die Möglichkeit der Eigenversorgung Österreichs zu sichern, macht die heimische Politik keinerlei Anstalten, wirksame Maßnahmen zum Bodenschutz zu ergreifen. Im Gegenteil: Mit immer weitergehenden Freihandelsabkommen tragen auch unsere Volksvertreter das Ihre dazu bei, dass das Bauernsterben – abgesehen von wenigen agroindustriellen Gunstlagen – weiter geht.

Wissenschaftler, Umweltaktivisten aber auch Agrarlobbyisten sorgten im vergangenen Jahr des Bodens für viel öffentliche Aufmerksamkeit für diese Problematik. Doch mehr als weitere Lippenbekenntnisse ernteten sie von politischer Seite nicht. Die Raumplanung wurde wieder einmal in die Pflicht genommen, dem Wildwuchs ein Ende zu bereiten – wobei jeder Plan reine Makulatur ist, wenn zum einen kein planungspolitischer Wille zu seiner konsequenten Umsetzung dahinter steht, und zum anderen auf Bundes- wie Länderebene der notwendige ressortübergreifende Konsens für grundlegende Änderungen fehlt. Denn Bodenschutz ist keine ausschließlich raumordnungs-, landwirtschafts- oder umweltpolitische Aufgabe. Je sorgloser beispielsweise das Tourismusland Österreich seine Landschaft zersiedelt und zerschneidet, umso mehr schwächt es die Basis einer seiner wichtigsten Wirtschaftszweige.

Extensive Besiedlung #

Volkswirtschaftlich folgenschwer ist der Bodenverbrauch auch infolge der extensiven Besiedlung: Wohngebiete fernab der Ortszentren mit freistehenden Einfamilienhäusern auf großen Parzellen ziehen ebenso hohe öffentliche Ausgaben für die Verkehrs- und Siedlungsinfrastruktur nach sich, wie weitläufige Gewerbegebiete mit eingeschoßigen Handels- und Industriebauten samt ausladender Parkplätze. Aufgabe der Landesraumordnungsämter wäre es, endlich auf eine disziplinierte Flächenwidmungsplanung der Gemeinden zu beharren – mit klaren Siedlungsgrenzen, mit Rückwidmungen des immensen Baulandüberhangs sowie mit einem Umwidmungsverbot für fruchtbare Böden. Die Bebauungspläne wiederum sollten Mindestdichten vorgeben – und die Stellplatzverordnungen Höchstzahlen.

Die Gemeinden müssten schon bei der Parzellierung des Baulands für deutlich kleinere Grundstücksgrößen sorgen: Statt der immer noch weit verbreiteten 1000 Quadratmeter- Parzelle dürfte einem Häuslbauer künftig maximal noch ein Drittel dessen zur Verfügung stehen. Anders werden sich verdichtete Bauformen am Land niemals durchsetzen – und Ziele wie ein täglicher Bodenverbrauch von bloß 2,5 Hektar auf ewig Illusion bleiben. Zum Vergleich: In Roland Rainers Gartenstadt Puchenau bei Linz beschränkten sich die Einfamilienhäuser bereits in den 1960er-Jahren auf Parzellen von 105 bis 270 Quadratmetern.

Die Wohnbaupolitik der Länder müsste bodensparendes Bauen zur Bedingung für die Gewährung von Wohnbauförderung machen. Selbiges gilt für die Wirtschaftspolitik und ihre Subventionierung von Betriebsansiedlungen. Die Bundesfinanzpolitik wiederum müsste den Finanzausgleich dahingehend reformieren, dass die Kommunen nicht mehr nur für Wachstum um jeden Preis belohnt werden: Ähnlich den Stilllegungsprämien in der Landwirtschaft, sollten Gemeinden davon profitieren können, wenn sie ihren Boden zum Wohle der Allgemeinheit vor jedweder Verbauung freihalten.

Zudem müssten die Bürgermeister vom ruinösen und flächenintensiven Wettlauf um die Kommunalsteuer befreit werden, dem wir eine Unzahl überflüssiger oder zu groß dimensionierter Gewerbestandorte „verdanken“. Längst sollten sämtliche öffentliche Entwicklungsanreize auf die Sanierung, Verdichtung und Umnutzung der bestehenden Bebauung statt auf Neuansiedlungen abzielen.

Eine bundesweite Regulierung des Markts wiederum ist im Einzelhandel von Nöten: Österreich hat mit 1,9 Quadratmeter Verkaufsfläche pro Kopf die mit Abstand höchste Einzelhandelsdichte aller EU-Staaten – und damit weit über jedes vernünftige Maß hinausgeschossen. Deutschland auf Platz zwei kommt mit lediglich 1,4 Quadratmetern aus, Großbritannien gar mit nur 0,7. Darüber hinaus sind in der BRD nur 17 Prozent des Handels flächenintensiv „auf der grünen Wiese“ situiert – in Österreich dagegen 51 Prozent.

Bedarfsprüfung für Verkehrswege #

Auch im Straßenbau sind wir europaweit führend. Während dem VCÖ zufolge auf jeden von uns 15 Meter Straße entfallen, findet der statistische Durchschnittsbürger in Deutschland und der Schweiz mit jeweils acht Metern sein Auslangen. Ratsam wäre eine unabhängige Bedarfsprüfung für geplante Verkehrswege, die bis dato oft ohne wirkliche Erfordernis, rein auf Zuruf eines Landeshauptmanns errichtet werden. Zuvorderst gilt es aber, den Autoverkehr soweit zu verteuern, dass die von ihm verursachten öffentlichen Kosten durch die Steuern und Abgaben der Autofahrer gedeckt werden. Mit dem auf diese Weise eingesparten Geld muss man den öffentlichen Verkehr attraktiver machen, der um ein Vielfaches bodensparender organisiert werden kann als der motorisierte Individualverkehr.

Von Flächengroßverbrauchern wie Handels- und Gewerbebetrieben könnte im Zuge der Baugenehmigung eine Art Kaution verlangt werden – für den Fall, dass das Unternehmen den Standort schon nach wenigen Jahren wieder aufgibt und ihn als „Altlast“ der Landschaft hinterlässt. So wie man beim Kauf eines Kühlschranks gleich auch dessen Entsorgung mitbezahlt, würde diese Kaution der Gemeinde ermöglichen, den Standort rückzubauen und wiederzuverwerten oder aber zu renaturieren. Mit einer progressiven Gestaltung der Grundsteuer und der Abwassergebühren wiederum könnten flächenintensive Siedlungsformen beziehungsweise unnötige Bodenversiegelung – auch im Wohnbau – verteuert und im Gegenzug bodenschonende Bebauungsformen aufkommensneutral belohnt werden. Es spielt kaum eine Rolle, welche dieser Instrumente die heimische Politik ergreift, um den Flächenfraß zu stoppen – existenziell für unsere Zukunft ist, dass sie es endlich tut.

Der Autor ist Raumplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien und Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung

DIE FURCHE, Donnerstag, 21. Jänner 2016