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Paradies und Sperrgebiet#

Vor 120 Jahren erwarb der österreichische Industrielle Paul Kupelwieser die istrischen Brioni-Inseln.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 29./30. Juni 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Brigitte Breth


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Römischer Villenkomplex in der Bucht Verige auf Brioni - ein Juwel antiker Landbaukunst.
© Brigitte Breth

Der Name Brioni klingt noch immer fein, verspricht etwas Schönes und Exklusives. Er erinnert an das kunstvoll gestaltete Paradies von Paul Kupelwieser, das er im altösterreichischen Süden erschaffen wollte. Dieser Mann hatte den Mut und die nötigen Mittel dazu und verspürte als 50-jähriger Unternehmer den starken Wunsch nach einer weiteren sinnvollen Aufgabe im Leben.

Er hatte seine erfolgreiche Laufbahn in der Eisenindustrie von Witkowitz beendet und wollte seinen Kindern eine ertragreiche Arbeitsgelegenheit vererben. Als ihm die verwahrlosten brionischen Inseln - 14 Stück mit insgesamt 700 Hektar Grundbesitz - in einem Archipel nördlich von Pola zum Erwerb angeboten wurden, reiste er kauffreudig an. Der Aufenthalt im versumpften Gebiet galt wegen einer tödlichen Form von Malaria als gefährlich. In seinem Buch "Aus den Erinnerungen eines alten Österreichers" notiert Paul Kupelwieser: "Ich hatte durchaus den Eindruck, es könnte bei Aufwand von ein wenig Verstand, Geduld, natürlich auch von immerhin größeren Geldmitteln gelingen, diese Erdscholle gesund, fruchtbar und in seiner Vegetation auch sehr schön zu gestalten."

Er kam, sah und kaufte - und das alles innerhalb von 13 Tagen! In Begleitung reiste Kupelwieser mit der Istrianischen Staatsbahn bis Pola, nahm den Einspänner zum Küstenort Fažana und ließ sich mit einem Fischerboot nach Brioni Grande rudern. Das 120-jährige Jubiläum seiner visionären, folgenreichen Entscheidung wird Mitte August 2013 gefeiert.

Experimentierfeld für Malariabekämpfung#

Den größten Stolperstein am Weg zum luxuriösen Gästeparadies stellt ohne Zweifel die permanente Malariagefahr dar. Der Experte auf diesem Gebiet, der Bakteriologie Prof. Robert Koch, forscht in diesen Jahren über die rätselhafte Erkrankung; in Italien lässt er Studien zur Bekämpfung der Malaria durchführen. Zufällig liest dies Paul Kupelwieser und bietet dem inzwischen weltberühmten Arzt sein verseuchtes Brioni für weitere Experimente an.

Das eigens für Koch gegründete Institut für Infektionskrankheiten in Berlin entsendet im November 1900 Professor Frosch, den Direktor der wissenschaftlichen Abteilung, mit seinem Assistenten Dr. Elsner zur Begutachtung der Situation in den Süden. Sofort fängt Dr. Frosch Stechmücken, entnimmt Gepäckträgern und Oberkellnern mit einer Mini-Stahlfeder Blutproben aus den Fingerkuppen und führt eine mikroskopische Untersuchung im Hotelzimmer durch. Schon beim Abendessen präsentiert er die Resultate: Die Mücken gehörten alle der gefährlichen Familie Anopheles an, die Blutproben zeigten verschiedene Typen von Malaria.

"Dr. Frosch fand, Brioni scheine ein wahres Eldorado zu sein für Leute, welche beflissen wären, Malariastudien zu betreiben", berichtet Paul Kupelwieser in seinen Erinnerungen. Die Präparate werden im Berliner Labor von Koch untersucht. Er ist Pionier in der Entwicklung bakteriologischer Techniken für die Seuchenbekämpfung.

Die Malariaplage lastet seit Jahrhunderten auf dem südlichen Istrien, geschätzt ein Drittel der Bevölkerung ist davon betroffen. Wenn nun das Experiment gelänge, Brioni malariafrei zu bekommen, bestünde Hoffnung, Länder auf der ganzen Welt zu sanieren.

Nach den Prinzipien Kochs beginnt gleich darauf die rege Zusammenarbeit. Der Herr Professor kommt zum Erfahrungsaustausch zweimal persönlich zu Paul Kupelwieser auf die Insel. Die beiden Herren lernen einander sehr schätzen. Außer ihrer Weltoffenheit und Unternehmungslust verbindet sie noch das Jahr ihrer Geburt: 1843.

Dr. Frosch leitet die Forschung und die Behandlung der erkrankten Menschen mit Chinin. Die Ausrottung der Erreger übertragenden Mücken geht man grundlegend an. Die Sümpfe auf Brioni werden mit Schotter aus den dort vorhandenen Steinbrüchen zugeschüttet, mit Petroleum begossen und angezündet, um die Larven zu ersticken. Die dramatische Szenerie wird vom Festland aus gesehen und es tönt: "Brioni brennt!"

Nach Ablauf eines Jahres erweist sich das gut organisierte Experiment als durchaus gelungen: Die weibliche Anopheles-Mücke ist als Überträger der Parasiten identifiziert, die Malaria von der Insel verbannt. Noch ein weiteres Jahr bleiben die Ärzte Kochs auf Brioni, um Kurse zur weiteren Malariabekämpfung vor Ort zu erarbeiten. Die Resultate kommen ebenfalls Koch in Berlin zugute: In den verseuchten deutschen Kolonien werden seine Forschungsergebnisse dringlich erwartet.

Die erste große Hürde für Paul Kupelwiesers Inseltraum an der k.u.k Riviera ist überwunden, Robert Koch erhält 1905 den Nobelpreis für Medizin. Die Vernichtung der gefährlichen Anopheles-Mücke bringt eine die Geschäfte steigernde Nachricht mit sich: Die Brut aller Mücken in den Gewässern ist nun ausgerottet, die Sommer-Saison des noblen Seebades Brioni ist ab jetzt gelsenfrei!

Umgestaltung zum Landschaftspark#

Paul Kupelwieser beweist eine glückliche Hand bei der Auswahl seiner engsten Mitarbeiter. Als Direktor für das neu zu erschaffende Ferienparadies ist Alojz Čufar von Anfang an vor Ort tätig. Er wird als Forstexperte und "Mann von großem Anstand" an den Bauherren Kupelwieser empfohlen und übersiedelt 1894 mit Frau und Kindern auf die verwilderten Inseln. Nach dem radikalen Roden gestaltet man sanfte Waldlandschaften, geschwungene Wiesen, plant Promenadewege für jede Jahreszeit und legt stimmungsvolle Alleen mit exotischen Pflanzen an. Den Transport der ausgesuchten Gewächse und Samen übernimmt die k.u k. Kriegmarine.

Eigene Weingärten mit den Sorten Burgunder, Malvasier, Riesling, Refosco und Bordelaiser Rebsorten werden angelegt, Brioni Wein als edle Marke in Geschäften in Wien, Graz, Lemberg und Prag feilgeboten. Als besondere Delikatesse der Milchwirtschaft gilt der "Imperial-Käse - feinster Dessertkäse nach französischer Methode".

Aus Dankbarkeit beauftragt die Familie Kupelwieser den gefeierten Wiener Künstler Josef Engelhart mit der Gestaltung von Denkmälern für den zukunftsweisenden Arbeitseinsatz von Alojz Čufar und Robert Koch. Um 1900 gilt Engelhart als experimentierfreudiger Meister aller Klassen, unter anderem ist er Gründungsmitglied der Sezession.

Sehr bald stößt man bei Erdarbeiten auf antike Mauerreste. Der Fachmann für Archäologie und Denkmalpflege, Anton Gnirs, unterrichtet an der Marineschule in Pula und übernimmt mit Eifer die Erforschung der Altertümer. Unter den reichhaltigen Funden aus allen Epochen ragt der römische Villenkomplex aus dem 1. Jh. n. Chr. in der Bucht Verige heraus - als ein Juwel antiker Landbaukunst.

Der junge Architekt Eduard Kramer arbeitet erstmals 1902 beim Bau der Bootshütte auf Brioni mit. Der gebürtige Galizier studierte bei Otto Wagner an der Akademie am Wiener Schillerplatz, der führenden Kunstschule des Reiches. Dies ist das Geburtsjahr der Schrift "Moderne Architektur" von Otto Wagner, der revolutionäre Entwurf für einen Baustil mit neuen Materialien und Konstruk-tionen. Für den Montanisten Kupelwieser ist Eisenbeton das Material der Wahl. Kramer plant für ihn mit modernstem Komfort (geheizte Winterschwimmhalle!) ausgestattete Hotelanlagen im sezessionistischen Stil.

Die Wahl eines geeigneten Arztes fällt auf Otto Lenz aus Wien. Persönlich begleitet Paul Kupelwieser den Mediziner zu Geheimrath Koch zur Einschulung an dessen Berliner Institut. Kurarzt Dr. Otto Lenz eröffnet 1903 in eben jenem Bootshaus mit stattlich eingerichteter Apotheke und chirurgischen Instrumenten seine täglich geöffnete Ambulanz.

Blüte und Verfall des k.u.k. Luxusressorts#

Die Frau des Kurarztes, Maria Lenz-Guttenberg, beschreibt in ihren Lebenserinnerungen "Das verlorene Paradies" alle Facetten des Alltags auf der Insel - als Zeugin der bescheidenen Anfänge, des glanzvollen Aufstiegs mit der Blütezeit um 1912/13, der italienischen Ära nach dem Ersten Weltkrieg und des beginnenden Verfalls in den 1930ern. Eine Auflistung des internationalen Publikums von A wie Adams (John Quincy Adams, österreichischer Maler) bis Z wie Zita von Bourbon-Parma (letzte Kaiserin) bringt interessante Einblicke in die Kultur- und Zeitgeschichte Mitteleuropas Anfang des 20. Jahrhunderts. Die hauseigene "Brioni-Zeitung" mit Kurliste beschreibt die ganzjährigen Attraktionen für Kuraufenthalte, Erholung, Sport und glanzvolles Gesellschaftsleben.

1938 verlässt das Ehepaar Lenz Brioni, verunsichert ob der Zukunft unter dem italienischen Regime, und übersiedelt nach Abbazia. Tatsächlich werden die Inseln Brioni wegen ihrer unmittelbaren Nähe zum Kriegshafen Pula militärische Sperrzone, Militärverwaltungen übernehmen das Kommando. Im April 1945 bombardieren die Alliierten die deutschen Besetzter mehrmals, Hafenanlagen und Hotels bleiben zerstört zurück, die Inseln verlassen.

Ihre Wiederbelebung findet in großem Stil auf der Weltbühne der Politik statt, mit kurzen Auftritten von Hollywoodstars. 1947 wird der Brioni Archipel jugoslawisches Staatseigentum, und Josip Broz Tito Präsident auf Lebenszeit. Die Weiße Villa wird zu seinem Amtssitz, die Insel Vanga zu seinem privaten Refugium. 1956 unterzeichnen Tito, Ägyptens Staatschef Nasser und der indische Premier Nehru die Brioni-Deklaration, das Abkommen zur Gründung der "Bewegung der Blockfreien Staaten". Aufrecht bleibt das streng geschützte militärische Sperrgebiet bis zu Titos Tod im Jahr 1980. Eine Fotoausstellung im Museum zeigt die bedeutenden Jahrzehnte Titos auf Brioni. Für den kroatischen Präsidenten steht die Hauptinsel weiterhin als Residenz zur Verfügung.

Der "Nationalpark Brijuni" ist seit 1985 für Besucher geöffnet. Das Ausstellungsprojekt "Bye-bye, Anopheles!" knüpft an die historisch gewachsene Verbundenheit Österreichs mit Kroatien aus der Zeit der Donaumonarchie an. Hans Kupelwieser, Großneffe von Paul, Multimedia-Künstler, stellt bis Ende August seine Installationen im Nationalpark Brijuni aus.

Brigitte Breth lebt als freie Autorin und Fotografin in Wien. In zahlreichen Reiseberichten und Fotoausstellungen im In- und Ausland richtet sie ihr Augenmerk bevorzugt auf Süd-Osteuropa.

Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 29./30. Juni 2013