unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Aufbruch in das luzide Jahr#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 18. Dezember 2014)


Von

Martin Tauss


Symbolbild: Sonne
Symbolbild: Sonne
Foto: © Shutterstock

Wann immer in unserer Kultur vom Licht die Rede ist, schwingt darin meist viel Erhellendes und Erhebendes mit. Man denke nur an den doppelten Wortsinn des englischen Begriffs „enlightenment“, der die wirkmächtige Bewegung der Aufklärung, aber auch die „Erleuchtung“ schlechthin umfasst. Das Licht, so ließe sich im Anschluss an den deutschen Philosophen Thomas Metzinger sagen, steht hier für die zwei großen Stärken des menschlichen Geistes: kritische Rationalität und „phänomenale Tiefe“. Jene Stärken also, die das Attribut „luzide“ (hell, leuchtend, klar) rechtfertigen. Dass das Licht vom wahrhaft Guten stamme, hatte bereits der frühchristliche Philosoph Dionysius Areopagita im 4. Jahrhundert festgestellt. Und es war schon immer verwoben mit Visionen vom technischen Fortschritt und gesellschaftlichen Aufbruch. „Unserer Zeit leuchtet nicht ein wehmütiger Mond, sondern die helle Sonne der Technik“, hieß es 1928 ungewohnt poetisch von Seiten der Elektrizitätswerke Stern & Hafferl in Linz.

Es schwingt somit auch viel Kulturgeschichte mit, wenn die Vereinten Nationen 2015 als das „Internationale Jahr des Lichts“ verkünden, das von der UNESCO gemeinsam mit Partnern wie der Europäischen Physikalischen Gesellschaft koordiniert wird. Unter dem Motto „Licht für Veränderung“ soll die Initiative den zentralen Zeitgeber für Menschen, Tiere und Pflanzen vor Augen führen und zugleich den Wert des Lichts für Wissenschaft und Technologie verdeutlichen. Für den Physiker Joseph Niemela, Leiter der großen Licht-Initiative, gilt es nun, „neue Möglichkeiten zur Förderung photonischer Technologien dort zu identifizieren, wo sie benötigt werden – insbesondere in den Entwicklungsländern.“

Technische Errungenschaften #

Zudem lädt das „Jahr des Lichts“ dazu ein, gleich an mehrere Jahrestage optischer Errungenschaften zu erinnern. So haben französische Ingenieure vor 400 Jahren den ersten Prototyp einer Maschine entwickelt, die mit Solarenergie betrieben wurde – einer Energieform, der heute bekanntlich eine große Zukunft vorausgesagt wird. 1815 hat der französische Physiker Augustin Fresnel maßgeblich zur Begründung der Wellentheorie des Lichts beigetragen. Und weitere 100 Jahre später zeigte Albert Einstein, dass das Licht nicht nur Welle ist, sondern auch eine Teilchen-Natur hat und durch Gravitation abgelenkt werden kann. Genau dazwischen, nämlich 1865, hat der schottische Physiker James Maxwell mit optischen Experimenten die Grundlagen der Elektrizitätslehre geschaffen. Man könnte sich aber auch an ganz andere Zeitdimensionen halten: etwa an die erste kontrollierte Nutzung des Feuers, die bereits beim Peking-Menschen vor circa 500.000 Jahren nachgewiesen ist, oder an die ältesten erhaltenen Lampen, die vor rund 40.000 Jahren in Verwendung waren.

Dass der Physik-Nobelpreis 2014 ausgerechnet an japanische Materialforscher vergeben wurde, die unsere Beleuchtungstechnik revolutioniert haben, erscheint rückblickend wie ein nahtloser Übergang zum heraufdämmernden „Jahr des Lichts“. Mit großer Hartnäckigkeit haben Isamu Akasaki, Hiroshi Amano und Shuji Nakamura die Entwicklung der blauen Leuchtdiode (LED) auf den Weg gebracht. Dies war notwendig, um in Kombination mit dem roten und grünen Diodenlicht jene weiß-leuchtenden LEDs herzustellen, die zunehmend unseren Alltag prägen – in den Bildschirmen von Fernsehern, Computern und Smartphones ebenso wie in der neuen Generation von Beleuchtungskörpern. Das Zeitalter der Glühbirne neigt sich dem Ende zu: „Das 21. Jahrhundert wird von LEDs beleuchtet“, schrieben die Nobelpreis-Juroren in ihrer Würdigung. Die Leuchtdioden, deren mittlere Haltbarkeit zehn Jahre oder mehr beträgt, würden „das Leben der Menschen“ spürbar verbessern. Das war durchaus so global gemeint, wie es klingt: Wenn man bedenkt, dass die Leuchtdioden heute 40 Prozent der elektrischen Energie in Licht umwandeln, während es bei Glühbirnen gerade einmal fünf Prozent sind, und dass weltweit ein Viertel aller Elektrizität für Beleuchtung verbraucht wird, kann man sich leicht ausmalen, welche Energie-Einsparung dadurch in Reichweite kommt. Zugleich dürfte die neue Lichttechnologie dazu beitragen, dass die dunklen Flecken in Regionen ohne elektrisches Netz allmählich erhellt werden. „Nachtleben bedeutet Fortschritt“, hatte bereits Thomas Alva Edison, der Schöpfer der modernen Glühbirne, anlässlich seiner Erfindung verkündet. Mit Strom aus Solarzellen und entsprechenden Batterien könnte man in diesen abgelegenen Regionen elektrisches Licht erzeugen und damit nicht nur das Leben der Menschen, sondern auch das nächtliche Bild unseres Planeten stark verändern.

Wider die Lichtverschmutzung #

Die Kehrseite einer immer heller strahlenden Welt ist die so genannte Lichtverschmutzung, vorangetrieben durch die hartnäckige Gewohnheit, immer mehr Licht von immer effizienteren Leuchten freizusetzen. Ermöglicht wird dies durch steigende Lichtausbeute bei sinkenden Kosten. Zugleich hat die fortschreitende Flächenversiegelung zur Ausbreitung der urbanen Lichtglocken geführt. Im 20. Jahrhundert ist die Lichtemission in Richtung Sternenhimmel exponentiell angestiegen. Weil das Licht in der Lufthülle gestreut wird, kommt es zu einer diffusen Aufhellung des Nachthimmels. Darunter leiden nicht nur Astronomen und jene, die sich am Anblick eines prächtigen Sternenhimmels erfreuen – es gibt zunehmend Hinweise, dass künstliche Beleuchtung durch Störung biologischer Rhythmen negative Auswirkungen auf Menschen, Tiere und ganze Ökosysteme haben kann. Die Konsequenzen des „Lichtmülls“ werden erst seit kurzem erforscht, und dringen nur langsam in das Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Einen umsichtigen Umgang mit Licht soll schon bald der Österreich- Pavillon der EXPO 2015 veranschaulichen. Bei der Weltausstellung in Mailand, die von Mai bis Oktober Visionen für die Zukunft unseres Planeten präsentiert, will der österreichische Beitrag mit einer Fassade aus Farbstoff-Solarzellen auf sich aufmerksam machen. Das Medium Licht soll hier ebenso erhellend wie klimafreundlich zum Einsatz kommen. Das Glas-Photovoltaik-System wandelt Licht nach dem Prinzip der Photosynthese in elektrische Energie um und kann hierfür selbst nächtliches Kunstlicht nutzen. Und die LED-basierte Lichtanlage des Pavillons benötigt nur 30 bis 40 Prozent der Energie eines herkömmlichen Beleuchtungssystems. Das „Jahr des Lichts“ eröffnet somit einen Ausblick auf künftige Schlüsselthemen: günstige und Energie-effiziente Beleuchtung, Licht-Sparen und der neue Kampf gegen die Lichtverschmutzung. Luzide Ideen sind weiterhin gefragt.

DIE FURCHE, Donnerstag, 18. Dezember 2014

--> Wenn die Augen wellenreiten (Essay)